Branchenreport Energie
2011 ist fast vorbei, und die Medien überschlagen sich wieder mit Jahresrückblicken – von den schrägsten Politikersprüchen bis hin zu den bewegendsten Sportmomenten. An dem Riesenthema Energiewende kommt aber in diesem Jahr wohl kaum ein Medium vorbei. Die Katastrophe im japanischen Atomkraftwerk Fukushima im März brachte heftige Diskussionen ins Rollen. Das Ergebnis ist jetzt ein klarer Richtungswechsel in der Atompolitik. Das ›13. Gesetz zur Änderung des Atomgesetzes‹,
das am 6. August 2011 in Kraft getreten ist, regelt das schrittweise Ende der Kernenergienutzung. Bis 2022 steigt Deutschland komplett aus, alle noch verbleibenden neun Kernkraftwerke werden bis dahin abgeschaltet. Damit Deutschland trotzdem nicht ohne Strom dasteht, soll der Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromerzeugung von heute 17 Prozent des Stromverbrauchs auf mindestens 35 Prozent im Jahr 2020 steigen. Bis 2050 sollen sogar 80 Prozent erreicht sein. Die fossilen Energieträger werden dabei in erster Linie dazu dienen, die Schwankungen bei der Energieerzeugung aus regenerativen Energien auszugleichen.
Wirtschaftlichkeit, Umweltverträglichkeit und Versorgungssicherheit – diese drei Ziele verfolgt das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWi) mit seiner Energiepolitik. Mit den neuen gesetzlichen Vorgaben werden diese Ziele stärker als bisher zur Herausforderung. Die Energiewende bringt damit ganz schön Bewegung. In die Politik, in die Wirtschaft, in die Wissenschaft – und auf den Arbeitsmarkt. Schon im Jahr 2010 war im Bereich der erneuerbaren Energien die Zahl der Beschäftigten innerhalb von fünf Jahren um mehr als das Doppelte auf 367.000 gestiegen (2004: 160.000). Das ergibt eine von der Gesellschaft für Wirtschaftliche Strukturforschung (GWS) durchgeführte Studie im Auftrag des Bundesumweltministeriums. Bis 2030 soll sich diese Zahl auf mehr als eine halbe Million erhöhen. Erst recht durch die beschlossenen Neuerungen beim Atomausstieg und beim Ausbau der erneuerbaren Energien.
Wo es um Wege und Technologien für eine gesicherte Energieversorgung geht, sind Ingenieure ganz vorne mit dabei. »Denn unabhängig davon, ob Strom und Wärme mit Gas, Öl, Kohle, Sonne oder Windenergie gewonnen werden: Ingenieure planen, bauen und überwachen den Betrieb von Kraft- und Wasserwerken sowie der dazugehörigen Netze. Und sie entwickeln neue Techniken und Verfahren, um Energie in Zukunft noch effizienter und umweltschonender zu erzeugen und anzuwenden«, sagt Hildegard Müller, Vorsitzende der Hauptgeschäftsführung des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW). »Deutschland ist mittlerweile der drittgrößte Energiemarkt der westlichen Welt, und der Energie- und Innovationsbedarf wächst weiter. Die Chancen für einen Berufseinstieg in die Energie- und Wasserwirtschaft sind für Nachwuchsingenieure somit hervorragend.« Wenn das mal nicht Mut macht. Trotzdem lohnt sich ein detaillierter Blick auf die einzelnen Branchen: Im Bereich Kernenergie ist die Stimmung erwartungsgemäß gedämpft. Zu den Arbeitsmarktaussichten kann das Deutsche Atomforum (DAtF), ein Zusammenschluss aus Wirtschafts- und Industrieunternehmen, Forschungseinrichtungen und Organisationen, bisher keine konkreten Angaben machen. »Die Gesetze zur Energiewende und zum Ausstieg aus der Kernkraft bis 2022 haben Fakten geschaffen. Aber ihre Umsetzung steht wenige Monate nach den Beschlüssen erst am Anfang. Daher können die meisten Verbandsmitglieder noch nicht die personalpolitischen Konsequenzen überblicken«, erzählt DAtF-Pressesprecher Maik Luckow. Wenig Neues erfährt man derzeit auch im Bereich der fossilen Energien. So hätte die Energiewende laut dem ›DEBRIV – Bundesverband Braunkohle‹ derzeit kaum Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. Aktuell zählt die deutsche Braunkohlenindustrie etwa 22.700 Beschäftigte.
