Foto: Gerd Altmann (Pixelio)

Wirtschaftsinformatik: Könige der IT


Von: Thomas Günther BWL und Informatik lösen als Einzeldisziplinen in aller Regel schon keinen Sturm der Euphorie aus. Logisch, dass eine Kombination der beiden Fachbereiche meist mit »Ach, muss nicht sein« kommentiert wird. Umso besser für ‘Winfos’, denen die Karrieretür sperrangelweit offen steht.

Es gibt ein paar Dinge in unserer Welt, die lösen bei vielen Menschen Desinteresse aus. Die gehobene Mathematik ist so ein Gebilde. Bis sich das X in die Gleichungen schlich, hatte die Schulzeit etwas von unberührter Seligkeit. Als dann dessen kleine Schwester Y dazukam, war für viele von uns der Ofen aus. Eine Kurvendiskussion richtig durchzuführen, bedeutete schon eine ziemliche Hürde, aber Betriebswirtschaft studieren, Bilanzen aufstellen? Um Himmels Willen! Ein anderer, oftmals mit einem schiefen Gesichtsausdruck gemusterter Gegenstand heißt Informatik. Die meisten von uns wissen, wo der On-Off-Knopf am Computer ist und dass, wenn du auf der Tastatur auf ‘A’ drückst, das ‘A’ auch irgendwie auf dem Monitor erscheint. Wenn es aber darum geht, Programme zu schreiben, den PC zu defragmentieren oder an der Grafikkarte zu basteln, endet für sicherlich 75 Prozent der Menschheit der Horizont – und niemand muss sich dafür schämen. BWL und Informatik sind halt nicht jedermanns Sache. Allein der Gedanke an eine Verknüpfung der beiden Fachbereiche führt dementsprechend bei einem Teil der Bevölkerung zu Nasenrümpfen. Aber es gibt Menschen, die diese Kombination lieben. Die Bilanzen aufstellen und defragmentieren können. Die das asymptotische Verhalten linearer Gleichungen mit Wurzelfunktion untersuchen, während sie Sicherheitsprogramme schreiben. Und die noch viele andere tolle Dinge können, von denen der Otto Normalbürger gar nicht weiß, dass es so etwas überhaupt gibt. Wirtschaftsinformatik nennt sich das dann – und liegt schwer im Trend.

»Die Nachfrage nach Wirtschaftsinformatikern ist ungebrochen hoch, die Arbeitsmarktsituation für Absolventen hervorragend.« Diese Aussage von Ulrich Frank, Professor an der Universität Duisburg-Essen und Sprecher des Fachbereichs Wirtschaftsinformatik in der Gesellschaft für Informatik (GI), steht wie in Stein gemeißelt und bedeutet: Wirtschaftsinformatiker sind die Könige der IT, die ja ohnehin ein zukunftsträchtiges Arbeitsfeld ist. Was sich so leicht dahin sagt, lässt sich mit Zahlenwerk untermauern. Laut des Berliner trendence Instituts arbeiten Wirtschaftsinformatiker durchschnittlich länger als andere ITler, sie erhalten dafür mehr Gehalt, müssen weniger Bewerbungen schreiben, bevor sie einen Job bekommen und haben dadurch einen teils erheblich kürzeren Bewerbungsprozess. Fast drei Viertel aller Absolventen haben nach spätestens drei Monaten einen Job. Gute Aussichten also für derzeit rund 25.000 Wirtschaftsinformatikstudenten, davon etwa 15 Prozent Frauen.

Gute Aussichten, die auch Christian Häfner dazu bewogen haben, sein Studium der Betriebswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Wirtschaftsinformatik zu versehen. Nach dem Studium an der TU Bergakademie im sächsischen Freiberg sowie in Budapest bewarb sich Häfner initiativ bei der Otto Group. Nach zwei Auswahlgesprächen war die Zusammenarbeit besiegelt. Seitdem hat er schon viel erlebt. »Eingestiegen bin ich im IT-Kundenmanagement. Das ist eine klassische Schnittstellenfunktion zwischen den Kunden der IT innerhalb des Konzerns und den Softwareentwicklungsteams «, erklärt der Fachmann. In der Funktion als Key Account ist Häfner verantwortlich für den Projektverlauf bis zur Umsetzung, inklusive inhaltlicher Bewertungen von Projekten und Beratung der Kunden hinsichtlich der benötigten Anforderung von Geschäftsprozessen an die IT. Die vielfältigen Aufgaben können zudem schon mal ins Ausland führen. »Es kann heute um die Anbindung eines Dienstleisters für die französische Heine-Tochter Helline gehen, morgen ist es die Einführung einer neuen Zahlungsart bei der Otto-Group-Tochter Bonprix«, berichtet Häfner.

