Studenten der TU Berlin leihen ihre Bücher in der ‘Volkswagenbibliothek’ aus, an der Fachhochschule Würzburg finden Vorlesungen im blau-orangenen Aldi-Hörsaal statt, und in Bremen ist gleich die gesamte Hochschule nach Kaffee- Erbe Klaus Jacobs benannt, der der Einrichtung 200 Millionen Euro spendete. Kurzum: Hochschulsponsering ist mittlerweile in der deutschen Bildungslandschaft angekommen. Als Vorreiter für diesen Trend steht die Uni Mannheim: Da viele Hörsäle renovierungsbedürftig waren, griffen die Studenten und Mitarbeiter selbst zu Pinsel und Farbe. Doch bei bestimmten Arbeiten brauchte es eben professionelle Handwerker, daher suchte die Uni Unternehmen, die finanzielle Unterstützung leisteten. Als Gegenleistung bekam der Audimax den Namen der Stifter – heute tragen alle bis auf drei Hörsäle den Namen von Spendern.
Mittlerweile beschäftigt die Hochschule Mannheim auch sechs Stiftungsprofessuren, die also nicht aus dem Budget der Hochschule finanziert werden, sondern ganz oder teilweise von einem Drittmittelgeber. Insgesamt listet der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft in einer aktuellen Studie circa 660 Stiftungsprofessuren auf. »Rund ein Drittel sind in den Wirtschaftswissenschaften angesiedelt, etwa 20 Prozent in den Ingenieurwissenschaften – in den MINTFächern liegt der Anteil bei über 30 Prozent«, sagt Melanie Schneider vom Stifterverband. Dazu kommen noch über 500 ehemalige Stiftungsprofessuren, die entweder inzwischen von den Hochschulen übernommen wurden oder aber ausgelaufen sind. Der Anteil der privat geförderten Lehrstühle an den Professuren hierzulande beträgt damit rund zwei Prozent. Die USA sind hier schon bedeutend weiter: Dort konnten Colleges und Universitäten 2006 rund 24 Milliarden Dollar an Privatspenden verbuchen. Allein die 400 Harvard-Fundraiser sammelten fast eine halbe Milliarde. Dies ist unter anderem im amerikanischen Steuerrecht begründet: Nachlässe werden in den USA komplett besteuert –wer das Vermögen in eine Stiftung einbringt, bleibt steuerfrei. »Die Stiftungslehrstühle haben Zeit gebraucht, um sich in Deutschland zu etablieren – sowohl in der Wahrnehmung der Hochschulen, als auch von Fördererseite. Es mussten Erfahrungen mit der Umsetzung gemacht werden«, erklärt Melanie Schneider.
Zentraler Kritikpunkt an Stiftungslehrstühlen war und ist, dass sie sich nicht mit dem Humboldtschen Ideal von Hochschulfreiheit und unabhängiger Forschung decken: Unis sollten sich demnach selbst finanzieren, frei von allen staatlichen und wirtschaftlichen Einflüssen. Die Realität sieht jedoch anders aus: Entweder der Staat oder private Unternehmen finanzieren normalerweise die Hochschulen. »Der ständige Wettbewerb unter den Universitäten und Forschungseinrichtungen um Drittmittel gewährleistet gleichzeitig die hohe Qualität der Forschung«, sagt Christiane Ackermann, Leiterin des Dezernats Forschung der Technischen Universität (TU) Darmstadt, wo die Drittmittel circa ein Drittel des gesamten Etats der Universität ausmachen. Mit über 30 Millionen Euro stellt die Industrie rund ein Viertel der gesamten Drittmittel. Frank Frieß, Leiter des Hochschulreferats Fundraising an der Technischen Universität München (TUM), sieht in den Stiftungslehrstühlen eine Win-Win-Situation: »Mit Hochschulfundraising kann man sehr schnell auf gesellschaftliche und technologische Entwicklungen reagieren.
Dadurch ist ein beschleunigter Wandel möglich, der so alleine mit staatlichen Mitteln nicht stattfinden könnte«, erklärt Frieß und ergänzt: »Unternehmen können durch Stiftungen bestimmte Themen in Wissenschaft und Forschung platzieren und talentierten Nachwuchs rekrutieren.« Eine Gefährdung der universitären Freiheit sieht Frieß damit nicht im Hochschulfundraising: »Die Freiheit der Wissenschaft, Forschung und Lehre ist im Grundgesetz festgeschrieben.« Dies spiegele sich auch in den Kooperationsverträgen zwischen Unis und Unternehmen wider. »So beruft zum Beispiel bei Stiftungslehrstühlen die Uni den Professor und nicht das Unternehmen.« An der TUM befinden sich 35 Stiftungslehrstühle. Als Vorzeige- Projekt gilt für Frank Frieß die Carl von Linde-Akademie, die auf Antrag der TUM vom Bayerischen Staatsministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst als Zentralinstitut der Hochschule eingerichtet wurde. Ermöglicht wurde die Gründung durch eine großzügige Stiftung der Linde Group.
