Illu: Jens Rotzsche

Experten-Tipps gegen das Aufschieben
"Ich könnt´ ja noch..."


Von: Elke Pohl
Kaffee kochen? Die Wohnung schrubben? Tante Helga anrufen? Manchmal fallen dir die unmöglichsten Dinge ein, die alle nur einen Zweck erfüllen: dich von anderen Aufgaben abzulenken. Dipl.-Psychologe Hans- Werner Rückert kennt wirksame Mittel gegen die ‘Aufschieberitis’.



Herr Rückert, ist das Aufschieben ein weit verbreitetes Phänomen unter Studierenden?
Ja, wie bei allen anderen Berufsgruppen, bei denen Freiräume in der Aufgabenerledigung da sind und wo die Notwendigkeit besteht, sich selbst zu organisieren.

Ist es die Angst vor dem Scheitern, die uns Dinge aufschieben lässt? Die Angst vor einer Pleite ist ebenso ein Aufschiebemotiv wie Angst vor Erfolg, Perfektionismus, Überforderung oder Unterforderung und das Fehlen elementarer Arbeitsstrategien.

Schiebe ich z.B. das Verfassen einer Magisterarbeit aus anderen Gründen auf als z.B. Fensterputzen? Fensterputzen ist nur lästig, während bei der Magisterarbeit etwas auf dem Spiel steht: Es geht um eine wichtige Angelegenheit und unter Umständen auch um das damit verknüpfte Selbstwertgefühl.

Welche Gründe gibt es noch? Siehe oben: Wer auf Anhieb perfekte Ergebnisse von sich erwartet, scheut die Enttäuschung, wenn sich nicht gleich Sätze wie in Erz gegossen auf dem Papier einfinden. Manche scheuen auch die relative Einsamkeit, die mit einer anspruchsvollen Schreibaufgabe verbunden ist. Unlust und fehlende Impulskontrolle – man rennt bei jeder Gelegenheit vom Schreibtisch weg zum Kühlschrank, an den Briefkasten oder ans Telefon – sind weitere Ursachen, die häufig vorkommen.

Sobald ich mich an den Schreibtisch setzen will, überkommt mich eine bleierne Müdigkeit, ich bin blockiert – und ‘muss’ ja quasi aufschieben. Was kann ich tun? Ich würde empfehlen, den Zusammenhang von wahrgenommener Müdigkeit mit der Überzeugung, nun bleibe einem ja nur noch das Aufschieben, in Frage zu stellen, am besten empirisch. Also die Arbeit bewusst für eine Viertelstunde aufschieben, aber stattdessen ein belebendes kleines Gymnastikprogramm absolvieren, einmal um den Block joggen, danach unter die Dusche, zuletzt kalt duschen und zurück an den Schreibtisch.

Gibt es psychologische Tricks, der Aufschiebementalität zu entkommen? Tricks bringen meistens nicht so viel wie eine intensive Auseinandersetzung mit der eigenen Aufschiebetendenz: Was fürchte ich, welche Konflikte sind im Spiel, mit welchen unmittelbaren Belohnungen – also Abwaschen mit schnellem Erfolgserlebnis versus Am-Schreibtisch-Ausharren und Spannung ertragen – halte ich mein Problemverhalten aufrecht, warum bestrafe ich mich durch Erfolglosigkeit? Wichtiger, als sich mit Tricks zu überlisten, ist es, einen handhabbaren Arbeitsplan zu entwickeln und begründete Zuversicht zu erzeugen; das, was Psychologen ‘positive Selbstwirksamkeitserwartungen’ nennen.

Warum reden wir uns gerne ein, dass es morgen besser wird, wohl wissend, dass wir auch heute beginnen könnten? Es gibt kein problematisches Aufschieben ohne Ausreden, und diese illusionäre Hoffnung auf das bessere Morgen ist eine der gängigsten. Aber auch eine, der es an Kreativität mangelt.

Haben Sie vielen Dank für dieses Gespräch.

Buchtipp: »Schluss mit dem ewigen Aufschieben«, Hans Werner Rückert, Campus Verlag, 17,90 Euro.


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