Keine falsche Romantik: Die beste Vorbereitung auf das Leben

Der Autor Christoph Pietsch ist Vorstandsmitglied beim Gesamtverband Kommunikationsagenturen GWA und Chief Marketing Officer bei der Agentur DDB Group Germany. Hier verrät er, warum das Arbeiten in Agentur perfekt auf das Leben vorbereitet – und warum er den Job weiterempfehlen kann

Mein Abitur war eher durchschnittlich. Durchschnittlich bescheiden. Und weil es nicht so richtig sicher war, ob es mit der Universität der Wahl auch etwas wird, der Zivil- beziehungsweise Wehrdienst noch zur Pflicht eines jeden jungen Mannes gehörte, entschied ich mich für die ›solide Alternative‹ einer Ausbildung. Kaufmann für Marketingkommunikation sollte es werden. In einer der großen Adressen im fernen Düsseldorf. Heute, knapp 13 Jahre später, weiß ich, dass es die beste Entscheidung meines bisherigen Berufslebens war.

Ich muss zugeben, dass ich mich vor dem Verfassen dieser Zeilen ein wenig gedrückt habe. In unserer Industrie, dem Agenturmarkt, herrscht mal wieder das Bedürfnis, sich in Sachen Talent, gegenüber der eigenen Branche und dem klugen Nachwuchs, zu rechtfertigen. Die Debatte nähert sich dem Siedepunkt. Man versucht erneut, mit allen Vorurteilen, mit Bildern über die Gattung der Kommunikationsdienstleister, aufzuräumen. Ich mag das nicht mehr hören und bin froh, dass sich dieser Beitrag an motivierte Studierende wendet. Daher folgt nun der ungeschönte und sehr persönliche Blick auf die Möglichkeiten, die Agenturen und Kreativ-Dienstleister heute für den Nachwuchs bereithalten, und warum ich glaube, dass wir noch immer den besten Job der Welt haben.

Dem Kollegium sei zugerufen: Hört auf, euch zu rechtfertigen.
Und dem Leser vorweggesagt: Unglaublich, aber wahr. Wir machen das wirklich freiwillig und mit großer Lust.

Agenturen und Kommunikationsdienstleister beschäftigen sich mit dem ökonomischen Prinzip von Marken, einem kaufmännischen Tool zur Wertsteigerung und Führung von Unternehmen. Das per se ist schon mal hochspannend. Und auch in unserer Welt ist der Wandel stetig. Analog zur Industrie halten Digitalität und Technologie auch für uns große Herausforderungen und Fragen bereit. Akquisitionen, De-Merger, Repositionierung, neue Strategien, Produkt- und Serviceportfolien. Jeden Tag. Wir müssen neue Dinge lernen, mediale Kanäle verstehen und dabei immer den Konsumenten im Blick behalten, Bedürfnisse erfassen und schlaue, kreative durch Strategien begründete Wege entwickeln, um Menschen einen Grund zu geben, Marken in ihr Herz zu schließen.

Video 1: Was müssen Werber heute können?

Als die Medienwelt noch ausschließlich aus TV, Print und dem Radio bestand, war die Aufgabe für Agenturen darstellbar. Heute wissen wir, ähnlich wie unsere Auftraggeber-Organisationen, dass wir die Anforderungen nicht mehr allein meistern können. Unsere tägliche Arbeit ist von Kollaboration, interdisziplinärer Denke und einem industrieübergreifenden Handeln geprägt. Kaum ein Projekt kommt ohne die Zusammenarbeit mit weiteren Spezialisten, den Facebooks und Googles oder Beratungshäusern zustande. Die Diversität im eigenen Kollegium – über 20 Nationalitäten, Quereinsteiger und Freigeister – addieren ihren Teil. Das macht die Arbeit in Agenturen abwechslungsreich, fordert Geschwindigkeit, Flexibilität, Openness und hält den Kopf frisch. Ich habe das immer geschätzt und als großen Mehrwert empfunden.

Video 2: Was liebt Ihr an Eurem Job? 

