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Frauenförderung in MINT-Fächern

So fördern Verbände, Unternehmen und Hochschulen Frauen

1971 wurden der Airbag und der Taschenrechner erfunden und so manches sicherer gemacht beziehungsweise vereinfacht. Und während sich die Technik fortschrittlich ihren Weg in die Familien suchte, dauerte es noch ein Jahr, bis es Frauen erlaubt war, sich den Weg in die Arbeitswelt zu bahnen – ohne vorher den Gatten um Erlaubnis fragen zu müssen. Wird nun ein Vergleich angestellt, welche Entwicklung der Taschenrechner in den letzten Jahrzehnten zurückgelegt hat und wie es mit dem Frauenanteil in technischen Berufen sowie Führungspositionen bestellt ist, sieht es – nett ausgedrückt – sehr mau aus. Oder wie es Inge Hack, Vorstandsmitglied des deutschen ingenieurinnenbund (dib), ausdrückt: »rasanter Technikwandel« versus »Schneckentempo«.

Es ist diese Gegenüberstellung, die darauf hinweist, wie sehr unsere Arbeitswelt im Bereich der Gleichstellung und Frauenförderung hinterherhinkt. Allerdings zeigt ein Blick über die aktuellen Zahlen hinaus – die von immer noch zu niedrigen Frauenanteilen in Managementpositionen zeugen –, dass sich einiges tut. So hat sich nicht nur der dib die tatsächliche Gleichstellung der Geschlechter in Ausbildung und Beruf zur Aufgabe gemacht, sondern setzen sich auch Hochschulen und Unternehmen explizit mit einer aktiven Frauenförderung auseinander. Bei Bosch Rexroth ist es seit Jahren Bestreben, Frauen über alle Bereiche hinweg zu fördern, beispielsweise durch etablierte Mentoringprogramme, umfangreiche Seminar- und Coachingprogramme, dem Business Woman’s Program sowie aktive Frauennetzwerke. Mit Erfolg:

»Wir haben mehr gemischte Teams, was zu einem klaren Wettbewerbsvorteil führt«, sagt Dr. Ingo Redenbach und erklärt, dass in gemischten Teams weitaus mehr Ideen entstehen. Zudem sei es dem Unternehmen gelungen, regelmäßig einen überproportional hohen Anteil an MINT-Absolventinnen zu gewinnen.

Aber selbst wenn bereits viel erreicht worden sei, so der Senior Vice President Human Resources weiter, bleibt es eine wichtige Herausforderung, Frauen für technische Berufe zu begeistern, zu etablieren und weiter auszubauen. Dabei sind auch die Hochschulen in die Pflicht zu nehmen: »Diese sollten aktiv und frühzeitig auf Schülerinnen zugehen, um diese für technische Studiengänge zu gewinnen, sprich, Technische Hochschulen erlebbar machen.«

Frauen in MINT-Berufen: Frühzeitiges Orientierungsangebot notwendig

»Mehr Technik bereits in der Schulbildung«, lautet das Plädoyer von Antje Liersch, der ersten Professorin im Fachbereich Ingenieurwesen an der Hochschule Koblenz. Sie hätte sich bereits zu Schulzeiten ein umfangreicheres und frühzeitigeres Orientierungsangebot an Schulen gewünscht. Ebenso mehr Möglichkeiten, mit Studierenden und Vorbildern aus der Praxis in Kontakt zu kommen. Allerdings, fügt sie hinzu, dass sie in ihrer Schulzeit in der ehemaligen DDR schon früh mit der Welt der Technik zu tun hatte und nicht gegen das Vorurteil ankämpfen musste, dass Frauen für technische Berufe weniger geeignet seien: »Das kam erst mit der Wende. Hier hätte ich mir damals ein größeres Selbstverständnis für Frauen in der Technik – auch in den neuen Bundesländern gewünscht«, erinnert sich Liersch, die seit 2011 Projektverantwortliche des Ada-Lovelace-Projekts an den Hochschulstandorten Koblenz und Höhr-Grenzhausen ist, mit dem Ziel, Mädchen und Frauen für MINT-Studiengänge und -Berufe zu motivieren.

Wenngleich viele Hochschulen Mentoring-Programme anbieten, Frauennetzwerke etablieren, Gleichstellungsbüros einrichten oder den Anteil weiblicher Professoren in technischen Disziplinen erhöhen – die Förderung müsste bereits früher ansetzen: »Um mehr junge Frauen für MINT-Berufe zu begeistern, muss jedes Glied in der Kette seine Aufgabe erfüllen. Das beginnt im Elternhaus, wenn aufgeklärte Eltern ihre Töchter unabhängig von Rollenstereotypen zu einer Karriere im MINT-Bereich ermutigen und sie auf diesem Weg unterstützen«, sagt Liersch und verweist auf den Girls Day, Kinder-Uni-Vorlesungen, Workshops und Schnupperangebote, die die Hochschule Koblenz für Schülerinnen anbietet.

