Berufseinstieg als Ingenieur im Schiffbau

Auf hoher See: Krabbenkutter, Kreuzfahrtschiff oder Konvertplattform – Ingenieure im Schiffbau müssen mit allen technischen Wassern gewaschen sein

Berufseinstieg als Ingenieur im Schiffbau

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Dr. Ralf Sören Marquardt ist überzeugt:

»Die Berufsaussichten für Ingenieure im Schiffbau sind exzellent und auch mittelfristig als sehr gut zu bezeichnen, da in vielen Bereichen von Schiffbau und Meerestechnik in Deutschland die Weltwirtschaftskrise überwunden ist und wieder verstärkt eingestellt wird.«

Warum das so ist? Der erfahrene Schiffbau-Ingenieur und Geschäftsführer des Verbands für Schiffbau und Meerestechnik (VSM) kennt die Antwort:

»Die Umstrukturierung des deutschen Schiffbaus auf ausrüstungsintensive Spezialschiffe wie Fahrgastschiffe, Jachten, Offshore-Fahrzeuge und -Plattformen, U-Boote und andere Marinefahrzeuge bewirkt einen steigenden Ingenieurbedarf. Während noch vor wenigen Jahren auf deutschen Werften mit einer relativ kleinen Ingenieurbelegschaft Standardschiffstypen wie Containerschiffe und Tanker in Serie gebaut wurden, dominiert nun die Produktion von Einzelstücken, für die deutliche höhere Entwicklungskapazitäten benötigt werden.«

Die Branche befindet sich also in einem Aufschwung – wer sich heute für eine Karriere als Ingenieur im Schiffbau entscheidet, liegt mit seiner Wahl goldrichtig.

So wie Tim Krug. Seit seinem Abschluss im Fach Schiffbau und Maritime Technik an der FH Kiel ist Krug bei der Meyer Werft als Head of Design Group im Sales and Design Department tätig. »Am interessantesten für mich«, erzählt der 29-Jährige, »ist die Kombination aus architektonischen Anforderungen, technologischen Fortschritten und dem komplexen System Schiff, welches nichts anderes ist als eine vollwertige Stadt auf See mit eigenen Stadtwerken, Wohnungen und Freizeitmöglichkeiten. Gleichzeitig«, fügt Krug hinzu, »ist es nötig, das Passagierverhalten und die individuellen Reedereianforderungen genauestens zu kennen, da jedes Schiff ein exakt auf die jeweiligen Anforderungen zugeschnittenes Gesamtkonzept ist.« Schiffe kommen eben nicht vom Fließband.

 

Schiffbau bietet auch für Frauen zahlreiche Möglichkeiten

Auch Laura-Catherine Pflughaupt, die nach ihrem Masterabschluss in Schiffbau und Meerestechnik als Objektkoordinatorin Maschinenraum bei der Flensburger Schiffbau Gesellschaft arbeitet, ist froh über ihre Berufswahl:

»Die Schiffbauindustrie ist sehr abwechslungsreich durch die Entwicklung vom Serienschiffbau hin zur Einzelfertigung und Kleinstserienproduktion von Spezialschiffen. Spezialschiffbau bedeutet anspruchsvolle maßgeschneiderte Lösungen und führt zu technischen Herausforderung in der Konstruktion, Planung, Produktion und Inbetriebnahme eines Schiffes.«

Besonders schätzt die 25-Jährige die große Abwechslung, die von ihr als Ingenieurin viel Anpassungsvermögen fordert sowie die kurzen Bauzyklen zwischen Konstruktion und Fertigstellung. »Das gestaltet meine Arbeit sehr spannend«, erklärt Pflughaupt.

 

Schiffbau kennt keinen Stillstand

Besonders für den Schiffbau gilt: Kein Projekt ist wie das andere und Stillstand ist ein Fremdwort. Tim Krug arbeitet für die Meyer Werft an mehr als 100 verschiedenen Projekten im Jahr. Da sich seine Auftraggeber nicht nur hierzulande angesiedelt haben, sondern über den ganzen Globus verstreut sind, gehören wöchentliche Kurzreisen zu Krugs Alltag. Wenn der 29-Jährige dann einmal in seinem Büro in Papenburg sitzt, kehrt trotzdem keine Routine ein.

»Im Büro selbst«, so Krug, »ist jeder Tag anders und oftmals nicht planbar. Vor allem die hohe Anzahl an Projekten und die unterschiedlichen Schiffstypen – von Kreuzfahrtschiff bis Passagierfähre und von Forschungsschiff bis Gastanker – fordern eine hohe Flexibilität und da die Kunden vor allem in der frühen Projektphase mit täglichen Änderungswünschen an uns herantreten, ändert sich die Tagesplanung mehrmals täglich. Parallel zur Projektarbeit fallen außerdem die Umsetzung von internen Designstudien, die Untersuchung neuer Technologien und Trendrecherche in meinen Aufgabenbereich.«


Genau diese Vielfalt ist es, die seinen Beruf für Tim Krug so spannend macht. Sich an ein einziges besonderes Projekt zu erinnern, fällt ihm daher schwer.

