Tafelberg mit Blick auf Kapstadt und das Meer

Auswandern für Anfänger: Die Sache mit dem Visum

Auswandern könnte so einfach sein, wenn da nicht die Visumsbeantragung wäre…

Auswandern? Easy, hab ich mir gedacht. Koffer packen, ins Flugzeug steigen, nicht mehr zurück kommen, in der neuen Heimat mit offenen Armen empfangen werden. Gefüttert mit dieser romantisierten Vorstellung habe ich eine winzige, bürokratische Kleinigkeit übersehen, die beachten muss, wer in einem fremden Land leben möchte: Das Visum.

Runde 1: Visumsunterlagen sammeln

Wieso ich ein Visum brauche? Ich werde nach Kapstadt gehen. Nicht nur so zum Chillen am Strand, Wandern, Zebras bestaunen und um mit sonnenverbrannter Nase billige Cocktails in hippen Jazz-Bars zu trinken. Nein, so richtig – zum Leben und Arbeiten. Vorab schon neugierig, was mich jetzt bei der Beantragung für mein Arbeitsvisum erwartet, lese ich auf Kapstadtmagazin.de: »Überleg dir gut, ob du die Arbeit nicht eine Immigrationsagentur machen lassen möchtest. Diese sind zwar in der Regel ziemlich teuer, aber du ersparst dir den ein oder anderen Nervenzusammenbruch.« Ach was… bis mir die Nerven zusammenbrechen braucht’s schon etwas mehr, als ein paar nervige Behörden – hab ich gedacht. Mein neuer Arbeitgeber zahlt ja eine Immigrationsagentur, das wird easy – hab ich gedacht.

Und drei Monate später saß ich immer noch ohne Visum da – dafür aber mit einem extrem gestiegenen Weißwein- und Schokoladeneis-Konsum und einem Stapel an medizinischen Nachweisen und Röntgenbildern, Führungszeugnissen, Einkommensbestätigungen, einer gesperrten Kreditkarte, Schnappatmung und einem zum Wucherpreis von einem beglaubigten translator auf Englisch übersetzen Bachelorzeugnis – Bologna hat prima funktioniert…

Runde 2: Der Konsulatsbesuch

Nach Wikipedia ist ein Visum eine – normalerweise im Reisepass eingetragene – Bestätigung eines fremden Landes, dafür, dass Einreise, Durchreise und Aufenthalt des Passinhabers erlaubt werden. Nachdem ich den Visumprozess selbst durchgemacht habe, kann ich mit gutem Gewissen sagen: Falsch! Ein Visum ist zu vergleichen mit einem Foto in Germany’s Next Topmodel. Beim Nacktshooting. Im Kühlraum. Und der Endgegner ist nicht Heidi Klum, sondern irgendein Beamter, der sich schon drauf freut, seinen unterdrückten Autoritätskomplex an den hilflosen Personen auszuleben, die mit einem Stapel Papiere in seinem Büro auftauchen und sich nur wünschen, dass die Odyssee ein Ende hat.

Spoiler: das hat sie vermutlich nicht, denn höchstwahrscheinlich fehlt Formular 2.62D – oder der Konsulatsbeamte hat einfach nur schlechte Laune und will ein fehlendes Formular finden. Das tut er am liebsten, indem er dir das Gefühl vermittelt, ein Schmuggler zu sein, der mit 30 Kilo Koks im Gepäck in der Zollkontrolle am Flughafen aufgeflogen ist. Für den Besuch braucht’s also in Massen: Geduld und Freundlichkeit. Schwierig, wenn die Haut sowieso dünn und die Frustrationstoleranz niedrig ist…

Nach drei Stunden auf dem Konsulat fühle ich mich wie nach einer Wurzelbehandlung. Doch in unnachahmlicher Beamtenart haben mir die Konsulats-Angestellten versichert: Mein Visum geht mir per Post zu, den Flug kann ich buchen, in sieben Wochen kann es losgehen.


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