Vorteile, Vorurteile und Gefahren von Gentechnik

Interview mit Prof. Dr. Hans-Jörg Jacobsen über Gentechnik, die Vor(ur)teile und Gefahren



Herr Professor Jacobsen, inwieweit ist es möglich, eine weiter wachsende Weltbevölkerung ohne Gentechnik zu ernähren – trotz Klimawandel, knapper werdender Ressourcen und dem Anspruch, die bereits heute überbeanspruchten sozialen und ökologischen Systeme nicht weiter zu belasten?
Wir müssen auf immer weniger Flächen immer mehr Nahrungsmittel produzieren. Laut Prognosen der Weltgesundheitsorganisation bedarf es einer Steigerung in der Nahrungsmittelproduktion um 70 Prozent, um alle Menschen bis 2015 sattzubekommen. Bereits jetzt haben wir knapp eine Milliarde Hungernder und rund eine Milliarde Menschen, die einen sogenannten ›versteckten‹ Hunger haben, also nicht ausreichend mit Mikronährstoffen und Vitaminen versorgt werden können. Hinzu kommen politisch gewollte Probleme, indem viele Flächen anstatt für die Nahrungsmittelproduktion für Erneuerbare Energien genutzt werden. Es ist nicht abzuschätzen, welche Ausmaße dies noch annehmen wird. Deshalb muss es ein wesentliches Ziel sein, einerseits die ökologischen Systeme zu entlasten und gleichzeitig die Nahrungsmittelproduktion zu steigern. Hier liefert die Gentechnik Optionen. Die Technologie macht aber nur dann Sinn, wenn wir die Projekte daraufhin überprüfen, was diese Entlastungen konkret leisten: Ob sich damit Pflanzenschutzmittel einsparen lassen, es sich dabei um trockentolerantere Pflanzen handelt oder um welche, die bessere Nährstoffaufnahmeeigenschaften haben. Dies lässt sich schneller mit Gentechnik als mit konventioneller Züchtung umsetzen – falls dies die konventionelle Züchtung das überhaupt leisten kann.

Kann sie es?
Wenn eine gewisse Eigenschaft in einem Genpool nicht vorhanden ist, kann die konventionelle Züchtung diese Eigenschaft nicht hineinzaubern. Verfügt beispielsweise Mais nicht über eine Insektenresistenz, kann man ihn gentechnisch so verändern, dass er das BT-Toxin (Bacillus thuringiensis, Anm. der Redaktion) produziert, um damit seine Schädlinge selbst zu bekämpfen oder man benutzt Insektizide.

›Natürliches‹ Insektengift versus synthetische Insektizide: Was ist sinnvoller?
Ich muss dazu sagen, dass die Insektenresistenz, dieses ›Gift‹, bereits seit Jahrzehnten im Ökolandbau eingesetzt wird. Es wird beispielsweise tonnenweise in den Rheinauen verspritzt, um Mücken zu vertreiben. Ich sehe das als einen sehr eleganten Weg, um den Einsatz von synthetischen Insektiziden zu reduzieren. Im Rahmen einer Bachelorarbeit konnten wir übrigens nachweisen, dass sowohl das Gen für das Toxin als auch die Bakterien, die das Toxin produzieren auf der Oberfläche von Biogemüse noch nachweisbar ist. Wieso sollte ein gentechnischer Ansatz, der dafür sorgt, dass wie im Biolandbau kein synthetisches Insektengift mehr eingesetzt werden muss, plötzlich schädlich sein? Diese Logik erschließt sich mir nicht.

Was halten Sie davon, Insekten gentechnisch so zu verändern, dass sie die Menschen mit einem Biss vor Krankheiten impfen anstatt sie damit zu infizieren?
Diese Frage sollten die Betroffenen in den Malaria-Gebieten beantworten. Viel schlimmer beispielsweise finde ich nichthinterfragte Ansätze wie die Aussetzung des asiatischen Marienkäfers im Rahmen des vermeintlich biologischen Pflanzenschutzes. Mittlerweile hat sich der Käfer unkontrollierbar in ganz Europa ausgebreitet und bedroht unsere heimische Population an nützlichen und ökologisch angepassten Marienkäfern. Der asiatische Marienkäfer hat hier kaum Fressfeinde und produziert zudem ein übelriechendes Sekret, dass mitunter Wein ungeniessbar machen kann.

