"Say yes to great opportunities"

Die gebürtige Südafrikanerin Suzelle Abe, Head of Seller Services Consumables & Media bei Amazon, im Gespräch über Diversität, Frauenförderung und das Nutzen von Chancen.

Frau Abe, Sie sind in Südafrika aufgewachsen –
wie hat Sie Ihr Heimatland geprägt?

Es ist ein Land mit unglaublich vielen unterschiedlichen Kulturen – wir haben zum Beispiel elf offizielle Sprachen. Ich bin inmitten dieser Vielfalt aufgewachsen und weiß, wie positiv sich diese auf die Arbeit oder auch den Freundeskreis auswirkt. Das ist etwas, das ich mit nach Deutschland gebracht habe.
Sie sind aus Liebe nach Deutschland gekommen. Wie kam es dazu?
Ich arbeitete in Südafrika bei BP als National Food Service Manager und war für die Wild Bean Cafés verantwortlich. Mein jetziger Ehemann kam für ein Zwei-Jahres-Projekt in die Firma – ich werde den Tag, an dem wir uns kennenlernten, nie vergessen: Er konnte kein Wort Englisch sprechen. Nach den zwei Jahren machte er mir den Vorschlag, zu ihm nach Deutschland zu ziehen. Um herauszufinden, ob ich mir ein Leben dort vorstellen könnte, machte ich einen fünfwöchigen Urlaub in Deutschland. Schließlich dachte ich: »Warum nicht?« Und so kam es, dass ich vor acht Jahren nach Deutschland gezogen bin. Wir wohnten anfangs in Dülmen, einem kleinen Ort bei Münster, wo keiner Englisch konnte. So lernte ich schnell Deutsch und machte mich mit Kultur und Denkweise der Deutschen vertraut.

War es zu Beginn schwierig, sich in Deutschland zurechtzufinden?

Oh ja, vor allem mit der Sprache! Aufgrund meiner Herkunft musste ich einen Integrationskurs machen. Zwanzig Personen aus zwanzig verschiedenen Ländern kennenzulernen, fühlte sich wieder ein bisschen wie zuhause an – auch weil einige aus Afrika kamen. Schwierig war anfangs auch das Einkaufen: Ich musste mit neuen Produkten und einer neuen Währung, dem Euro, zurechtkommen. Auch auf der richtigen – oder falschen – Straßenseite zu fahren, war eine große Herausforderung. Damals war es zudem noch schwierig, mit meiner Familie in Südafrika in Kontakt zu bleiben – Messenger wie WhatsApp waren noch nicht so verbreitet. Was ich als sehr positiv empfand, war unsere Vermieterin in Dülmen. Sie konnte fließend Englisch sprechen und half mir, wo sie nur konnte.
Als Leiterin der Women@Amazon-Gruppe in München setzen Sie sich für Frauen bei Amazon ein. Warum sehen Sie die Notwendigkeit hierfür?
Verschiedene Perspektiven sind sehr wichtig für die Entscheidungen, die wir jeden Tag treffen. Je unterschiedlicher die Menschen im Hinblick auf ihr Alter, ihre Erfahrungen, ihre Herkunft und natürlich auf ihr Geschlecht sind, desto mehr verschiedene Ziele, Ideen und Lösungen bringen sie

hervor. All das führt zu einer besseren Leistung für unsere Kunden. Deshalb war es uns ein Anliegen, mehr weibliche Führungskräfte bei Amazon zu etablieren und wir gründeten Women@. Das ist eine Affinity Gruppe, von denen wir weltweit insgesamt zehn haben, die unterschiedliche Zielgruppen ansprechen.

Haben Sie noch das Gefühl, dass Frauen am Arbeitsplatz benachteiligt werden?

Ich kann nur für mich hier bei Amazon sprechen – aus dieser Sicht definitiv nein. Wir haben unsere Leadership-Prinzipien, die für einen fairen Arbeitsplatz sorgen. Es gibt vielleicht solche, die dem einen etwas besser liegen als dem anderen – aber das ist unabhängig vom Geschlecht und eher eine Frage unterschiedlicher Persönlichkeiten. Auch mir haben die Prinzipien die Chance gegeben, meine Perspektive einzubringen.

Woran arbeiten Sie konkret bei Women@Amazon?