Dass die Förderung bereits schon früher beginnen muss, ist auch Thema bei Bosch Rexroth, indem das Unternehmen durch verschiedene Angebote und Veranstaltungen versucht, das Technikinteresse von Mädchen frühzeitig zu wecken. »Zudem möchten wir auch die Eltern einbinden, also Mind Set und Akzeptanz für technische Berufe schaffen«, erklärt Rendenbach.

Frauen in MINT-Berufen: Auch die Politik ist in der Pflicht

Doch sind nicht nur Unternehmen und Hochschulen in der Pflicht. Auch die Politik muss ihren Beitrag dazu leisten, dass die Zahl von Frauen in technischen Berufen steigt: »Nach wie vor sind hier Vorbilder erforderlich. Hinzu kommt, dass praxisorientierter Unterricht und Vorlesungen Frauen sehr entgegenkommen und deshalb vermehrt eingesetzt werden sollten«, sagt Hack.

Staat, Länder und Kommunen sollten mit gutem Beispiel vorangehen und mehr Frauen in technischen Fächern und Führungspositionen beschäftigen. Ein probates Hilfsmittel, um dies zu erreichen, sei, sich selbst Ziele zu setzen und den Erfolg zu messen. Wobei das Thema ›Quote‹ in dem Zusammenhang sinnvoll erscheint. Außerdem könnten doch auch vermehrt Ingenieurinnen in Film und Fernsehen eine Rolle spielen. Dies hätte beispielsweise bei den Polizistinnen zu einem wechselnden Selbstverständnis geführt: »Inzwischen ist es völlig normal, dass eine Frau Polizistin ist. Das würde ich mir auch für Ingenieurinnen wünschen«, so das Vorstandsmitglied vom dib.

Allerdings sollten sich Frauen auch ihrer Stärken bewusst sein. Denn noch ist es nicht unbedingt einfach, sich in – immer noch – männerdominierten Branchen durchzusetzen. Wobei es weniger um ein Durchsetzen als um ein Miteinander geht. Damit es zu einem ›Gleichklang der Geschlechter‹ kommt, müssen Frauen teilweise noch ein wenig arbeiten. Liersch von der Hochschule Koblenz erklärt, dass Studien bei in den Ingenieur- oder Naturwissenschaften eingeschriebenen Studierenden einen markanten Unterschied zwischen Männern und Frauen hinsichtlich des Selbstbewusstseins und der Einschätzung der eigenen Leistungsfähigkeit gibt: »Frauen werden scheinbar nach wie vor zu oft unterschätzt und müssen sich für ihr ›geschlechteruntypisches‹ Interesse rechtfertigen. Dies könnte einer der Gründe dafür sein, dass einige Frauen bereits in jungen Jahren Unsicherheiten hinsichtlich ihrer Fähigkeiten in den MINT-Fächern beziehungsweise -Berufen entwickeln.«

Selbstbewusste Studentinnen

Persönlich könne sie aber kein mangelndes Selbstbewusstsein bei den Studentinnen feststellen. Im Gegenteil: Täglich erlebt sie äußerst selbstbewusste Frauen, die wissen, was sie können, was sie wollen und wissen, wie sie sich Männern gegenüber durchsetzen können. »Bei denen mache ich mir um den weiteren Karriereweg keine Sorgen.« Um wie diese Studentinnen zu werden, von denen die Professorin spricht, bedarf es neben Selbstbewusstsein noch andere Eigenschaften. Unter anderem Begeisterung, Spaß und Interesse: »Nicht vergessen, die eigenen Erfolge ins Rampenlicht zu stellen und entsprechende Kontakte sowie Netzwerke zu erschließen – dies ist ebenso wichtig wie fachlich gut zu sein«, ermuntert Hack und fügt an, dass dies insbesondere Frauen oft vergessen oder dies nicht wahrhaben wollen: »Ohne Fleiß keinen Preis, aber viel Fleiß bedeutet nicht automatisch Preis.« Es gilt also, für seine Leistungen einzustehen, zu seinen Interessen zu stehen und auch mal aufzustehen, um gehört zu werden. Hilfe und Unterstützung gibt es hierfür genügend, aber allem voran muss eines stehen: der Glaube an sich selbst. 


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