Was Auswandern wirklich bedeutet!

Raus aus Deutschland, rein ins Paradies - davon träumen viele. Doch nicht jeder findet sein Glück in der Ferne. Ein solcher Schritt erfordert weit mehr als ein bisschen Abenteuerlust.

Trolle und Elfen gibt es wirklich, wird behauptet. Und es sollen Menschen gesichtet worden sein, die noch nie daran gedacht haben, am anderen Ende der Welt ihr Glück zu suchen. Viel wahrscheinlicher aber ist es, dass das große Schwärmen losgeht, wenn unter Freunden oder Kollegen das Thema Auswandern aufkommt: Kuchen nach Omas Rezepten im eigenen ‘German Café’ in Kanada servieren! Mit dem Animateur aus dem Robinson Club eine Tauchschule in seiner Heimat Tahiti eröffnen! Jeder hat da so seine Vorstellung vom Glück, angeheizt durch die Medien, die sich derzeit gegenseitig mit Reportagen über erfolgreiche Auswanderungen, Weltreisenden- Blogs und Tipps zum guten Start in der neuen Heimat überbieten. 

»Seit Auswandern zum Trend-Thema geworden ist, bekommen wir tatsächlich mehr Anfragen – besonders für ferne Länder wie die USA oder Australien«, bestätigt Uta Witte von der Evangelischen Auslandsberatung in Hamburg, die als Traditionsverein seit 1873 ihrer selbst gestellten Aufgabe nachgeht, »Auswanderer nicht schutzlos und unwissend in ein unbekanntes Land ziehen zu lassen«. »Es kommen auch Menschen zu uns«, staunt Witte, »die es sich nicht leisten können, ihr Wunschziel zu bereisen, aber trotzdem für immer dorthin gehen wollen!«

Der Hype ist zur Massenhysterie geworden, der Lebensentwurf für Individualisten zur Pflichtveranstaltung für alle. Die gehäufte Berichterstattung zum Thema Auswandern ist auch Jan, 33, Inhaber einer Werbeagentur aus dem Westerwald, aufgefallen, und er beobachtet sie skeptisch:

»Die Beiträge in Zeitung und Fernsehen treffen den Sehnsuchtsnerv in mir, aber animieren mich nicht gerade dazu, es den vorgestellten Personen nachzumachen, denn die Auswanderungsmodelle der meisten von ihnen ergeben für mich keinen Sinn. Bei fast allen sehe ich die Hauptmotivation im Weggehen und nicht im Ankommen, dabei nimmt man sich immer mit, egal wohin die Reise geht.«

Ob hoch qualifizierte Intellektuelle oder Lebenskünstler ohne Ausbildung: Pläne vom Aufbruch zu schmieden gehört inzwischen zum guten Ton, egal vor welchem Herkunftshintergrund, egal in welchem Alter. Und wer sich dem Gedankenspiel einmal hingegeben hat, kommt immer wieder darauf zurück.

»Schon als Kind wollte ich immer auswandern«, erinnert sich Lizzy, 31, Übersetzerin aus Frankfurt am Main, »in einem fernen Land leben, in einem Haus am Meer oder irgendwo tief und einsam in endlosen Wäldern. Als nun ein Bekannter nach Neuseeland ging und eine andere Bekannte nach Australien, fiel mir dieser alte Traum wieder ein und ich kam ins Grübeln, ob das auch was für mich wäre. Und dann entsann ich mich, dass mich ähnliche Gedanken vor knapp zwei Jahren schon einmal bewegt hatten, kurz bevor wir anfingen, unser Haus zu bauen und uns hier endgültig festzulegen.«

Margrit Tratz, die bei der Evangelischen Auslandsberatung für außereuropäische Ziele zuständig ist, kennt zahllose solcher Geschichten:

»Auswandern ist ein Traum, der viele Menschen ihr Leben lang begleitet. Als junge Erwachsene wollen sie für einige Jahre im Ausland Berufserfahrung sammeln und haben gute Chancen, dass daraus etwas wird, weil sie meist noch ungebunden sind. Doch dann ändern sich die Lebensumstände und der Traum vom Auswandern gerät erst einmal ins Hintertreffen. Vielleicht will die Familie nicht mitziehen und dann stehen diese Menschen viele Jahre später ohne die inzwischen erwachsenen Kinder oder nach einer Scheidung mit einem neuen Partner wieder bei uns vor der Tür, 40 oder 50 Jahre alt, und denken sich: »Wenn nicht jetzt, wann dann?« Den Reiz verliert die Vorstellung für den einmal Fernweh-Infizierten nie, nur bedeutet das nicht, dass er tatsächlich an den Punkt gelangen wird, an dem es Sinn macht wegzugehen.

