Besonnenheit bitte!


Interview: Prof. Dr. Cornelia Scott, bdbv - Wie sieht die Wirtschaftswissenschaft der Zukunft aus? Und wie können Studenten mit der Krise umgehen? Prof. Dr. Cornelia Scott, neue Präsidentin des bdvb, hat erfrischende Antworten parat.

Frau Professor Scott, Sie sind seit Juni dieses Jahres Präsidentin des bdvb. Außerdem leiten Sie die bdvb- Fachgruppe ‘Internationale Wirtschaft’ und sind Professorin an der Hochschule Anhalt. Wie vereinbaren Sie diese verantwortungsvollen Tätigkeiten miteinander? 

Ich sehe den Spaß an meiner Arbeit als wichtigste Voraussetzung, um mit den unterschiedlichen und abwechslungsreichen Aufgaben zurechtzukommen. Aber auch ganz praktisch gesehen kann ich die Tätigkeiten gut miteinander vereinbaren, da sich durch die Hochschule und die Verbandsarbeit, die zum großen Teil auf Studenten ausgerichtet ist, häufig Synergien ergeben. Hinzu kommt, dass ich sowohl in der Hochschule als auch im Verband tatkräftige Unterstützer habe. Dadurch sind die Aufgaben auf viele Schultern verteilt. 

Was sind denn Ihre Aufgaben und Ihre Ziele als Präsidentin des bdvb?

Zu den Aufgaben gehört es vor allem, den 12.000 Mitgliedern und davon den etwa 4.500 Studenten einen Mehrwert zu bieten und ihre Interessen widerzuspiegeln, damit sie sich im Verband gut aufgehoben fühlen. Dies erstreckt sich auf die Wirtschaftswissenschaften in ihrer ganzen thematischen Bandbreite – von der Distribution über den Absatz bis hin zu internationalen Fragestellungen – und beinhaltet damit sehr vielfältige Aktivitäten. Das Ziel ist es, die Interessen unserer Mitglieder auch weiterhin optimal zu vertreten. Außerdem streben wir ein stetes Wachstum an: Mit den zahlreichen Studierenden und Absolventen der Wirtschaftswissenschaften ergibt sich ein großes Potenzial und mit dem bdvb – im Übrigen der größte und älteste Verband der Wirtschaftsakademiker – eine gute Möglichkeit, diese Leute zu erreichen. Unter dieser Voraussetzung lohnt es sich, in Zukunft stärker an die Öffentlichkeit zu treten – durch Medien-, aber ebenso durch Lobbyarbeit: Denn politische Entscheidungen erfordern auch ökonomischen Sachverstand. Deshalb halte ich es für wichtig, dass Wirtschaftswissenschaftler ganz gezielt in derartige Entscheidungen einbezogen werden und sich hierfür auch selbst stark machen. 

Wie erleben Sie die Stimmung unter den Studierenden angesichts der Wirtschaftskrise? Und wie begegnen Sie ihr?

Bei vielen meiner Studenten, die kurz vor dem Start ins Berufsleben stehen, beeinflusst die Krise tatsächlich deren Motivation. Ich halte es aber für extrem wichtig – auch wenn es abgedroschen klingt – die Krise als Chance zu sehen und die Studienzeit zu nutzen, um zu überlegen, wie es weitergehen kann. Hierzu gehört auch das Bemühen um ein gutes Netzwerk, das man sich zum Beispiel durch Kontakte über den bdvb aufbauen kann. Härtere Zeiten implizieren auch ein stärkeres Gefühl der Zugehörigkeit, das meiner Ansicht nach im bdvb besonders stark empfunden wird. 

Wodurch entsteht dieses Gefühl der Zusammengehörigkeit? 

Zum Beispiel durch generationsübergreifende Kontakte: So kommen etwa Studierende in den Fachgruppen ganz locker mit Professoren ins Gespräch und finden hier eine Austauschmöglichkeit. Zusätzlich bieten wir in den einzelnen Bezirksgruppen interessante Fachveranstaltungen, aber auch Get-Togethers oder Stammtische. Der Verband wird also auf vielfältige Weise gelebt. Und letztlich schafft auch die schon angesprochene Lobbyarbeit, bei der die Mitglieder in der politischen Szene aktiv werden, das Gefühl, an einem Strang zu ziehen. 

Aktuell ist häufig die Rede vom ‘nachhaltigen Wirtschaften’ und von dem Verzicht auf schnelle Gewinne: Sollten diese Aspekte in Zukunft im Studium verstärkt aufgegriffen werden?

Auf jeden Fall. Dieser Nachhaltigkeitsgedanke kommt ursprünglich aus Deutschland. Als Britin sehe ich hierin auch eine besondere Stärke der Deutschen: nachhaltig zu denken und langfristig zu planen. Es kann nicht nur um ‘money, money, money’ gehen, sondern es müssen ebenso ethische Werte in Form von Corporate Social Responsibility (CSR) gelebt werden – auch international. Der beste Zeitpunkt, sich hiermit auseinanderzusetzen, ist tatsächlich das Studium. Wenn man hier schon auf CSR aufmerksam gemacht wird, kann man es im Beruf weiterleben. 

Wie ist es im Vergleich zu früher? Rückt CSR heute stärker ins Bewusstsein?
Ich glaube schon. Früher wurde CSR längst nicht bewusst gelebt. Die Presse hat die Unternehmen ebenso wie die Wirtschaftswissenschaften dann etwas wachgerüttelt. Es sollte aber nicht dabei bleiben, dass wir nur darüber reden, sondern dass dieser Nachhaltigkeitsgedanke umgesetzt wird. Im bdvb befasst sich die Fachgruppe ‘Wirtschaftsethik’ unter der Leitung von Diplom- Volkswirt und Diplom-Theologe Johannes Zabel mit diesem Themenkomplex und erarbeitet konkrete Handlungsvorschläge. 

Was raten Sie Studierenden in Bezug auf ihren Start ins Berufsleben?
Die Gefahr besteht darin, nach dem Studium vorschnell zu agieren, weil man meint, seine Chancen ansonsten zu verspielen. Das halte ich für die falsche Herangehensweise. Das A und O sind vielmehr eine gute Portion Optimismus und Besonnenheit. Studenten sollten sich Zeit nehmen, um herauszufinden, was zu ihrer Persönlichkeit passt und wo die eigenen Stärken und Interessen liegen. Hierfür sollten sie auch den Erfahrungsaustausch mit Absolventen suchen. 


Hintergrundinfos:
Der Bundesverband Deutscher Volks- und Betriebswirte e. V. (bdvb) vertritt seit mehr als hundert Jahren die Interessen aller Wirtschaftswissenschaftler in Deutschland und unterstützt seine rund 12.000 Mitglieder in Studium, Beruf, Weiterbildung und Karriere. Als unabhängiger, anerkannter und größter Verband der Wirtschaftsakademiker setzt er sich für die interdisziplinäre Diskussion ein und schafft ein Forum für den fachlichen Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis. Weitere Infos unter: www.bdvb.de 


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