Das Kernteam ist in Work Streams organisiert, die sich mit Themen beschäftigen, die uns besonders wichtig sind: Recruiting, Training und Entwicklung, Richtlinien sowie Kommunikation und Events. Im Bereich Recruiting haben wir zum Beispiel die ›Candidate Experience Champions‹ eingeführt: Wir organisieren außerhalb des Vorstellungsgesprächs für weibliche Bewerber ein Treffen mit einer unserer Mitarbeiterinnen. Dabei können sie Fragen zu stellen und mehr über Amazon und unsere Kultur erfahren. Im Bereich Entwicklung haben wir außerdem ein Mentorenprogramm für Frauen entwickelt. Darin geht es etwa auch darum, wie ein Mentor ausgewählt wird und wer sich dafür eignet.

Welche Ergebnisse sind zu erkennen?

In einer Umfrage zum ›Candidate Experience Program‹ haben 95 Prozent der befragten Kandidatinnen – auch die, die letztlich nicht zu Amazon gekommen sind – angegeben, dass sie das Programm gut oder sehr gut finden und wir es fortführen sollten. Der Erfolg des Mentoring-Programms wiederum besteht darin, dass das Programm sich von einem Geschäftsfeld auf weitere ausweiten konnte – und immer noch wächst. Unser Ziel ist es, jede Frau bei Amazon in München damit zu erreichen. Außerdem ist die Women@-Gruppe seit 2016 von 200 auf über 500 Mitglieder gewachsen. Früher gab es auch nur etwa zwei Events pro Jahr – jetzt gibt es drei oder vier Events pro Quartal. Das alles zeigt, dass Frauen (und Männer) sich beteiligen wollen.

Sie sind auch in der Jury des Digital Female Leader Awards 2018. Warum beteiligen Sie sich?

Der Award soll Frauen auszeichnen, die durch ihr Engagement und ihren Erfolg in der Digitalwirtschaft Vorbilder sind. Für uns als Amazon war besonders wichtig, welche Frauen den Mut hatten, ihre Ideen zu verwirklichen. Also beteiligten wir uns an der neu geschaffenen Kategorie ›Entrepreneurship‹.

Was bedeutet es für Sie, Teil der Jury zu sein?

Die Möglichkeit, meine Stimme und meine Sichtweise einzubringen. Bei der Wahl der drei Finalistinnen und schließlich der Gewinnerin pro Kategorie konnte ich meine Erfahrungen und die Überzeugungen einbringen, die wir bei Amazon vertreten. Darüber hinaus hat mich das Netzwerken mit den vielen Unternehmen gereizt, die ich teilweise nur vom Namen kannte.

Auf welche Kriterien haben Sie bei der Auswahl der Finalistinnen geachtet?

Der erste Aspekt war das Wie: Wie nutzen sie die digitalen Möglichkeiten und wie bringen sie diese in ihr Unternehmen? Eine Kandidatin machte etwa aus ihrem Offline-Business ein komplettes Online-Geschäft. Das zweite Kriterium war die Innovationsstärke und das dritte die Vorbildfunktion: Welchen Einfluss haben die Kandidatinnen auf andere? Es ging darum, auch andere Frauen für den Onlinebereich zu begeistern.

Sie opfern viel Ihrer Freizeit, um sich für Diversität einzusetzen. Warum ist Ihnen das so wichtig?

Ich sehe das nicht als ›opfern‹, da ich für das Thema brenne. Denn ich mochte es schon immer, andere Menschen – nicht nur Frauen – zu unterstützen, indem ich ihnen zeige, was möglich ist. Denn ich glaube: Mit dem Willen, der Leidenschaft und den richtigen Strukturen um dich herum, kannst du alles schaffen. Die Autorin eines für mich inspirierenden Buches sagte einmal: »Say yes to great opportunities.« Frauen denken viel zu oft: »Ich bin für diese Aufgabe nicht qualifiziert, wie soll ich sie bewältigen?« Auch ich habe so gedacht, als mir angeboten wurde, den Amazon-Bereich ›Medical & Massage‹ zu launchen. Doch die Personaler antworteten mir: »Sie können das, es ist nur eine andere Kategorie.« Wenn ich mehr Frauen diese Denkweise nahebringen kann, wäre das für mich persönlich ein großer Erfolg. Denn das liegt mir sehr am Herzen.

Was raten Sie einer Frau am Anfang ihrer Karriere?

Gewöhn dich so schnell wie möglich an die Geschwindigkeit, in der wir arbeiten und sei neugierig – lern bei jeder Gelegenheit, die sich dir bietet. Das heißt nicht automatisch, länger zu arbeiten oder Überstunden zu machen. Außerdem sollten junge Frauen sich engagieren und ihre Ideen teilen – auch wenn sie erst seit kurzer Zeit im Unternehmen sind. Gute Ideen kommen nicht immer von oben.


Anzeige

Anzeige