Zwei Semester in Südafrika


Nelson Mandela träumte einst von einer Regenbogennation am Kap der Guten Hoffnung. Doch was zählt, ist immer noch die Hautfarbe. Bei seinem Studienaufenthalt hat Nico das Nebeneinander von Arm und Reich miterlebt, aber auch viel Gastfreundschaft und großartige Landschaften.

 

So viele Kondome: Fast jeder meiner Freunde hatte zu meiner Abschiedsfeier die gleiche Geschenkidee. »Und lass dich nicht erschießen«, hieß es noch, als sie mir die Präservative in die Hand drückten. Zwei Semester Südafrika: Am Kap der guten Hoffnung machen nicht nur die Vorbereitungen auf die Weltmeisterschaft Schlagzeilen. Das Land steckt voller Gefahren. Die Kriminalitätsstatistiken sprengen alle Rekorde. HIV ist eine Volkskrankheit. Im Wasser tummeln sich weiße Haie, an Land warten die Löwen. Mit diesen Gedanken im Kopf und den Kondomen im Gepäck besteige ich den Flieger nach Kapstadt. Mein Ziel ist die Studentenhochburg Stellenbosch.

Nur 50 Kilometer östlich von Kapstadt liegt eine der ältesten Städte Südafrikas idyllisch inmitten von majestätischen Bergen. Hunderte Weinfarmen ziehen sich über die Ausläufer der grünen Hügel, die Region ist weltbekannt für ihre edlen Tropfen. Hier studieren rund 20.000 Südafrikaner an einer der besten Hochschulen des Kontinents. Im ‘Oxford der Buren’ wurde die Apartheid konstruiert und später die Demokratie vorausgedacht. Heute erforschen hier Studenten aus aller Welt die Rassentrennung, um am Abend darüber mit Einheimischen bei einem Glas Wein zu philosophieren – ein gefundenes Fressen für jeden Politikstudenten. Die Lehrqualität der Uni ist sehr gut, das Studium aber weniger anspruchsvoll als in Deutschland. In manchen Vorlesungen herrscht babylonische Sprachverwirrung, da die Professoren alle paar Sätze zwischen Afrikaans und Englisch wechseln. Doch die Uni bietet auch einige englische Kurse speziell für internationale Studenten an, von Seminaren zur südafrikanischen Demokratie bis zu Kursen über Weinanbau. Grundsätzlich ist die Betreuung internationaler Studenten großartig. Durch unzählige Veranstaltungen und Ausflüge des International Office bildet sich rasch eine enge Gemeinschaft auswärtiger Studenten, die gemeinsam erkundet, feiert und studiert. Fast jeden Tag trifft man sich zu den beliebten ‘Braais’. Die Südafrikaner sind ein sehr lebensfrohes und kontaktfreudiges Volk und zögern nie, bei ihren traditionellen Grillabenden noch ein paar Steaks für internationale Freunde aufzulegen. Von afrikanischer Armut ist in Stellenbosch jedenfalls keine Spur: Hier findet sich ein Wohlstand, der in Deutschland seinesgleichen sucht. Doch bereits am Stadtrand beginnt die Dritte Welt: In Kayamandi leben rund 30.000 Menschen auf einem Hügel. Der Name des Townships bedeutet soviel wie ‘angenehmes Heim’, auch wenn das Leben hier nicht sehr gemütlich ist: Auf den Straßen stapeln sich Müll und Dreck, die Menschen zwängen sich in schiefe Hütten aus Wellblech. Viele sind HIV-positiv, die meisten arbeitslos, jeder ist schwarz. Willkommen in Afrika! Auch viele Jahre nach dem Ende der Apartheid gibt es hier kaum warmes Wasser. Die Demokratie hat die Menschen aus der Apartheid befreit, aber nicht aus der Armut. Viele weiße Südafrikaner haben noch nie einen Fuß in ein solches schwarzes Armenviertel gesetzt. Die Uni ermöglicht internationalen Studenten, im Township ehrenamtlich zu helfen. Einmal in der Woche gebe ich an der örtlichen Schule Nachhilfe. Die Lehrqualität und die Ausstattung der Schule sind miserabel. Kaum ein Kind aus Kayamandi schafft es an die renommierte Uni Stellenbosch, deren