Erdbebenspezialisten sorgen für Sicherheit
Cezary Slominski plant geotechnische Bauwerke wie Pfahlgründungen, Baugruben oder Dämme. Doch die Projekte des 36-jährigen promovierten Bauingenieurs stehen nicht an beliebigen Orten der Welt. Er ist Spezialist für das Bauen in Erdbebengebieten. »Zuletzt habe ich zum Beispiel neue Schleusenmauern für den Panamakanal auf ihre Erdbebensicherheit überprüft«, berichtet Slominski, der im Bereich Geotechnik im Bauunternehmen Bilfinger Berger beschäftigt ist. »Solche Planungen in einem der am stärksten gefährdeten Erdbebengebiete der Welt bringen natürlich ein hohes Maß an Komplexität und Verantwortung mit sich.«
Tatsächlich rechnen Experten damit, dass künftige Erschütterungen den Panamakanal als eine der wichtigsten Wasserstraßen der Welt gefährden könnten: Denn Nord- und Südamerika bewegen sich unaufhaltsam aufeinander zu. In der Kontaktzone bohrt sich Mittelamerika mit einer Geschwindigkeit von etwa 25 Millimetern pro Jahr wie ein Sporn in die Landmasse des Südens. Panama bildet die äußerste Spitze dieses Sporns und wird durch diese Kollision gedreht und verbogen – das Ergebnis ist die charakteristische S-Form des Landes.
Um erdbebensicher zu bauen, gibt es heute ausgeklügelte Techniken. Gebäude aus Stahlbeton und anderen Hightech- Materialien werden auf Stahlkugel-Fundamenten, Blei-Einlagen und anderen Stoßdämpfern errichtet. Diese Stoßdämpfer deformieren sich bei einem Erdbeben und sorgen dafür, dass das Bauwerk nicht einstürzt. Außerdem werden spezielle Verspannungen von Gebäuderahmen eingesetzt, und bei manchen Gebäuden gibt es sogar computergesteuerte Vorrichtungen zum Ausgleich von Schwingung. Dahinter stehen ingenieurwissenschaftliche Spezialisten wie Cezary Slominski bei Bilfinger Berger.
»Was mich in meinem Beruf motiviert, ist die Realisierung der von mir geplanten Bauwerke«, sagt Slominski, der Bau- Ingenieurwesen in Danzig studierte, für seine Diplomarbeit nach Deutschland kam und vor vier Jahren von Bilfinger Berger angeworben wurde. »Als Geotechniker legt man die Tragfähigkeit des Baugrunds fest und sucht geeignete Lösungen für Gründungen oder Stützkonstruktionen. Dabei müssen technische Anforderungen, Risiken und Kosten beachtet werden, und wenn das geotechnische Design schließlich umgesetzt wird, ist das wie eine Erfüllung.«
So zynisch es klingt: Das Erdbeben in Japan Anfang März hat für eine Art Marktbelebung für Erdbeben-Spezialisten gesorgt. »Es wäre gut, wenn wir in Deutschland noch mehr Ingenieure hätten, die speziell auf erdbebensicheres Bauen ausgebildet sind«, sagt Atilla Ötes, Professor für Tragkonstruktionen an der TU Dortmund. »Die Sensibilität für dieses Fachgebiet ist gestiegen.« Arbeitgeber für Erdbeben- Spezialisten sind neben weltweit agierenden Baukonzernen und überwachenden Behörden auch kleine beratende Ingenieurbüros in Erdbebengebieten, zu denen auch Basel oder der Rheingraben gehören. Sie erstellen unter anderem Sondergutachten für Bauwerke in höheren Gefahrenklassen wie Atomkraftwerke oder Ausnahmebauten wie den Kölner Dom. »Viele Einsatzgebiete für deutsche Erdbeben- Spezialisten finden sich in den besonders gefährdeten Erdbebengebieten der Welt wie zum Beispiel im Iran oder in China«, sagt Professor Ötes von der TU Dortmund. »Wenn sie im Auftrag eines Ingenieurbüros dort ein Neuprojekt unter Berücksichtigung von Erdbeben planen können, sind sie eine weltweit überaus gefragte Fachkraft.«