Denken wir allgemein zu wenig nach beziehungsweise könnten wir, wenn wir unsere Essens- und Lebensgewohnheiten verändern würden, auf Gentechnik in Lebensmitteln verzichten?
Dies ist schwer zu sagen, denn mehr als 70 Prozent unserer Lebensmittel sind bereits mit Gentechnik in Kontakt gekommen: Beispielsweise gentechnisch hergestelltes Vitamin C, Labferment für die Käseherstellung oder eben auch die Futtermittel in der Fleischerzeugung. Diese Erkenntnis findet bestimmt nicht viel Gefallen in der Bevölkerung. Dann ist es in einer Demokratie nicht einfach, Essensgewohnheiten umzusteuern. Hinzu kommt, dass Europa hier bereits gar keine Rolle mehr spielt - wenn in China der Fleischkonsum seit 30, 40 Jahren kontinuierlich hochgeht, ist das ein Markt, auf den sich die Futtermittelhersteller konzentrieren.

Welche Folgen hat gentechnisch verändertes Essen und Futter auf Mensch und Tier?
Nach dem heutigen Stand der Wissenschaft sind gentechnisch veränderte Lebensmittel genauso sicher wie konventionelle. Dies hat übrigens vor einigen Jahren die damalige Verbraucherministerin Renate Künast festgestellt. Immer wieder aufkommende, anderslautende Meinungen werden von seriöser behördlicher und wissenschaftlicher Seite nicht bestätigt. In der Regel endet dies in Propaganda, die mit großem Aufwand und viel PR betrieben wird, in Angstkampagnen, die in der Regel aber keine seriöse Grundlage haben.

Was sind die größten Ängste der Menschen?
Es ist die Unkenntnis, wie Lebensmittel erzeugt werden und woraus sie bestehen. Ein Großteil der Bevölkerung glaubt beispielsweise, dass nur gentechnisch veränderte Tomaten Gene haben. Dabei steckt unser ganzes Essen voller Gene. Diese Kombination aus mangelndem Wissen und einer über 20-jährigen Propaganda-Maschine erzeugt diese Ängste.

Inwieweit ist es Konsumenten aber auch egal, ob ihre gekauften Produkte gentechnisch verändert sind?
Hier muss man unterscheiden zwischen dem geäußerten Unbehagen und Meinungsumfragen beziehungsweise der Realität im Supermarkt. Es gab Untersuchungen, die zeigten, dass Menschen gentechnisch verändertes Brot, das entsprechend ausgezeichnet war, gekauft haben, weil es um zehn Cent billiger war. Ich habe Zweifel an den alten Umfragen, die besagen, dass 70 Prozent der Befragten gentechnisch veränderte Lebensmittel ablehnen. In einer kürzlich erschienen Studie zeigten vor allem junge Menschen viel weniger Probleme mit grüner Gentechnik. Meiner Meinung nach liegt dies an einer besseren schulischen Vorbildung und einer realistischeren Einschätzung seitens der jüngeren Generation.

Nicht immer reicht die Vorbildung aus – wie lässt sich feststellen, ob Lebensmittel gentechnisch verändert sind?
Ich bin für eine klare und umfassende Kennzeichnung. Das bedeutet, dass auch Unternehmen wie beispielsweise Hipp auf seine Babynahrung ›Enthält Vitamin C aus gentechnischer Herstellung‹ schreiben muss. Das Abstruse ist, dass die Herstellung von gentechnisch veränderten Vitaminen im Bereich der weißen Gentechnik subsumiert wird. Wir haben im Diskurs mit Frau Künast vorgeschlagen, alle gentechnisch veränderten Lebensmittel zu kennzeichnen. Aber sie wollte den Bereich der Aroma- und Zusatzstoffe davon ausnehmen. Das ist nicht ehrlich. Wenn Gentechnik verwendet wurde, muss dies auch auch nachprüfbar sein. Dies sollte auch dann gelten, wenn Tiere mit gentechnisch veränderten Futtermittel gefüttert wurden. Viele Menschen würden große Augen machen, wenn sie wüssten, wo bereits Gentechnik drinsteckt. Da auch Biokäse zum Teil mit gentechnisch verändertem Lab produziert wird, müsste hier ebenfalls eine genaue Deklaration her.