kapholländische Bauten nur zwei Kilometer weiter prachtvoll in der Sonne strahlen. Obwohl Schwarze die große Mehrheit der Bevölkerung stellen, sind zwei von drei Studenten in Stellenbosch weiß. Südafrika ist noch nicht die von Mandela angepriesene Regenbogennation, sondern eine gespaltene Gesellschaft, in der die Hautfarbe zählt. Weiße legen Markenprodukte aufs Laufband, Schwarze packen sie in die Tüte. Weiße fahren riesige Geländejeeps, Schwarze drängen sich in Minibus-Taxis. Weiße schmeißen ihre Kippen an den Straßenrand, Schwarze rauchen die Filterstummel. In Stellenbosch gibt es ‘schwarze’ und ‘weiße’ Clubs, in denen man sich besser nur mit der ‘richtigen’ Hautfarbe zeigt. »Wenn du da rein gehst, stechen sie dich ab«, warnt mich ein Weißer und zeigt auf den Eingang einer ‘schwarzen’ Diskothek. Auch Rassismus ist noch traurige Realität im Paradies. Vor allem die weiße Oberschicht steht den Problemen im Land relativ gleichgültig gegenüber. In jeder politischen Diskussion mit den einheimischen Studenten hagelt es Vorurteile: Schwarze seien kriminell, würden dem Staat auf der Tasche liegen und seien eigentlich an der ganzen Rassentrennung selbst schuld. Am Kneipen tresen erzähle ich einem weißen Südafrikaner von meiner Heimat. »Deutschland ist toll, Hitler war der beste Politiker überhaupt«, meint er fröhlich. Das Nebeneinander von Bettelarm und Steinreich macht Südafrika zu der Verbrechenshochburg der Welt. Alle paar Sekunden ein Diebstahl, alle zehn Minuten ein Mord. Nicht nur die Anzahl, auch das Ausmaß der Gewalt ist erschreckend. Während der fremdenfeindlichen Attacken in den Armenvierteln vergangenes Jahr wurden Menschen nicht einfach nur vertrieben, sie wurden zerhackt und am lebendigen Leib verbrannt. Lesen sich deutsche Boulevardblätter manchmal wie Krimis, erinnern südafrikanische Zeitungen an blutige Horrorfilme. Südafrikaner sind Gefangene im Paradies. Wer es sich leisten kann, kauft sich Stacheldraht und zieht Mauern um sein Haus. Autofahrer bleiben bei Rot nicht stehen, weil sie Angst vor Überfällen haben. In Stellenbosch steht an jeder zweiten Straßenecke ein Wachmann. Auf Wunsch begleiten sie Studenten abends zurück in das Wohnheim, das wie ein Hochsicherheitsgefängnis bewacht wird. Die Südafrikaner wollen bald Gastgeber der Welt sein, trauen sich aber nicht mehr auf die eigenen Straßen. Südafrikaner reden dauernd über Gewalt. Kaum einer meiner Kommilitonen, der noch nicht überfallen wurde. Nur wenige, denen der Blick in einen Pistolenlauf bisher erspart blieb. Trotzdem erzählt jeder eine andere Geschichte.

Der Busfahrer berichtet, dass du hinter jeder Ecke bestialisch abgeschlachtet wirst, der Kneipenwirt hingegen meint: Klar könne man von der Disko alleine nach Hause laufen, da ja alles gar nicht so schlimm sei. Grundsätzlich gilt: Wer gewisse Regeln befolgt, auf seine Sachen aufpasst, nachts nicht betrunken durch dunkle Straßen stolpert, der ist recht sicher. Wenn internationale Studenten bestohlen werden, ist fast immer Leichtsinn im Spiel. Mein Bargeld verteile ich meist auf verschiedene Taschen am ganzen Körper. In Johannesburg laufe ich auf meiner Kreditkarte. Nachts bleibe ich an der Hauptstraße und meide dunkle Gassen. Ich bleibe völlig unversehrt. Trotz der Probleme sind viele Landsleute sehr stolz auf ihre junge Nation, egal ob Schwarz oder Weiß. Mit gutem Grund: Südafrika ist ein wunderschönes Land mit grenzenlosen Möglichkeiten und einer aufregenden Zukunft. Und vielleicht rücken die Südafrikaner für die WM 2010 noch ein wenig enger zusammen. 

 


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