FairTrade und was dahinter steckt

Alles Banane

Was steckt hinter Fairem Handel? Auf jeden Fall mehr als ein gutes Gewissen beim Einkauf und politisch korrekte Südfrüchte


DIE ANFÄNGE

Gemeinsam mit ihrem Mann besucht die Amerikanerin Edna Ruth Byler 1946 Puerto Rico und lernt dabei Handarbeiterinnen kennen, die in sehr armen Verhältnissen Waren produzieren. Um diese zu unterstützen, verkauft Byler die Waren aus Südamerika zunächst an Freunde und Familie. Die Idee kommt an, und Byler gründet ›Selfhelp Crafts‹, eine Organisation des fairen Handels und zugleich eine mennonitische Unterbewegung. So wie in den USA hat auch in Deutschland der faire Handel kirchliche Ursprünge: 1970 demonstrierten kirchliche Jugendverbände mit Hungermärschen gegen die damalige deutsche Entwicklungspolitik. Daraus entwickelt sich 1971 die ›Aktion Dritte Welt Handel‹ und 1975 die Gepa (Gesellschaft zur Förderung der Partnerschaft mit der Dritten Welt). Zuvor gegründete Vorbild-Organisationen sind Oxfam Trading in England und S.O.S. Wereldhandel in den Niederlanden. 1992 entsteht mit TransFair ein gemeinnütziger Verein, der das Siegel für Waren vergibt, die den Standards des fairen Handels entsprechen. Als erster Händler erhält die Gepa das Siegel. Siegelinitiativen aus 22 Ländern sind in der Fairtrade Labelling Organisation (FLO) zusammengeschlossen, die 2002 das internationale Fairtrade-Logo einführt.


DIE SPIELREGELN

»Fairer Handel beruht auf Partnerschaft, Dialog und Transparenz «, erklärt Markus Gilles vom Forum Fairer Handel. »Er bietet benachteiligten Produzenten von Lebensmitteln und Handwerksartikeln in Asien, Afrika und Lateinamerika vor allem langfristige Handelsbeziehungen und ein existenzsicherndes Einkommen.« Die Spielregeln legt die FLO fest: Kleinbauern müssen sich zum Beispiel zu Organisationen zusammenschließen, in denen Entscheidungen demokratisch getroffen werden. Plantagen verpflichten sich, für ihre Arbeiter Tarifverhandlungen, Versammlungsfreiheit, Sicherheit am Arbeitsplatz und Gesundheitsvorsorge sicherzustellen. Kinder- und Zwangsarbeit sind verboten. »Die Festlegung der Mindestpreise, die an die Produzenten gezahlt werden, erfolgt in einem Multi-Stakeholder- Verfahren mit Vertretern aller beteiligten Gruppen. Dieses Verfahren ist viel transparenter und partizipativer als es im konventionellen Handel üblich ist«, sagt Experte Markus Gilles. Wie sieht das Ganze nun praktisch aus? Ein Beispiel: Ein Importeur, etwa von der Gepa, kauft Kaffee in Nicaragua. Vor Ort prüft ein Inspekteur der FLO, ob bei der Produktion soziale und ökologische Mindeststandards eingehalten werden. Wenn alles fair gelaufen ist, kann die Importeurgesellschaft bei TransFair eine Lizenz erwerben, die ihnen erlaubt, ihre Produkte mit dem TransFair-Siegel zu kennzeichnen. Anders als beim ›normalen‹ Handel steht zwischen Produzent und Konsument nur eine Importgesellschaft – Börsen oder Konzerne als Zwischenhändler werden ausgeschaltet. Der Gewinn geht damit zu einem großen Teil an die Produzenten und finanziert beispielsweise keine Werbekosten für eine Marke.


DIE KRITIKPUNKTE

Fairer Handel ist ganz klar eine grundlegende Kritik an der dominierenden Welthandelspolitik, die den Freihandel ohne Rücksicht auf Verluste propagiert. Gerade im Kontext der rasant fortschreitenden Globalisierung treten mögliche Ungerechtigkeiten immer offener ans Licht: »Während auf der einen Seite multinationale Konzerne und viele Staaten der nördlichen Hemisphäre von der Entwicklung profitieren können, hungern weltweit rund eine Milliarde Menschen«, legt Markus Gilles dar. Fairtrade will hier ganz klar einen Riegel vorschieben. So hehr die Ziele sind, müssen sich die Befürworter auch den oft angebrachten Kritikpunkten stellen, allen voran der bereits erwähnten Intransparenz der Preiszusammensetzung. »Dieser Vorwurf mag auf dem Missverständnis beruhen, dass jeder Cent, den Kunden etwa für ein Pfund fair gehandeltem Kaffee zusätzlich zahlen, eins zu eins beim Kaffeebauern ankommt«, argumentiert Gilles. Dabei werde aber nicht berücksichtigt, dass der Faire Handel ein ganzheitliches Konzept verfolgt, das zum Beispiel Bildungsarbeit beinhaltet. Eine weitere Kritik richtet sich auf die zunehmende Zusammenarbeit mit Großkonzernen: Gerade Discounter, denen man Verstöße gegen soziale und gewerkschaftliche Standards vorhält, würden sich durch ihr Engagement freikaufen. »Fairtrade ist ein Produktsiegel, kein Unternehmenssiegel«, stellt Claudia Brück von TransFair klar. »Auch Discounter haben sich im vollen Umfang an die Fairtrade-Standards zu halten und tun dies auch. Der Verkauf von Fairtrade-Produkten in diesem Vertriebskanal eröffnet reelle Chancen für Bauern und Plantagenarbeiter in den Entwicklungsländern.«


DIE ERFOLGE

Nach Angaben von TransFair stieg der weltweite Umsatz fair gehandelter Produkte 2009 auf 3,4 Milliarden Euro – eine Steigerung von 15 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. »Mittlerweile beteiligen sich 150 Firmen in Deutschland am Fairen Handel, die Produkte sind in 30.000 Geschäften erhältlich, der Umsatz stieg 2009 auf 267 Millionen Euro«, berichtet Claudia Brück von TransFair. Trotz dieser Wachstumszahlen ist Deutschland immer noch ein sogenanntes ›Fair-Trade-Schwellenland‹ – besonders im Vergleich mit dem größten Fairtrade-Markt Großbritannien mit einem Jahresumsatz von 897 Millionen Euro. Mögliche Gründe: Zum einen ist Fairtrade in England schon länger etabliert. Zum anderen sind die Lebensmittelpreise hierzulande im internationalen Vergleich extrem niedrig. »Dadurch ist der Preisabstand zu fair gehandelten Produkten bei uns höher«, sagt Markus Gilles vom Forum Fairer Handel. Deutschland gelte daher immer noch als Land der Schnäppchenjäger, vor allem im Lebensmittelbereich. »Aber wir bemerken auch, dass hier seit einiger Zeit ein Umdenken einsetzt, immer mehr Menschen sind sich über die Zusammenhänge von Produktion und Konsum bewusst «, ergänzt Gilles. Also nix wie ran an faire Bananen, Schokolade, Kaffee & Co.

RedakteurIn
Julia Eggs
Tel.: 0911-23779-47

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