Auslandssemester in Zaragoza
Glückskrapfen und Rinderwahnsinn


Philipp hat sich während seines Auslandssemesters im spanischen Zaragoza schnell an fremde Sitten gewöhnt – bis er im Sand der Stierkampfarena stand.


»España es diferente.« Ausgerechnet in der Ära Franco bewarb dieser Spruch den spanischen Tourismus, als das Land sich in der Tat von allen anderen europäischen Staaten unterschied –nämlich darin, dass es noch eine Diktatur war. Doch auch heute noch gerät man täglich in Situationen, die diese These zweifelsfrei verifizieren.

Dass Dozenten die dem Begriff Universität einwohnende Gemeinsamkeit von Lehrenden und Lernenden auch auf das Privatleben ausdehnen, dass der Kauf des Feierabendbieres oft einer Drogenübergabe gleichkommt, dass Namen mehr nach Bedeutung als nach Wohlklang vergeben werden – im etwas anderen Spanien habe ich es gelernt. Eigentlich hatte ich nie Heimweh.

Gut, auf den ersten Blick ist Zaragoza keine Schönheit und selbst mein Köln ein Rheinmadrid verglichen mit dem kargen Plattenbautengebirge in der Wüste Aragons. Gut, ich hätte mich gefreut, wenn nicht jede der drei neu einziehenden WG-Mitbewohnerinnen mein freudiges »Hola, que tal?« (Hallo wie geht’s?) mit Sätzen wie »Du bisch fei au aus Deutschland, oder? I bin die Vroni« quittiert hätte. Natürlich hätte ich mich vielleicht besser auf die neue Sprache vorbereiten können, als eine Spanisch-für-den-Urlaub-Sonderseite der Bild-Zeitung auswendig zu lernen, da einem weder »Tengo unos buenos pectorales« (Ich habe eine gute Brustmuskulatur) noch »Hazme el amor, cariño« (Gib mir Liebe, Baby) bei der Bestellung im Restaurant oder dem Einkauf im Supermarkt wirklich weiterhelfen. Aber Heimweh hatte ich dennoch nicht.

Schlimmer noch: Wenn ich Mitte November von einem lauen Vorabend- Kick in der Sonne zurückkehrte, ein kühles Radler auf dem Balkon genoss, trieb mich meine Schadenfreude oft so weit, mit Genuss den deutschen Wetterbericht anzuschauen. Sofern ich soweit kam, mit ‘cerveza con limon’ auf dem Balkon zu sitzen. Denn die Suche nach einem Feierabend-Bier in einem der unzähligen von Chinesen geführten Klein-Supermärkte gestaltete sich als Suche im wahrsten Sinne des Wortes. Nachdem in jüngerer Vergangenheit einigen Läden die Konzession wegen Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz entzogen worden war, wurde der Einkauf von Alkohol zunehmend zum Ostereiersuchen mit Topfschlagenkomponente. Irgendwo steckt er nämlich stets, aber ob man nun hinter den Chips oder am Boden der Tiefkühltruhe suchen muss, bleibt der Fantasie des Kunden überlassen.

Die Chinesin meines Vertrauens hatte immerhin beinahe rund um die Uhr und nach eigenen Angaben 364 Tage im Jahr geöffnet – wenn man allerdings die Tage abzieht, an denen der Laden vorübergehend von der Polizei geschlossen wurde, verringert sich diese Zahl um ungefähr die Hälfte. Irgendwann stellte ich auch fest, dass die täglich 20 Stunden dort arbeitende Inhaberin des Spanischen gar nicht mächtig war. Zumindest beantwortete sie mir alle Fragen von »¿Tienes pan?« (Hast du Brot?) bis »¿A que hora cerráis?« (Wann macht ihr zu?) mit »mucha policía, mucha policía«. Genauer betrachtet war das als Antwort auf letztere Frage gar nicht so abwegig.

Die Spanier machen es einem nicht schwer, sich bei ihnen wohl zu fühlen. Es scheint, als würden sie ihre morgendlichen ‘churro’-Krapfen in heißem Dopamin frittieren. Marktfrauen kennen einen mit Namen, Busfahrer halten bei entsprechender Gestikulierung auch abseits jeglicher Haltestelle und Wege werden nicht erklärt, sondern mitgelaufen.

Glücklicherweise erlebte ich auch gleich zu Beginn das jährliche Stadtfest, die Pilar-Woche. Grund der Feierlichkeiten ist, dass Maria im Jahre 40 nach Christus in Zaragoza auf einer Säule erschienen sein soll, weswegen dort auch ungefähr zwei Drittel aller Frauen Pilar (also ‘Säule’) heißen. Es bleibt zu hoffen, dass sie beim nächsten Mal nicht auf einer Straßenlaterne erscheint, damit folgende weibliche Generationen nicht auf den Namen ‘farol público’ hören müssen.