Die Einschätzungen aus dem Bereich der erneuerbaren Energien dagegen haben augenblicklich mehr Substanz: »Die beruflichen Perspektiven im Anschluss an das Studium sind sehr erfolgversprechend. Der Mangel an qualifizierten Fachkräften erhöht Chancen und Wahlmöglichkeiten für Ingenieure und Techniker«, sagt Ronald Heinemann, Sprecher beim Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE). Neue Arbeitsplätze lägen vor allem in den Bereichen Service, Montage, Planung, Beratung sowie Produktion und Vertrieb. Allein die Photovoltaik-Technologie als wichtiger Teil der Solarbranche hat nach Angaben des BSW-Bundesverbandes Solarwirtschaft bis heute mehr als 130.000 Arbeitsplätze geschaffen. Das ist im Bereich der erneuerbaren Energien etwa ein Drittel. Hinzu kämen rund 20.000 Jobs im Geschäftsfeld Solarthermie. »Neue Arbeitsplätze entstehen besonders im Bereich Forschung und Entwicklung, weil die deutsche Solarbranche die Technologieführerschaft ausbaut und erheblich in neue Produkte und Verfahren investiert«, sagt BSW-Hauptgeschäftsführer Carsten Körnig. Zukunftsfelder seien etwa die intelligente Regelungstechnik bei Solarstrom und Solarwärme, Prognosesysteme für Solarstromerträge, der Ausbau der Niederspannungsnetze, die Fortentwicklung der Speichertechnologie und der Montagesysteme sowie die solare Mobilität. Zusätzlich zu fachlichem und methodischem Wissen empfiehlt Carsten Körnig den Fokus auf Fremdsprachen zu legen und Auslandserfahrungen zu sammeln: »Denn die Herausforderung einer sauberen und sicheren Energieversorgung stellt sich in allen Regionen der Erde – ob in der ländlichen Elektrifizierung mit Off-Grid-Systemen (netzunabhängige Systeme, Anm. d. R.) oder bei der Energieversorgung von Industrieländern.«
Neben der Solarenergie wird in Zukunft laut Bundesumweltministerium ein Großteil der Stromversorgung aus Windenergie stammen. Der Bundesverband Windenergie (BWE) geht davon aus, dass 2020 bereits jede zweite Kilowattstunde Strom aus erneuerbaren Energien und jede vierte aus Windenergie kommen kann. Derzeit arbeiten etwa 100.000 Beschäftigte in dieser Branche. Um noch mehr frischen Wind in die deutsche Energielandschaft zu bringen, sind weitere Fachkräfte enorm gefragt. »Attraktive Arbeitsplatzbedingungen und gute Bezahlung sind wesentliche Elemente, wie die Windbranche auf den Fachkräftemangel reagieren sollte«, berichtet BWE-Pressesprecher Alexander Sewohl. »Darüber hinaus ist entscheidend, dass die Branche auch selbst für Nachwuchs sorgt. Auf diese Anforderung haben viele Firmen bereits reagiert, indem sie umfassend Aus- und Fortbildung anbieten. Das gilt für Hersteller, aber auch für Projektierer, Betreiber und Serviceunternehmen.« Ingenieure können sich auf ein vielfältiges Arbeitsumfeld gefasst machen. Es reicht von der Planung und der Entwicklung von Anlagen über den Vertrieb bis hin zu Service und Wartung. Die Einarbeitung und das ›Heimischwerden‹ im Betrieb können aber nicht immer von heute auf morgen passieren: »Neueinsteiger werden sich häufig in eingespielte Teams einfügen müssen. Es kann also trotz des hohen Bedarfs an Fachkräften einige Zeit in Anspruch nehmen, bis Topf und Deckel zueinander passen«, sagt Jens Rauch, Geschäftsführer der Fördergesellschaft Windenergie und andere Erneuerbare Energien (FGW e. V.). »Zudem sollten Ingenieure eine verstärkte Bereitschaft zur Weiterbildung mitbringen, da in den erneuerbaren Energien und speziell in der Windenergie mehrere Fachgebiete miteinander verschmelzen.«
Die Bioenergiebranche stellt als weitere wichtige Säule der Energieversorgung in Deutschland etwa 122.000 Arbeitsplätze. Allein im Bereich Biogas sind derzeit mehr als 40.000 Menschen beschäftigt. »Und wenn die Energiewende ernst gemeint ist, müsste die Biogasbranche weiter wachsen und neue Arbeitsplätze schaffen«, blickt Andrea Horbelt, Pressesprecherin beim Fachverband Biogas, optimistisch in die Zukunft. Aufgrund der Erfahrungen aus 2007 und 2008 – zwei wirtschaftlich schlechten Jahren auch für die Biogasbranche – würden neue Mitarbeiter allerdings mit Bedacht eingestellt. Vor allem in den Bereichen Forschung und Entwicklung werde sich auch in den nächsten Jahren noch sehr viel tun, in Instituten wie in Firmen. »Wir sind noch immer am Anfang der Entwicklung«, so Andrea Horbelt. »In allen Bereichen sind noch Effizienzsteigerungen möglich.« Ähnliches gilt für die recht junge Branche der Geothermie mit aktuell 13.300 Beschäftigten. Hier sind laut ihrem Bundesverband etwa im Bereich Forschung und Entwicklung gute Arbeitsmöglichkeiten gegeben. So müssten in Zukunft technologische Entwicklungen im Tiefbohrsegment vorangetrieben und Verfahren der Energieumsetzung optimiert werden. Die Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) sieht eine erhöhte Einspeisevergütung für geothermisch erzeugten Strom vor: »Hierdurch wird die Umsetzung zusätzlicher Projekte ermöglicht. Das erfordert auch in diesem Bereich weitere Arbeitskräfte«, sagt Dr. Susanne Schmitt, Vorsitzende der Sektion Tiefe Geothermie des GtV-Bundesverbandes Geothermie. »Als Tätigkeitsfelder bieten sich hier zum Beispiel die Tiefbohrtechnik, die Elektronik oder die Materialforschung an, da sich hier der größte Bedarf abzeichnet«, so Dr. Susanne Schmitt. »Hinzu kommt, dass die Technologie zur Erschließung der Geothermie weltweit nachgefragt wird. Daher ist der Exportmarkt für die Branche von besonderer Bedeutung und bietet auch Berufseinsteigern sehr gute Karriereaussichten.« new





