Wage den Absprung: Karriere im Ausland

Am Anfang jeder internationalen Karriere steht der Sprung ins Ungewisse. Aber der lohnt sich!

Wer will, muss gar nicht lange suchen, es gibt sie zuhauf: Redewendungen, wonach es doch nirgends schöner sei als im eigenen Zuhause, und sei es eines mit Häkelgardinen vor dem Fenster und einer Fototapete mit Alpenpanorama an der Wand. Sich auf irgendeinem Platz der Welt geborgen und wohl zu fühlen, eine vertraute Umgebung und liebgewonnene Menschen gerne um sich zu haben, ist ja auch wirklich nichts, worüber man despektierlich reden müsste. Nein, sich von alldem im Zweifel lieber nicht trennen zu wollen, ist verständlich, und doch: Wer den Mut hat, einen Blick über den Horizont zu werfen, kann vieles entdecken, das einem den, vielleicht ja ohnehin nur vorübergehenden Verlust des Vertrauten mehr als aufwiegt.

Fedor Zeyer hat ihn gewagt, einen solchen »Schritt aus der Komfortzone«, wie er ihn nennt:

Er hat seine gewohnte Stuttgarter Umgebung verlassen und macht jetzt auch international Karriere – beim Verlagshaus Macmillan in London. Eigentlich angestellt ist der studierte Wirtschaftswissenschaftler und examinierte Wirtschaftsprüfer bei der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck in Stuttgart, die das auf Fachliteratur spezialisierte Unternehmen Macmillan im Jahr 1999 übernommen hat. Für zunächst zwei Jahre aber ist Zeyer im Rahmen einer Entsendung Wahllondoner. Dass es einmal dazu kommen sollte, ahnte der heute 34-Jährige während seines Studium noch nicht. »Ich hatte nie geplant, einmal ins Ausland zu gehen«, erzählt Zeyer, der während seines Studiums an der Universität Hohenheim deshalb auch nie einen Auslandsaufenthalt einlegte. Erst als Zeyer seine heutige Frau kennenlernte und die ihm zu verstehen gab, dass sie so gar nichts gegen ein bisschen Internationalität hätte, begann sich Zeyer nach Möglichkeiten bei Holtzbrinck umzuhören. Dass es sie geben musste, war ihm schon klar, als er 2010 zu Holtzbrinck kam. Schließlich ist die Verlagsgruppe ein international operierendes Medienunternehmen, das mit seinen Fach- und Publikumsverlagen und elektronischen Medien über die Hälfte seines Umsatzes im Ausland erzielt. In diesem Jahr war eine passende Stelle für Zeyer gefunden: Zum 1. Juli trat er den Posten des ›Head of Financial Planning, Business Support and Reporting‹ an, am Macmillan-Unternehmenssitz unweit des Bahnhofs King’s Cross im Londoner Norden.

Zuständig ist Zeyer dort für das Reporting, für Budgetierung, Planung und die Beratung der einzelnen Businessunits in allen Fragen der finanziellen Planung

»Deutlich operativer« sei diese Tätigkeit im Vergleich zur externen Rechnungslegung, mit der er sich noch in Stuttgart vornehmlich befasste. Insofern bringt schon die Arbeit eine gewisse Abwechslung mit sich. Wirklich besonders wird sie aber dadurch, dass Zeyer für sie eben nicht einfach nur sein Büro in Stuttgart wechselte. »Es ist natürlich unheimlich interessant, eine neue Kultur kennenzulernen. Ich kam sehr unvoreingenommen hierher und dachte anfangs, dass es zwischen England und Deutschland keine großen Unterschiede gäbe. Aber«, betont Zeyer, »es gibt sie.« Mitunter seien es nur Kleinigkeiten, erzählt der 34-Jährige. Fragen und Bitten beispielsweise würden in England deutlich defensiver formuliert. »Mit der typisch deutschen forschen Art beispielsweise zu fragen ›Könntest du das bitte machen?‹, wäre für englische Verhältnisse schon sehr offensiv und direkt.«