Schließen sich ›Bio‹ und ›Gentechnik‹ nicht aus?
Überhaupt nicht. Die Gentechnik kann sinnvolle und biologische begründete Lösungen für die zahlreichen Probleme des Ökolandbaus liefern. Es handelt es sich im Wesentlichen um ideologische Hürden, die eine sinnvolle Kooperation verhindern. Als Wissenschaftler sind wir mit den ideologiefrei-agierenden Verbänden des Biolandbaus gesprächsbereit. Wir können uns sehr gut vorstellen, bestimmte Konzepte zu erarbeiten, um gentechnische Lösungen für unlösbare Probleme der Bio-Bauern zu entwickeln. Es gibt auch Ökobauern, die sagen, dass sie Potenziale in der Gentechnik für ihren Bereich sehen. Sie sagen dies im persönlichen Gespräch, aber nicht in der Öffentlichkeit.

Inwieweit steigt aufgrund von Gentechnik die Vielfalt bei Obst und Gemüse oder wird diese eher eingeschränkt, weil eine Konzentration auf bestimmte Pflanzen stattfindet?
Hinsichtlich der Vielfalt sehe ich eher die Probleme bedingt durch Einkaufstrategien der Handelsketten als durch die Gentechnik. Der Handel möchte im falsch verstandenen Interesse der Verbraucher Früchte haben, die gut aussehen, sich gut lagern lassen – das hat aber nichts mit Gentechnik zu tun, man denke an die holländischen Tomaten der 1980er, welche man damals als den ›vierten Aggregatzustand des Wassers‹ bezeichnet hat. Als klar wurde, dass die Verbraucher kein geschmacksneutrales Gemüse mehr haben wollten, wurden andere Geschmackseigenschaften eingezüchtet. Einen viel drastischeren Effekt auf die Artenvielfalt haben die großen Monokulturen für die Erzeugung erneuerbarer Energien. Dies geht auf das Erneuerbare-Energie-Gesetz zurück. Ich denke aber, dass sich dies in der Zukunft einpendeln wird.

Apropos Monokulturen: Was halten Sie von der Patentierung von Saatgut?
Zuerst muss es darum gehen, geistiges Eigentum sinnvoll zu schützen. Auf der einen Seite gibt es Beschwerden, wenn Unternehmen aus anderen Wirtschaftsräumen unsere Patente für Maschinenbau klauen – gleichzeitig sollen aber Züchter ihre Sorten nicht schützen, in die sie viel Zeit und Geld investiert haben. Da die Kosten für die Zulassung von gentechnisch veränderten Pflanzen absurd hoch sind, muss ein ›Return-of-Investment‹ gegeben sein. Wenn viel Aufwand betrieben wurde, um eine sinnvolle Eigenschaft in eine Pflanze einzubauen, muss sich dieser auch rechnen. Ich plädiere für sinnvolle Maßnahmen, um geistiges Eigentum zu schützen und verlange dabei von den Kritikern, dass sie entsprechende Vorschläge vorlegen, wie dieses entsprechend geschützt werden kann. Obwohl sie 20 Jahre Zeit hatten, haben sie nichts gemacht. Es ist sehr einfach, die Moralkeule zu schwingen, aber keine Alternativen zu bieten.

Im Gegensatz zur weißen Gentechnik, dem Einsatz biotechnologischer Verfahren bei der industriellen Produktion und roten Gentechnik, zu der Stammzellforschung oder auch das Klonen zählen, erfährt die grüne Gentechnik noch sehr wenig Akzeptanz – warum?
Von der roten und weißen Gentechnik kann jeder profitieren. Gerade im Bereich der Diabetes hätten wir ohne rekombinantes Insulin erheblich höhere Mortalitätsraten. Zudem schützt eine Reihe gentechnisch hergestellter Arzneimittel vor bestimmten Krebsarten. Dass unsere Gewässer teilweise mit weniger Phosphat belastet sind, begründet sich darin, dass in Waschmitteln gentechnisch hergestellte Enzyme enthalten sind, die auch bei 60 Grad funktionieren. Das ist angewandte und akzeptierte Gentechnik. Das Gleiche wird auch mit der grünen Gentechnik passieren – auch wenn ihr bislang keine Chance gegeben wurde, zu zeigen, was sie leisten kann. Bisher wird sie nur auf große Unternehmen reduziert, die ausschließlich Interesse an bestimmten Bereichen haben. Der große Bereich der öffentlichen Forschung hat eine Menge an Prototypen entwickelt, die aber sprichwörtlich in den Regalen versauern. Dies ist auch der Grund, weswegen wir unsere Forschungen nach Amerika verlagert haben: In Deutschland haben wir keine Chance, der breiten Öffentlichkeit zu zeigen, was unsere Ergebnisse leisten können.