Ich sag es, wie es ist: Wäre ich in den ersten Jahren meines Berufslebens ausschließlich auf das Gehalt aus gewesen, hätte es mich, wie von Frau Mutter mit Nachdruck empfohlen, wahrscheinlich zu einer Bank gezogen. Mein damaliger Boss Frank Dopheide, früher Chairman der Agenturgruppe GREY, heute Vorsitzender der Geschäftsführung der Verlagsgruppe Handelsblatt, hat mir zur Unterstützung immer seine berühmte ›dopheidsche‹ Gehaltsentwicklungskurve aufgemalt. Ich habe diese Zeit am Ende als weitere Station meiner Ausbildung verstanden, durfte sehr früh Verantwortung übernehmen, mich mit eigener Sicht auf Markt und Marken ausprobieren und habe gleichzeitig schnelle Aufstiegschancen aufgezeigt bekommen. Mein persönliches Ziel war immer, vor dem 30. Lebensjahr als erster CMO im Board einer Network-Agentur zu sein. Das Gute: Wir alle kannten die Bewertungsgrundlagen. Beurteilt wurde nach dem Leistungsprinzip, befreit von jeglicher Gender- oder Quoten-Diskussion. Inhalt und Performance waren die Maßstäbe. Es gibt übrigens ganz großartige Werdegänge von ehemaligen Kollegen, die nun in der Industrie arbeiten. Schaut euch doch mal bei den führenden Banken, Airlines oder Automobilisten des Landes um – ihr werdet überrascht sein.

Video 3: Frauen in der Agenturbranche

Apropos – auch das Gerücht ist wahr. Wir in Agenturen arbeiten viel. Viel, aber nicht mehr oder weniger als andere Beratungshäuser oder Dienstleister auch. Und das Schlimme: Wir haben dabei in der Regel auch noch Spaß. Irre, oder? Das Arbeitszeitmodell in Agenturen fußt nicht auf Basis der Stechuhr oder folgt starren Kontingentvorgaben. Wir vertrauen auf das Verantwortungsbewusstsein und den gesunden Menschenverstand unserer Kollegen. Niemand soll sich zu Tode ackern und niemand sich zum verlängerten Wochenende oder Kurzurlaub einfinden. Eigentlich simpel.

Video 4: Vorurteile gegenüber der Agenturbranche

Erst kürzlich habe ich nach Jahren meine Ausbilderin wiedergetroffen. Sie ist mittlerweile auf die Unternehmensseite gewechselt und leitet dort eine größere Abteilung des internationalen Marketings. Natürlich hat mich besonders interessiert, wie sie den Wechsel in den neuen ›Kulturkreis‹ empfindet, ob ihr das erlernte Agentur-Handwerk und ihre Erfahrungen im neuen Job helfen. »Die beste Ausbildung und Vorbereitung auf das Leben«. »Abwechslungsreichtum der Aufgaben, Vielfalt der Projekte, notwendige Geschwindigkeit, Umgang mit Herausforderungen, zeitlichem Druck, Spüren von Teamgeist, Entwicklung eigener Passion, Lösungsorientierung und die Fähigkeit der Identifikation mit Aufgaben« hätten sie in Summe persönlich so geprägt, dass sie dafür dankbar ist. Habt ihr schon einmal gesehen, wenn sich ein zwanzigköpfiges Team motiviert und zum Beispiel für eine Pitch-Aufgabe brennt? Das ist fast wie in der Fankurve.

Video 5: Was müssen Werber heute können?

Genug der vielen Worte. Zusammenfassend halte ich mein Resümee kurz und wenig romantisch: Agentur musst du wollen. Für die Agenturwelt musst du gemacht sein. Das gilt übrigens auch für den Bäcker, Lehrer oder Piloten. Den einzigen Tipp, den ich euch geben kann: Findet es heraus. Seid offen, seid kritisch und macht euch ein eigenes Bild. Die Möglichkeiten sind vielfältig, die Herausforderungen immer groß und die Arme einer ganzen Branche offen. Ich freue mich auf kluge, kreative Köpfe und eure Fragen.


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