»Ein herausragendes Projekt der letzten Zeit war das Forschungsschiff Sonne, das für die Werft ein neues Produktumfeld eröffnete und vor allem durch die wissenschaftliche Ausrüstung an Bord eine neue Herausforderung darstellte. Ein weiteres Highlight für mich«, ergänzt Krug, »war ein Projekt für die amerikanische Reederei RCI aufgrund seiner innovativen und einzigartigen Attraktionen an Bord. Eine gläserne und transformierbare Lounge am Heck und die an einem Kran schwenkbare Aussichtsplattform machten vor allem die technische Umsetzung sehr spannend.«

 

Schiffbau: Ingenieure müssen hohen Anforderungen gewachsen sein

Neue Produktumfelder, steigende technische Ansprüche, größere Spezialisierung – diese Richtungen sind es, in die sich der Schiffbau in den nächsten Jahren weiterentwickeln wird. Das glaubt auch Dr. Ralf Sören Marquardt vom Verband für Schiffbau und Meerestechnik. Doch beim Schiffbau allein wird es für die Werften nicht bleiben.

»Zusätzlich«, so Marquardt, »zeichnet sich ein Trend zu maritimen Anlagenbau ab. Deutsche Werften liefern neben Schiffen vermehrt Offshore-Strukturen wie Konverterplattformen, Wohnmodule oder Fundamente für Windkraftanlagen. Viele dieser Produkte beziehen sich auf die Windenergiegewinnung aus dem Meer. Aufgrund technischer Synergien zwischen zahlreichen Offshore-Produkten für verschiedene Anwendungen der marinen Energie- und Rohstoffgewinnung gelingt es der hiesigen Schiffbauindustrie auch, verstärkt in den Bereichen Öl- und Gasgewinnung und Meeresbergbau Fuß zu fassen.«


Für angehende Ingenieure bedeutet das, den steigenden Ansprüchen an die Werften und ihre Produkte gewachsen sein zu müssen.

»Bei den fachlichen Anforderungsprofilen dominiert heutzutage der Bedarf an technisch-wissenschaftlichen Grundlagen gegenüber der Vertiefung im Anwendungsgebiet«, so Marquardt. »Gefragt ist hierbei eher methodische Kompetenz in der sicheren Anwendung von Grundlagenwissen auf technische Probleme als die Beherrschung großer Mengen von Spezialkenntnissen, deren Halbwertszeit abnimmt.«

Nicht weniger wichtig ist, dass Absolventen neben Fach- auch mit Sprach-, Projektmanagement- und Logistikkenntnissen, Team- und Kommunikationsfähigkeit sowie Mobilität aufwarten können. Bei der Meyer Werft ist es zunächst zweitrangig, ob dabei ein Bachelor- oder Masterabschluss auf dem Zeugnis steht.

»Wir geben auch jungen Bachelorabsolventen die Chance, in unser Unternehmen einzusteigen. Bei vielen Positionen werden zwar erste Berufs- oder Praxiserfahrungen gerne gesehen, es geht aber in den meisten Fällen auch ohne«, erklärt Personalreferentin Stefanie de Vries. »Wir wollen gerade jungen Absolventen ermöglichen, sich mit ihrem an der Universität oder der Fachhochschule erworbenen Wissen in der Praxis zu beweisen und das Wissen gleich anzuwenden.«

Sowieso ist es das Training-on-the-Job, das einen Absolventen zu einem guten Schiffsbauingenieur macht. Bei der Meyer Werft oder der Hamburger Werft Blohm + Voss Shipyards weiß man um den erhöhten Betreuungsbedarf frisch eingestellter Jungingenieure. Spezielle Einarbeitungsveranstaltungen, persönliche Ansprechpartner und individuell zugeschnittene Fortbildungsmaßnahmen helfen, den Einstieg zu erleichtern und Fachkenntnisse zu vertiefen.

Was es dann heißt, als Ingenieur am Bau von Schiffen beteiligt zu sein, fasst Frank Hollmann, Leiter Human Resources bei Blohm + Voss Shipyards, zusammen:

»Schiffbau ist Teamarbeit und zugleich sehr familiär und herzlich, kann aber auf einer Werft auch etwas rau sein. Mit diesem Spannungsfeld muss man umgehen können. Auch ein Jungingenieur muss bereits belastbare Entscheidungen treffen. Das alles macht die Arbeit spannend und zugleich extrem herausfordernd.«

Svenja Franziska Müller

Dieser Text stammt aus der Feder von:

Svenja Franziska Müller

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13.09.2013
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Foto: Armando Aguayo Rivera / Quelle: <a href="http://www.flickr.com/" target=_blank>Flickr.com</a> unter CC BY 2.0

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