Da der Bedarf an Wirtschaftsinformatikern weiter steigt, weil »Unternehmen mehr und mehr mit IT durchdrungen sind«, wie es Ulrich Frank von der GI ausdrückt, finden Absolventen entsprechender Studiengänge nicht nur in klassischen IT-Bereichen einen Platz, sondern auch in vielen anderen Fachsparten. Die Otto Group beispielsweise sucht ‘Winfos’ für Kundenmanagement, Data Warehouse und Business Analytics. Aber was müssen Bewerber außer dem notwendigen Know-how mitbringen, um Karriere zu machen? »Lust und Leidenschaft, Dinge zu bewegen, sich mit speziellen Tools auskennen, praktische Erfahrungen gesammelt und Visionen haben, mit de nen wir Millionen Kunden begeistern können «, zählt Sabine Josch, Bereichsleiterin Personalmarketing und Service Center Personal bei der Otto Group auf.

Der Einstieg erfolgt bei Otto, wie in den meisten anderen Unternehmen, direkt oder über ein Traineeprogramm. »Wir suchen Absolventen, insbesondere Winfos in allen Unternehmensbereichen sowie Trainees im ECommerce und internationalen Projektmanagement. Die Einsteiger übernehmen dabei schnell Verantwortung für eigene Themen und Projekte«, berichtet Sabine Josch.

Wirtschaftsinformatiker sind also heiß begehrt. Viele Studenten wissen das und halten dementsprechend mit ihren ehrgeizigen Arbeitgeberwünschen nicht hinter dem Berg. Fast 30 Prozent der befragten Teilnehmer des ‘Absolventenbarometers 2008’ gaben an, bei SAP Karriere machen zu wollen. Auf den weiteren Plätzen folgen Google, IBM, Siemens und allerlei Automobilhersteller. Das bei derartigen Wunscharbeitgebern die Vorstellungen, wie hoch das Einstiegsgehalt sein sollte, ebenfalls nicht ganz bescheiden ausfallen, liegt auf der Hand. Knapp 44.000 Euro sollten es schon sein, hat trendence ermittelt. Diesbezüglich sind Wunsch und Wirklichkeit gar nicht so weit auseinander. So liegt die Einstiegsvergütung für Universitätsabsolventen mit Masterabschluss bei rund 45.000 Euro und damit höher als bei ‘einfachen’ Informatikern. Fachhochschulabsolventen starten in der Regel mit einem etwas geringeren Einstiegsgehalt.

Für die üppige Vergütung dürfen die Unternehmen natürlich Leistung erwarten und haben meist ein hohes Anforderungsprofil. »Neben einer hervorragenden fachlichen Ausbildung sollten Wirtschaftsinformatiker eine ausgeprägte interdisziplinäre Kompetenz mitbringen, das heißt, die spezifischen Methoden der Wirtschaftsinformatik überzeugend einsetzen und gleichzeitig professionell in der jeweiligen Fachterminologie mit Betriebswirten und Informatikern sprechen können«, führt Experte Professor Frank aus und ergänzt: »Außerdem haben Wirtschaftsinformatiker häufig engen Kontakt zu Kunden, weshalb eine hohe soziale und kommunikative Kompetenz sowie sehr gute Englischkenntnisse für eine erfolgreiche Karriere unabdingbar sind.« Keine abschließenden Aussagen lassen sich hingegen über die Studienabschlüsse treffen. »Es ist noch nicht klar, wie sich Einstiegs- und Karrierechancen von Wirtschaftsinformatikern mit einem Bachelorabschluss entwickeln«, erklärt Frank. Absolventen eines Masterstudiengangs allerdings haben laut seiner Einschätzung sehr gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt. 

Wer clever ist, optimiert seine Chancen, indem er auf ein duales Studium mit einem festen Praxispartner setzt. Das geht auch bei Unternehmen, hinter denen man nicht zwangsläufig Wirtschaftsinformatiker erwartet – wie in der Touristikbranche bei Thomas Cook. Benedikt Weber studiert an der Dualen Hochschule Mannheim und arbeitet beim Reiseveranstalter. Zu Webers ersten Aufgaben gehörte, sich mit den Systemen des Tourismusanbieters vertraut zu machen. »In der Praxisphase haben wir dann ein eigenes Projekt bekommen. Ziel war es, ein übersichtliches und leicht zu bedienendes Geografie-Informationssystem zur Anzeige geografischer Daten in der Programmiersprache Java zu entwickeln«, erzählt Weber. Sein Kollege Benjamin Weller kann Ähnliches berichten: »Wir hatten zunächst sehr viele Seminare für verschiedene Tools wie Excel, Java und PowerPoint. Jetzt sollen wir für Kunden, die mit dem Buchungssystem arbeiten, eine schöne grafische Oberfläche programmieren, damit der Buchungsvorgang einfacher und übersichtlicher wird.« Und warum hat er sich für die Kombination aus Wirtschaft und Informatik entschieden? »Weil mir das einfache Programmieren viel zu eintönig gewesen wäre.« 

Mehr Infos unter:

www.ottogroup.com

www.thomascook.info

www.gi-ev.de

 


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