Neben Konzerten, Straßenkünstlern und einem Oktoberfest, bei dem eine spanische Blaskapelle jede halbe Stunde ‘Ein Prosit der Gemütlichkeit’ spielt, zählen die ‘Vaquillas’ zu den Highlights der Woche. Im Vergleich zum normalen Stierkampf dreht der Stier hierbei den Spieß um: Knapp 100 Mutige – zumeist übermutige Jugendliche, die direkt aus der Disco kommen – jagt und schleudert er morgens um sieben durch die Arena. Ich beschränkte meine aktive Torero-Karriere auf zwei Alibi-Minuten, nachdem ich den Erasmus-Bericht eines Würzburger Studenten gelesen hatte: Er musste an einem solchen Morgen seinen Spanienaufenthalt mit schwerer Gehirnerschütterung und einem komplizierten Beinbruch abbrechen. Und ich hatte zu diesem Zeitpunkt ja noch nicht mal die Uni von innen gesehen.

Immatrikulation und Kurswahl zogen sich ein bisschen hin, da ein Spanier, der ‘mañana’ (morgen) etwas zu erledigen verspricht, damit einen Zeitraum zwischen drei und 14 Tagen meint. Dafür lässt sich die Beziehung zwischen Professoren und Studenten nicht mit deutschen Verhältnissen vergleichen. Nicht nur, dass man alle Dozenten duzt und von manchen sogar mit Küsschen begrüßt wird. Nein, man kann auch während einer Wochenend-Exkursion morgens um sechs Uhr im Club seinem Professor begegnen, der auf die Frage, ob er nicht eigentlich eine Freundin habe, schelmisch antwortet: »Relación a distancia, felices a los cuatro.« (»Fernbeziehung macht vier Leute glücklich.«)

Eigenartig sind die Spanier schon bei der Namensgebung. Noch bis vor 30 Jahren händigte die katholische Kirche eine Liste mit möglichen Vornamen aus, von denen die Eltern nur noch ihren Favoriten wählen mussten. Diese Liste war offensichtlich nicht sehr lang und außerdem scheint es eine staatliche Prämie gegeben zu haben, wenn man irgendwo im Namen seiner Tochter ‘María’ einbaute – so hören hier so viele Mädchen darauf, dass es gewöhnlich gar nicht ausgeschrieben, sondern mit Ma abgekürzt wird.

Bei ‘María Pilar’ gab es vermutlich noch eine Bibel obendrauf. Doch wenn es doch nur Namen von Heiligen wären! Wie man sich wohl fühlen muss, wenn man ‘Soledad’ (Einsamkeit), ‘Crucifixión’ (Kreuzigung) oder ‘Expiración’ (Aushauchung) heißt? Aber geheuer sind mir hier nicht einmal die Temperaturanzeigen. Wohl um sich ganzjährig an dem warmen Klima zu ergötzen, hängt an jeder zweiten Straßenecke eine kleine LED-Tafel mit der aktuellen Temperatur und Uhrzeit. Die Genauigkeit der Angaben lässt sich wohl am ehesten mit ‘mas o menos’ beschreiben – einem Universalausdruck, der wörtlich ‘mehr oder weniger’ heißt, aber alle Bedeutungen zwischen Ja und Nein abdeckt.

Ich habe Tage erlebt, an denen ich mich auf dem fünfminütigen Weg zur Uni angeblich einem Wechselbad zwischen 21, acht und 15 Grad ausgesetzt sah. Aber als mir eines Tages die Uhrzeit 17:66 angeboten wurde, verlor ich endgültig mein Vertrauen in die spanische Technik. Doch das macht nichts. Um 17:70 Uhr grüßte ich im Vorbeigehen meine Lieblingschinesin mit einem freundlichen »Tengo unos buenos pectorales«, sie antwortete routinemäßig mit »mucha policía, mucha policía«.

Bei acht bis 21 Grad kam ich kurz darauf an der Uni an, sah Vroni sich in schwäbelndem Spanisch mit einer Kommilitonin unterhaltend, die vermutlich auf den Namen Ma Pilar hört, bevor ich von einem ‘churro’ mampfenden Professor zum Kurs begrüßt wurde. Er kritisierte zwar einen von meiner Projektgruppe geschriebenen Exkursionsbericht, da er zu wenig bebildert wäre, doch als ich ihm anbot, noch einige Fotos der frühen Morgenstunden zu ergänzen, wiegelte er ab. Als Entschuldigung für diese Spitze lud ich ihn nach der Stunde zu meiner Abschiedsfiesta in meine Wohnung ein. Er sagte zu und blieb bis in die Morgenstunden. España es diferente.


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