Tipps für die mündliche Prüfung
Raus mit der Sprache!


Von: Gloria Beck Übelkeit? Herzrasen? Bammel vor der mündlichen Prüfung? Mit den richtigen Strategien ist das kein Thema mehr!


Es gibt zwei Kategorien von Menschen: Der einen bricht schon beim bloßen Gedanken an die mündliche Prüfungssituation der Schweiß aus. Der anderen ist die Vorstellung ziemlich schnurz. Müßig, zu diskutieren, woran das liegt – Gloria Beck, Fachfrau und Buchautorin, hat die wichtigsten Überlebensstrategien für dich zusammengefasst:

Die Vorbereitung Nicht viel lernen ist sinnvoll, sondern ausgewählt das Richtige lernen. Es gilt die Reihenfolge: Zuerst das lernen, was mit dem Lehrer abgesprochen wurde. Dann die jeweiligen Schwerpunktgebiete. Danach das, was im Unterricht außerdem noch Thema war.

Nehmt euch Sekundärliteratur dazu, möglichst die gängige. Denn dann besteht die Möglichkeit, dass Prüfer »richtig« finden, was ihr sagt, weil sie es selbst irgendwann einmal gelesen haben.

Erst, wenn ihr das Geforderte intus habt, solltet ihr euch an das Zusatzwissen heranmachen, das ist der Bonus, der später den Unterschied zwischen glücklichen Prüfern und Prüfern ausmacht, die vor Begeisterung vollkommen aus dem Häuschen sind. Um Lehrer und Prüfer in diesen Ausnahmezustand zu versetzen, braucht es Grund- und Zusatzwissen. Nichts ist schlimmer, als wenn ganz simple Dinge, die auch noch im Unterricht besprochen wurden, in der Prüfung nicht gewusst werden. Dann fragt nämlich leider keiner mehr danach, was ihr denn darüber hinaus über das Thema wisst. Prüfer gehen davon aus: Wer die absoluten Grundlagen nicht beherrscht, der kennt sich einfach nicht aus.

Tauscht euch gegenseitig aus, lest wechselseitig die Mitschriften aus dem Unterricht, besprecht und wiederholt, was im Unterricht gesagt wurde. Dass ihr auch die Prüfungssituation einüben solltet (einer spielt den Prüfer, die anderen sind die Prüflinge), ist klar. Einige nette Lehrer bieten sogar Probeprüfungen an (sprecht Lehrer darauf an!). Scheut euch auch nicht, den Stoff euren Eltern vorzutragen, eurer Tante, Oma, eurem Bruder, Kumpel, Freund, Nachbarn… usw. Denkt dran: Egal, wen ihr im Moment alles damit nervt, die Abi-Note bleibt euer ganzes Leben. Später erinnert sich keiner mehr daran, dass du ihn vollgequatscht hast, aber wenn du in der mündlichen komplett scheiterst, wirst du das Trauma ewig nicht mehr los.

Die Bewertung Wider der Annahme der meisten: In der mündlichen Abiprüfung kommt es zwar auf das erlernte Wissen an, aber eigentlich nicht in erster Linie. Wer gar nichts weiß, fällt klar durch, keine Frage. Aber wer nur ein wenig weiß, kann mit einer guten Note bestehen! Das ist das Besondere am Mündlichen. Grund dafür ist, dass in der Prüfungssituation Folgendes auch bewertet wird: Wie flexibel kannst du auf gestellte Fragen reagieren? Wer nichts sagt, kann nicht bewertet werden. Also antwortet auf jede Frage, aber vermeidet »Weiß ich nicht!«. Denn das ist immer die schlechteste aller möglichen Antworten. Prüfer können dann nämlich nicht anders und müssen sich ein Minus notieren, selbst, wenn sie es gut meinen. Also versuche, flexibler zu reagieren, das heißt, gib Alternativen vor wie zum Beispiel: »Könnten wir die Frage bitte zurückstellen?«, »Ich würde diese Frage, wenn möglich, gerne später beantworten!« Noch besser: Mach eigene Vorschläge (ja, das ist erlaubt!), zum Beispiel: »Ich würde, bevor ich diese Frage beantworte, gerne über X sprechen«. Vergiss aber nicht die Begründung dafür, die nicht lauten darf: »Weil ich darüber mehr weiß«, sondern immer sachlich und themenbezogen sein muss, zum Beispiel: »Weil es für das Verständnis von X notwendig ist« oder »Um X besser verstehen zu können« oder »Um X mal von einer anderen Seite zu beleuchten« oder »Um die Folgen von X besser einschätzen zu können« und Ähnliches.