Auch Georg Pegels, Professor der Bauinformatik an der Uni Wuppertal, geht davon aus, dass sich für den Nachwuchs besonders im Ausland neue Betätigungsfelder auftun: »Je mehr die deutschen Baufirmen exportieren, umso größer wird auch der Bedarf an Spezialisten für erdbebensicheres Bauen«. In Erdbebengebieten wie dem Iran seien auch Baustellenmanager für die fachliche Überwachung von Neuprojekten gefragt. »Denn in vielen Regionen werden aus wirtschaftlichen Gründen oder wegen fachlicher Mängel Qualitätsstandards oft nicht eingehalten.«
Wer glaubt, dass man im erdbebensicheren Bau rezeptartig vorgehen könne, sei auf dem falschen Weg, betont der Erdbeben-Experte Atilla Ötes. »Es gilt, eine ganze Menge unterschiedlicher Faktoren in der Planung mitzubeachten: Welches Bauwerk soll in welcher Region entstehen? Welche Konstruktionsart und welches Baumaterial? Und wie reagiert dies alles unter der seltenen, großen Beanspruchung eines Erdbebens?« Gerade die am Ende stehende mathematische Umsetzung all dieser Faktoren lasse viele Studierende vor diesem Fachgebiet zurückschrecken. »Erdbebensicheres Bauen ist eine hochanspruchsvolle Aufgabe, die viele Fachgebiete in sich vereint.«
Seit 2005 gibt es für Deutschland eine neue Erdbebennorm, weshalb der Bedarf an Spezialisten auch hierzulande langfristig wachsen werde, schätzt Professor Ötes. Ein Beispiel ist der 34-jährige Robert Borsutzky, der heute beim Baukonzern Hochtief beschäftigt ist. Schon während seiner Promotion an den Universitäten in Braunschweig und Florenz beschäftigte er sich mit Fragestellungen des Erdbebeningenieurwesens und der Baudynamik. »Auf einer Fachtagung zu diesen Gebieten lernte ich einen meiner jetzigen Kollegen kennen, der mich auf die Fachabteilung ›Erdbeben, Baudynamik, Sonderprojekte‹ bei Hochtief aufmerksam machte«, erzählt Borsutzky. Er bewarb sich – und wurde eingestellt. »Ich beschäftige mich hauptsächlich mit baudynamischen Spezialaufgaben. Das sind zum Beispiel die Erdbebenauslegung von Gebäuden, die Ertüchtigung von Bauwerken für Erdbeben oder die Auswirkungen von Explosions- und Stoßlasten, wie sie zum Beispiel bei einem Flugzeugabsturz entstehen«, berichtet er. Eine weitere Aufgabe sei die Berechnung von Gebäudeschwingungen, die dann unter anderem zur Auslegung von Maschinen verwendet werden. »Auch die Anwendung innovativer Baustoffe für die Erdbebenertüchtigung gehört zu meinen alltäglichen Aufgabenstellungen.«
Als größter deutscher Baukonzern sucht Hochtief regelmäßig Spezialisten wie Borsutzky: »Im Erdbebeningenieurwesen sind gute Entwicklungschancen gegeben, da es sich dabei um ein Spezialgebiet handelt, das in den nächsten Jahren auch international eine Rolle von zunehmender Bedeutung spielen wird«, sagt Ulrich Trottnow, Sprecher der Hochtief AG. »Das Wissen über baudynamische Vorgänge in Unternehmen ist in jedem Fall ein Vorteil gegenüber Mitbewerbern.« Man werde in den nächsten Jahren die Baudynamikgruppe personell verstärken, gibt das Unternehmen bekannt. Das Angebot auf diesem Gebiet decke jedoch keineswegs die Nachfrage: »Exzellente Absolventen zu bekommen, ist in allen Fachbereichen der Ingenieurwissenschaft eine Herausforderung. «
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