Unglückliche Zeitpunkte und fragliche Motivationen, Deutschland zu verlassen, gibt es viele, denn mit Romantik hat Auswandern wenig zu tun: Frankreich im Urlaub, das mag Baguette, Wein und Genuss mit einem Häubchen Sonne bedeuten, aber Frankreich im Alltag muss deshalb noch lange nicht passen. Enttäuscht auf ein Deutschland zu schimpfen, das nicht mehr dieselben Sicherheiten bietet wie früher, ist en vogue, aber ein Land zu finden, das besser dasteht, wird dann schon schwieriger.

»Man sollte nicht auswandern, weil einem die Menschen in der Heimat auf den Nerv gehen«, ergänzt Jan.

Uta Witte von der Evangelischen Auslandsberatung vertritt einen ähnlichen Standpunkt:

»Häufig kommen Auswanderungswillige mit Problemen und hoffen, sie bei einem Wegzug hinter sich zu lassen. Aber Probleme kennen keine Grenzen, sie gehen einfach mit.«

Nun braucht es nicht unbedingt eine Lebenskrise oder eine instabile Persönlichkeit, um festzustellen, dass Auswandern keine echte Alternative ist. Vielleicht war es schon immer eher ein Hintertürchen, das man sich offen hielt, um nicht völlig planlos dazustehen, falls das Leben eine unerwartete Wendung nehmen sollte. Manchmal aber kostet es noch mehr Mut, einen Plan B jahrelang griffbereit zu haben und dann doch nicht aus der Schublade zu holen, weil es sich als vernünftiger für alle Beteiligten herausstellt. Das ließe sich wohl leichter akzeptieren, wenn nicht alle Welt ständig von Mobilität, Globalisierung, Flexibilität und Kosmopolitentum predigen würde: »Du Neidhammel!« lästern die Ausgewanderten. Die Daheimgebliebenen wiederum, die nie vom Fernweh übermannt wurden, beschweren sich, dass sich im aktuellen Welteroberungsfieber kein Mensch mehr traut zu sagen, warum er immer noch hier ist. Als würde jemand allen Ernstes glauben, dass die Mehrheit aus wichtigtuerischen, antriebslosen, bequemen Zeitgenossen besteht, die zu blöd sind, ihren Traum in die Tat umzusetzen. Mindestens genauso blöd steht jedenfalls derjenige da, der die Idee vom Auswandern nicht bis zum Ende durchdenkt:

»Viele vergessen, dass sie mit ihren Plänen scheitern könnten«, warnt Uta Witte. »Und den Freunden zu gestehen, dass man zurückkommen muss, kann peinlich sein.«

Vor solch einem Hintergrund stellt sich die Frage, wie aktuell der Traum vom Auswandern eigentlich ist, was er über den Fernwehgeplagten verrät und ob er zum Rest seines Lebensentwurfes passt. Für den einen mag die Antwort lauten: Es kann der Seele nicht gut tun, sie die nächsten zwanzig Jahre lang auf später zu vertrösten, weil immer irgendwelche Umstände dagegen sprechen. In dem Falle muss gesagt werden: »Auswandern wäre eine Option gewesen, aber unter den gegebenen Umständen ist es keine mehr. Ich verabschiede mich hiermit da von.«

Lizzy jedenfalls hat ein derart endgültiges Fazit gezogen:

»Mit dem Thema Auswandern habe ich abgeschlossen, weil ich eingesehen habe, dass ich aus den falschen Gründen weggegangen wäre: auf der Suche nach dem Abenteuer, nach diesem schieren Gefühl von Lebendigsein. Was für ein ungeheurer Thrill das sein muss, wenn auf einen Schlag alles neu ist: Wohnung, Sprache, Kultur, Job, Freundeskreis! Bloß bleibt das Neue nicht auf ewig neu, sondern wird zur Gewohnheit. Mein Fernweh, so es denn wieder ausbricht, werde ich von nun an lieber mit gelegentlichen großen Reisen kurieren.«

Könnte natürlich auch sein, dass aus der Abenteuerlust ein realistischer Plan wird, bei dem ein Schritt nach dem anderen gegangen werden muss. So wie bei Jan, der sich erst zur Auswanderung entschließen will, wenn genügend Rücklagen angelegt sind, sein Sohn seine Zustimmung signalisieren kann, eine mögliche Rückkehr bedacht worden und ein Job am Ziel vorhanden ist.

Text: Maja Roedenbeck


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