Kannst du dir Urteile über thematische Aspekte bilden? Du wirst sicherlich im Laufe der Prüfung auch nach deiner eigenen Meinung gefragt werden. Bitte merken: Sag immer das, was du am besten begründen kannst. Überhaupt – es kommt häufig auf die Begründung an, also warum du das oder das gut oder weniger gut findest. Verwechsle diese Fragen nicht mit dem Interesse der Prüfer an deiner persönlichen Meinung. Prüfer interessiert nicht deine Persönlichkeit (die wird ja nicht bewertet), sondern deine Fähigkeit, zu argumentieren und die Weise, wie du Gründe aufzählen und erläutern kannst.

Bist du in der Lage, das Prüfungsgespräch zu steuern? Kannst du angemessen formulieren? Nicht ganz einfach, aber machbar ist es, dass du selber das Prüfungsgespräch (idealerweise sollte es ja ein Gespräch, keine Abfrage sein) steuerst. Auch wenn dies als Leitlinie der Bewertung häufig für Lehrer/Prüfer vorgeschrieben ist, reagieren diese erfahrungsgemäß empfindlich, wenn du den Spieß umdrehst. Aber wenn sie sich darauf einlassen, dann hast du schon gewonnen. Versuch es: Mach Vorschläge, worüber du gerne sprechen würdest, sag, es sei bedeutend, weil… Vermeide zuzugeben, dass du viel über ein Thema weißt und es deswegen ansprichst. Ehrlichkeit ist hier falsch. Fang lieber einfach an, darüber zu sprechen, rede dich hinein und lass dich nicht gleich unterbrechen. Sag nicht nur Stichworte, sondern formuliere lange Sätze, nimm dir Zeit, atme ein, um zu überlegen, aber rede, wenn möglich, mit Bestimmtheit, ohne als Laberbacke rüberzukommen. Jede Frage von Prüfern birgt die Gefahr, die Antwort nicht zu wissen. Sei begeistert von dem, was du erzählst. Denk dran: Die Zeit muss vergehen! Geh aber auch kein Risiko ein und bleib auf sicherem Boden, sag nichts, was du nur ungefähr weißt. Und noch eins: Deute, was du nicht weißt, nicht selber an! Denn dann greifen Prüfer es auf, denken, es sei ein Hinweis von dir gewesen auf etwas, was du weißt und beginnen zu bohren.

Bist du transferfähig und besitzt du Methodenkompetenz? Häufig wird erwartet, dass Prüflinge die Inhalte des Gelernten auch übertragen können auf den Alltag oder eine Methode erklären und anwenden können. Hinterfragt deswegen den Lernstoff bei der Vorbereitung: Stimmt das überhaupt so? Wie geht diese Methode vor? Würde ich es anders machen? Welche praktische Relevanz hat X?

Zu guter Letzt gilt: Mach dich nicht verrückt. Schau dich um, so viele haben das schon hinter sich gebracht. Danach wird’s übrigens besser. Die Abi–prüfungen sind nämlich häufig viel schwieriger als all das, was später im Studium folgt. Viel Glück!

Buchtipp: In »Rhetorik für die Uni« verrät Gloria Beck gezielte Strategien für den Uni-Alltag. Gloria Beck ist ausgebildete Philosophin und Germanistin und arbeitet als Managementberaterin in Köln. Eichborn Verlag, 14,90 Euro.


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