Berufseinstieg als Norm-Ingenieur

Morgens in Deutschland: In knapp 40 Millionen Haushalten beginnt ein ganz normaler Tag. Der Radiowecker spielt Gute-Laune-Musik, Rollläden fahren automatisch hoch, die Heizung schaltet auf Tagesbetrieb. Für das Frühstück sind elektrisches Licht, Kaffeemaschine, Toaster, Kühlschrank und Herd im Einsatz. Im Bad läuft Warmwasser, der Föhn und die Waschmaschine. Im Arbeitszimmer wird das Handy aufgeladen und im Wohnzimmer bringt der Fernseher den Wetterbericht.

Und auf dem Weg zur Arbeit können wir alle auf Elektronik nicht mehr verzichten. Bereits vor Arbeitsbeginn sind so für jeden Einzelnen von uns mehrere hundert elektrische Geräte und Systeme im Einsatz: Vom Küchengerät und der Hauselektrik über die Elektronik in Auto, Bus oder Bahn, von den Ampelanlagen bis zur Satellitensteuerung für das GPS oder die Sendeanlage für den Mobilfunk. Dass wir all diese elektrisch betriebenen Systeme selbstverständlich und gefahrlos nutzen können, ist ein Erfolg all derjenigen Ingenieure, die in der Normung arbeiten und bislang rund 9.000 elektrotechnische Normen ausgearbeitet und abgestimmt haben. Entwickelt und festgelegt werden sie vom Normengremium des Verbands der Elektrotechnik, Elektronik und Informationstechnik (VDE), der sogenannten Deutschen Kommission Elektrotechnik, Elektronik, Informationstechnik (DKE).

Rund 3.500 Experten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung arbeiten ehrenamtlich an der elektrotechnischen Normung des VDE mit. Sie stellen in einer Norm beispielsweise diejenigen technischen Eigenschaften zusammen, die ein bestimmter Ein-Aus-Schalter als Mindestanforderung erfüllen muss. Dazu gehören Vorgaben zu Material und Dicke der Isolierung ebenso wie die sichere Funktionsweise nach einer bestimmten Anzahl von Schaltvorgängen. Für einfache Bauteile passen die nötigen Angaben auf eine einzige Seite, für komplexe elektronische Normen wie etwa zur Kommunikationssprache von Produktionsmaschinen umfassen sie teils mehr als 3.000 Seiten.

Teil der Normen sind dabei auch die Definitionen von Testverfahren, mit denen die Einhaltung der Norm nachgeprüft werden kann. Neben der Normung von kompletten Produkten werden von den Ingenieuren in der Regel auch einzelne Bauteile genormt. So stecken in einem Fernsehgerät bereits einige Tausend einzeln genormte Bauteile, in einem Kraftwerk sogar mehrere Millionen. Und jedes der rund 20 bis 30 verschiedenen Bauteile einer Kaffeemaschine kann von einem anderen Hersteller kommen. Dank der Arbeit der Normungsingenieure kann sich der Produzent der Maschine aber trotzdem darauf verlassen, dass er Stecker, Anschluss- und Kontaktkabel, Schalter, Heizelement oder Sicherungen einkauft, die einen lebenslangen Sicherheits- und Qualitätsnachweis erbracht haben. Ingenieure, Unternehmen und Verbraucher profitieren aber auch indirekt von Normen, etwa weil der Standort Deutschland gestärkt wird: Die gemeinsame Festlegung von nach Möglichkeit weltweit gültigen Standards beflügelt den Wettbewerb und bietet die Gewähr, dass sich die besten Produkte durchsetzen können. Zudem ermöglichen international gültige Normen den problemlosen Warenaustausch und sind damit wichtiges Erfolgsgeheimnis vieler technischer Exportschlager ›Made in Germany‹, zum Beispiel medizintechnische Geräte, Kraftwerkstechnik oder die Produkte der Maschinenbauindustrie.

Über alle Branchen hinweg wird der volkwirtschaftliche Nutzen aller Normen zusammen auf rund 16 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt – allein für den Wirtschaftsstandort Deutschland. Das Wirtschaftswachstum wird durch Normen stärker beeinflusst als durch Patente und Lizenzen. Für die Industrie besonders wichtig dabei ist die Freiwilligkeit des Verfahrens bei der Normensetzung. Wird eine neue oder die Anpassung einer bestehenden Norm beantragt, lädt die DKE Wissenschaftler, Experten aus Forschungs- und Prüfinstituten, Fachverbände sowie die in der Branche tätigen Unternehmen ein, im VDE-Normungsgremium mitzuarbeiten. Dadurch wird sichergestellt, dass keine Normen entstehen, die ein Unternehmen bevorzugen oder Innovationen der Unternehmen behindern. Ein Verfahren, das sich in Deutschland bereits seit 1895 und international seit Gründung der International Electrotechnical Commission (IEC) vor hundert Jahren bewährt hat. Heute repräsentieren 130 nationale Landesorganisationen der IEC etwa 98 Prozent des Welthandels mit elektro- technischen Produkten.

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