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Nachhaltige Mode: Vorsicht vor dem Etikettenschwindel

Nachhaltigkeit und modische Kleidung sind nicht unbedingt ein Widerspruch. Trotzdem steckt nicht überall auch das drin, was auf dem Etikett steht

Blitzlichtgewitter, hochgewachsene Wesen schweben über die Laufstege, dazwischen hektisches Umziehen, Umstylen: Die Berlin Fashion Week ist zweimal im Jahr das Modeereignis schlechthin in Deutschland. Neben all der Pracht fällt ein Trend ins Auge, der scheinbar langsam aber sicher seinen Fußabdruck in der Modewelt hinterlässt – der Greenshowroom und die Ethical Fashion Show des Szeneevents zeigen, dass nachhaltige Mode schon längst nicht mehr in die Ecke der Batikfans mit Ökosandalen gesteckt werden darf. Über 163 Labels präsentieren dort Kleidung, die stilsicher jenen aktuellen Trends entspricht, die künftig als hip gelten werden – im Unterschied zu konventionellen Textilproduzenten zieht sich hierbei jedoch das Ideal der nachhaltigen Modeproduktion wie der sprichwörtlich rote Faden durch die Kollektionen.

Aber was ist das eigentlich, nachhaltige Mode? Was genau macht ein Kleidungsstück, welches sich optisch augenscheinlich nicht sonderlich von der Massenware abhebt, zu einem, welches man mit gutem Gewissen kaufen und tragen kann? »Nachhaltigkeit ist ein sehr vielfältiges Thema in der Modebranche. Es geht einmal um den nachhaltigen Umgang mit Ressourcen, aber vor allem auch mit Menschen«, so Martin Höfeler, Co-Gründer des Modelabels Armedangels.

Eigenes Start-up mit sozialem Charakter

Das Label hat der 32-Jährige gemeinsam mit einem Kommilitonen vor acht Jahren aus dem BWL-Studium heraus gegründet, mittlerweile beschäftigt er über 40 Mitarbeiter. Sie wollten damals etwas eigenes machen, aber vor allem auch etwas, das über den unternehmerischen Zweck hinausgeht, mit sozialem Charakter und Entwicklungspotenzial. Die Idee: T-Shirts bedrucken lassen, verkaufen und hinterher einen Teil der Einnahmen an ausgewählte Hilfsprojekte spenden.

Schritt für Schritt drangen die beiden Gründer immer tiefer in das komplexe Terrain der Textilproduktion ein, und hangelten sich dabei entlang der einzelnen Stationen der textilen Kette beständig weiter voran: Alles beginnt mit der Rohstoffgewinnung, dem Anbau von Baumwolle, welche zu einem Garn verarbeitet, der anschließend zu einem Stoff verstrickt wird. Dieser wird nun eventuell gefärbt und bedruckt, teilweise werden Accessoires angefügt. Schließlich wird er zugeschnitten und genäht – ein Prozess, an dem sehr viele Menschen beteiligt sind und auch der ein oder andere Arbeitsschritt enthalten ist, der die Umwelt sehr stark belasten kann – am schwersten wiegt hierbei wohl die Chemikalienbelastung beim Färben der Stoffe.

Nachhaltigkeit als Herausforderung

Mit den Produktionsgütern Mensch und Umwelt soll möglichst schonend verfahren werden, so das Credo nachhaltiger Mode. Höfeler musste feststellen, dass hier zum Teil noch echte Pionierarbeit geleistet werden muss, wenn Nachhaltigkeit nicht nur auf dem Etikett stehen soll – denn es nutzt ja nichts, wenn Teile des Gewinns zwar an den guten Zweck fließen, das Geschäft aber darauf beruht, dass der Baumwollbauer am Ende weniger mit dem Anbau verdient, als er dafür investiert. Oder gar Gewässer verunreinigt werden, weil etwa in einem Land gefärbt wird, in dem man es mit den Umweltvorschriften nicht so genau nimmt. Einen direkten Widerspruch zwischen Nachhaltigkeit und Profitstreben sieht Höfeler dabei nicht: Ein Unternehmen muss aus sich selbst heraus existieren können, sonst kann es nicht nachhaltig handeln – genauso wenig, wie wenn es die Profitoptimierung über alles stellt.

Heinz Hess, der 2006 verstorbene Gründer des Labels hessnatur, das mit fast 40 Jahren Firmengeschichte quasi ein Urgestein nachhaltig produzierter Mode ist, sah im Spannungsverhältnis von Ökologie, Ökonomie und Sozialem stets eine der größten Herausforderungen, die es in diesem Metier zu meistern gilt. Das Fortbestehen seines Unternehmens ist der Beweis: Es ist machbar – und der potenzielle Kundenstamm wächst.

So erkennst du nachhaltige Mode

Was aber tun als gewillter Verbraucher, wenn sich mittlerweile nahezu jedes große Modehaus die Nachhaltigkeit auf grün gefärbte Fahnen schreibt? Grob gesagt, kann man sich an zwei Dingen orientieren: Erstens, dem Preis – ein T-Shirt für drei Euro kann beim besten Willen nicht nachhaltig produziert worden sein. Zweitens: Gütesiegel – beispielsweise garantiert der Global Organic Textil Standard (GOTS) ökologische Mindeststandards und das Siegel der Fair Waer Foundation (FWF) zumindest den Willen zur Verbesserung der sozialen Standards. Ein verbindliches Supersiegel für alle Facetten nachhaltiger Mode existiert jedoch – noch – nicht. Insgesamt ist Bewegung in die Branche gekommen, Luft nach oben aber noch reichlich vorhanden. So sieht es auch Dr. Uwe Mazura, Hauptgeschäftsführer des Gesamtverbandes der deutschen Textil- und Modeindustrie: »Ich sehe hier noch Entwicklungsmöglichkeiten in nahezu allen Bereichen – ein Ende ist nicht in Sicht: Wir können immer noch nachhaltiger werden als wir schon sind.«


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