Dr. Fritz Audebert können solche Erfarungsberichte kaum überraschen

Audebert muss es wissen, schließlich befasst sich der Gründer und Vorstandsvorsitzende der Passauer ICUnet.AG von Berufs wegen mit genau solchen Unterschieden. Die über 150 festen und 350 freien Mitarbeiter der ICUnet.AG beraten Unternehmen in allen Fragen der Internationalisierung, seien es nun Standortsuche, der Aufbau von Beziehungsnetzwerken, erfolgreiches Recruiting im Ausland oder auch Dienstleistungen wie das Organisieren von Wohnungssuche und Umzug. Und natürlich zählt auch die interkulturelle Qualifizierung der Mitarbeiter zum Leistungsportfolio von ICUnet.AG. Experten für mehr als 75 Länder und 25 Sprachen hat das Beratungs- und Dienstleistungsunternehmen dafür in seinen Reihen. »Sie werden im Ausland auf gravierende Unterschiede im Verhalten von Vorgesetzten und Kollegen treffen«, prophezeit Audebert allen, die sich für eine internationale Laufbahn entscheiden. Das fange bei unterschiedlichen Begrüßungsritualen an, und höre bei Dresscode, der Einhaltung von Fristen oder dem Ablauf von Besprechungen auf. »Deutsche empfinden es zum Beispiel als sehr unhöflich, wenn ein Teilnehmer mitten in einem Meeting sein klingelndes Mobiltelefon bedient und länger telefoniert. In vielen arabischen oder südamerikanischen Ländern hingegen«, erzählt Audebert, »ist dies normal und deutet auf die starke Beziehungsorientierung hin.«

Sich auf solche kulturellen Besonderheiten vorzubereiten, sei eminent wichtig, betont Audebert, denn:

»Leider kommt es noch immer vor, dass der entsandte Mitarbeiter zwar fachlich top ist, es jedoch nicht schafft, sich an die kulturellen Besonderheiten des Gastlandes anzupassen.« Solche Probleme hatte Fedor Zeyer nicht – obwohl er sich, wie er sagt, nicht besonders eingehend auf sein Englandabenteuer vorbereitet hat. »Aber schon bei einem Besuch im Mai, als ich am Bahnhof Paddington aus dem Heathrow-Express stieg, hatte ich das Gefühl: ›Das passt, hier fühlst du dich wohl‹.« Entscheidend dafür dürfte gewesen sein, dass Zeyer nicht mit Vorbehalten, sondern mit Neugier und Weltoffenheit seine Stelle in der Metropole an der Themse antrat. Ohne diese geht es auch nicht. »Eine internationale Karriere erfordert sehr viel Offenheit, Anpassungsfähigkeit, Mut und eine gewisse Risikobereitschaft«, sagt Dr. Fritz Audebert. Der rät übrigens allen Studierenden, die nach ihrem Abschluss im Ausland arbeiten möchten, auch, schon während ihres Studiums viel über andere Kulturen zu lernen, sowohl in Vorlesungen als auch durch Freizeitangebote, aktives Netzwerken und einen Auslandsaufenthalt. Doch selbst ohne diese Vorbereitungen, und das beweist schon das Beispiel Fedor Zeyers, ist es für eine internationale Karriere nie zu spät, findet Audebert. Gute Sprachkenntnisse, Motivation und Neugier seien aber auf jeden Fall von Vorteil.

Wer sich einmal traut, kann sich freuen

»Aus den unterschiedlichen Arbeits- und Denkweisen entstehen viele positive Synergien, die man optimal für die Projektarbeit nutzen kann«, sagt Dr. Fritz Audebert. Fedor Zeyer spricht von ›neuen strategischen Fenstern‹, die sich im Ausland öffneten, betont daneben aber auch die reichen persönlichen Erfahrungen, die er privat sammelt. Außerhalb des Büros und in seiner direkten Nachbarschaft: »Kürzlich hat eine Nachbarin bei uns geklopft und gefragt, ob meine Frau ihren Herd anmachen könne. Meine Frau hat sich erst sehr gewundert, aber dann hat sich herausgestellt, dass jüdisches Neujahrsfest war und unsere Nachbarn aus religiösen Gründen den Herd nicht anschalten durften. Es haben sich seitdem viele ganz, ganz nette Unterhaltungen ergeben, und diese Gelegenheiten hätte ich wohl nicht gehabt, wenn ich den Schritt nach London nicht gewagt hätte.«


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