Herrscht hier auch eine gewisse Doppelmoral vor?
Ich denke schon. Der rote Bereich ist akzeptiert, weil davon jeder – auch grüne PolitikerInnen profitieren können, in anderen Bereichen ist das nicht so sichtbar, deshalb ist man aus ideologischen Gründen dagegen. Ich denke, dass die Bevölkerung viel toleranter wäre, wenn man ihr die Alternativen aufzeigt.

Einen Weg zurück gibt es schließlich nicht … Hier stellt sich die Frage, wo man die Grenze setzt? Zieht man sie bei der Herstellung von Antibiotika? Soll der Gerinnungsfaktor VIII wieder aus Blutspenden obskurer Herkunft beziehungsweise Insulin aus Schlachtabfällen hergestellt werden? Hier ist die Gentechnik akzeptiert, aber in Bezug auf die Landwirtschaft gibt es nur negative Assoziationen. Wir müssen weg von diesen agrar-romantischen Vorstellungen, die in bestimmten Kreisen vorherrschen.

Gibt es dennoch einen Bereich, bei dem Sie sich auch als Befürworter für ein bedingungsloses Verbot aussprechen?
Gentechnik ist dort gefährlich, wo echte Risiken lauern. Schwierig finde ich auch manche ›Viren-Bastelarbeiten‹. Dennoch sollte ein Verbot immer auf Basis wissenschaftlicher Entscheidungen gefällt werden – in Deutschland ist dies aber nicht gegeben. Es grenzt fast an einen Verstoß gegen unsere Verfassung, wenn in Koalitionsvereinbarungen steht, dass eine Forschung zur grünen Gentechnik aus den jeweiligen Landesmitteln nicht mehr unterstützt wird. Hier findet ein relativ lockerer Umgang mit Artikel fünf des Grundgesetzes statt, der die Freiheit von Forschung und Freiheit garantiert. Ich wünsche mir, dass Politiker nicht opportunistisch reagieren, sondern wissensbasierte Entscheidungen treffen. Es sollten nicht diejenigen die Mehrheit haben, die am lautesten schreien. Zudem hoffe ich, dass Raum und Mittel geschaffen werden, um eine sinnvolle Lösung für die Produktion von Nahrungsmitteln unter Einbeziehung von gentechnischen Methoden zu erarbeiten. Aufgrund hoher Hürden bezüglich der Genehmigungsverfahren ist der öffentliche Sektor größtenteils von notwendigen und sinnvollen Entwicklungen ausgeschlossen. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass Zulassungsverfahren einfacher und kostengünstiger gemacht sowie sinnvolle Grenzwerte eingeführt werden müssen.

Bitte beschreiben Sie noch ein etwaiges Szenario für das Jahr 2035, in dem gentechnisch veränderte Lebewesen und Pflanzen alltäglich und akzeptiert sind:
Wir blicken fassungslos und kopfschüttelnd auf die Episode der Gentechnikfeindseligkeit der Jahre 1999 bis 2015 zurück, die auf gefühltem Wissen und Ignoranz basierte. Ähnlich wie wir heute -2013- auf die Programme von Parteien zurückblicken, die einst rekombinantes Insulin oder die private Nutzung von Computern verbieten wollten, aber in Bezug auf das Ausleben jedweder sexueller Neigung beschlossen haben, dass alles möglich sein sollte.

Prof. Dr. Hans-Jörg Jacobsen, geboren 1949 in Wilhelmshaven, ist Abteilungsleiter der Abteilung Pflanzenbiotechnologie am Institut fu?r Pflanzengenetik an der Leibniz Universität Hannover. Seit 2000 lehrt er regelmäßig als Gastprofessor am Biology Department an der Northeastern University in Boston. Schwerpunkt seiner Forschung ist die Frage nach einem sinnvollen Einsatz der Methoden der gru?nen Gentechnik in der Sicherung der Ernährung vor den Hintergru?nden des Bevölkerungswachstums und des Klimawandels.

RedakteurIn
Evelyn Eberl
Tel.: 0911-23779-41

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