Als interdisziplinäre ausgerichtete, zentrale wissenschaftliche Einrichtung haben Studenten hier die Möglichkeit, sich über das Fachwissen hinaus Schlüsselqualifikationen anzueignen, Lehrende können sich indes hochschuldidaktisch weiterbilden. Im Bereich der Ingenieurwissenschaften ist der ‘EADS-Stiftungslehrstuhl für Hubschraubertechnologie’ das neueste Projekt am TUM-Campus in Garching bei München, der mit etwa 4,3 Millionen Euro dotiert ist. »Mit der Aufnahme des Stiftungslehrstuhls leisten wir einen Beitrag dazu, dass die Forschung auf dem Gebiet der Hubschraubertechnologie nicht ihren internationalen Märkten folgt, sondern in Deutschland stark besetzt ist und hier den Ingenieurnachwuchs hervorbringt«, erläutert TUM-Präsident Wolfgang A. Herrmann. Der EADS-Stiftungslehrstuhl ist auf eine Dauer von acht Jahren angelegt und wird die Basis für ein zukünftiges ‘Kompetenzzentrum für Luft- und Raumfahrt’ (KLR) sein. Für Nils Ostgathe, Maschinenbau-Student an der TUM weisen die drei Fakultäts-Stiftungslehrstühle keinen wirklichen Unterschied zu den restlichen Lehrstühlen auf. »Sie haben also keinen direkten Benefit, nur weil sie Stiftungslehrstühle sind«, sagt der 23-Jährige und fügt hinzu: »Was allerdings nicht vergessen werden darf, ist, dass es sie ohne eine eigene Stiftung wohl so nicht geben würden. Diese Tatsache ist natürlich für die Studenten, die einen größeren Bezug zu einem dieser Lehrstühle haben, sehr positiv, da sonst diese Gebiete wohl nur oberflächlich von anderen Lehrstühlen behandelt würden.« Gerade bei neuen, zukunftsweisenden Themen besteht für Unternehmen oftmals ein großes Interesse, in Stiftungsprofessuren zu investieren. »Das gilt insbesondere an den ‘Schnittstellen’ der etablierten Fächer«, sagt Thomas Behr, Leiter Technologiemonitoring und Forschungspolitik bei der Daimler AG. Seit Bestehen des Förderprogramms ‘Stiftungsprofessuren’ des Stifterverbands hat das Unternehmen insgesamt 19 Lehrstühle an verschiedenen Unternehmen im In- und Ausland gefördert. Ein zukünftiges Projekt ist die Einrichtung der Stiftungsprofessur ‘Hybrid Elektrische Fahrzeuge’ am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). »Damit wollen wir die Forschungslandschaft auf diesem Gebiet stärken«, sagt Behr und benennt auch die Kooperationsvorteile für die Daimler AG: »Eine Stiftungsprofessur fördert den guten Kontakt zu hoch qualifizierten Absolventen, und wir können unser Netzwerk in der Wissenschaft vertiefen oder erweitern. Insbesondere wird auch der Austausch und das Verständnis zwischen Wissenschaft und Wirtschaft gestärkt.«
Ingo Sass beurteilt indes die Stiftungslehrstühle aus Sicht eines Stiftungsprofessors. Seit September letzten Jahres leitet er das Institut für Angewandte Geowissenschaften an der TU Darmstadt, das von HSE, einem regionalen Energieversorger in Südhessen, für zunächst fünf Jahre gestiftet wurde. »Das Unternehmen stellt seine Produktangebote vorwiegend auf erneuerbaren Strom um und möchte durch die Stiftungsprofessur die Forschungslücke in diesem Bereich schließen«, sagt Sass. Speziell bei seinem Lehrgebiet der Geothermie seien Kooperationen mit der Industrie unerlässlich, da die Bohrungen sehr teuer sind.
Einen Gewinn sieht Ingo Sass vor allem darin, dass finanzielle Mittel für eine hochwertige Grundausstattung vorhanden sind. »Das wiederum erhöht die Chance, durch gut begründete und zukunftsweisende Forschungsvorhaben weitere Drittmittel anzuwerben.«
Hochschulsponsoring
... stellt eine weitere Möglichkeit dar, Finanzierungslücken im Bildungssektor zu schließen. Darunter versteht man die Zuwendung von Finanz-, Sach- und / oder Dienstleistungen von einem Unternehmen an eine Hochschule. Im Gegenzug werden dem Sponsoren Rechte zur kommunikativen Nutzung von Institutionen bzw. Personen und/oder Aktivitäten des Gesponserten gewährt. Dem Sponsering liegt eine vertragliche Vereinbarung zu Grunde. Eine mögliche Dienstleistung kann die Bereitstellung von Praktikantenplätzen sein oder die Abstellung von Dozenten.
Als Sachleistungen ist die Finanzierung von Hard- und Software oder sonstigen Geräten denkbar. Gegenleistungen von Seiten der Hochschule sind zum Beispiel: Benennung des Sponsoringprojekts nach dem Sponsor (Räume) oder die Werbepräsenz des Sponsors bei Hochschulveranstaltungen.
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