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Neue Energie für unsere Zukunft

Claudia Kunz, die Referentin für Energiewirtschaft der Agentur für Erneuerbare Energien, klärt auf: Wie steht es um die Energieziele, welche Bereiche werden wichtiger und wie können Ingenieure ihren Teil beitragen?

Frau Kunz, wie realisitisch sind die EU-Energieziele für 2030? 

Um sich diese Ziele vor Augen zu halten: Geplant sind eine Steigerung der Energieeffizienz um 32,5 Prozent im Vergleich zum Jahr 2007 und das Wachstum der Erneuerbaren Energien auf einen Anteil von 32 Prozent am Bruttoendenergieverbrauch. Letzteres bedeutet, dass der Anteil Erneuerbarer Energien im Stromsektor auf etwa 57 Prozent steigen muss. Im Hinblick auf den Klimaschutz hat sich die EU vorgenommen, den CO2-Ausstoß bis 2030 um mindestens 40 Prozent zu senken. Um diese herausfordernden Ziele zu erreichen, müssen vor allem die Bereiche Windenergie und Photovoltaik wachsen – das ist aber auch möglich. Schlechter sieht es bei der Entwicklung des Stromverbrauchs aus: Der ist in der EU erneut gestiegen. In allen Mitgliedstaaten besteht also Handlungsbedarf. Die einzelnen nationalen Energie- und Klimapläne für das Jahr 2030 sind bereits bei der EU-Kommission eingereicht. Sie werden nun geprüft und bis Ende 2019 fertiggestellt.

Welchen Beitrag leistet Deutschland zum Erreichen dieser Ziele? 

In Deutschland wuchs der Anteil der Erneuerbaren Energien am Stromverbrauch im Jahr 2018 auf 38,2 Prozent. Der Rückgang der Stromerzeugung aus Kohle ließ den CO2-Ausstoß deutlich sinken. Das Ziel der Bundesregierung, den Treibhausgasausstoß bis 2020 um 40 Prozent zu senken, ist dennoch außer Reichweite. Das liegt vor allem an der unbefriedigenden Entwicklung in den Sektoren Wärme und Verkehr. Doch auch im Stromsektor ist die Energiewende kein Selbstläufer. Dass der Zubau an Windenergieanlagen zuletzt deutlich eingebrochen ist, trägt nicht gerade zu den Erfordernissen des Klimaschutzes bei. Um die Ziele bis 2030 zu erreichen, besteht hoher Handlungsbedarf. Die Kohlekommission hat ihre Arbeit kürzlich beendet, der Ausstieg aus der Kohlenutzung in Deutschland ist in Sichtweite gerückt. In der Gebäude- und Verkehrskommission ist hingegen noch viel zu tun, Erfolgsmeldungen sind hier bislang nicht in Sicht.

Wo steht Deutschland in Sachen Energiewende? 

2018 lieferten die Erneuerbaren Energien fast 230 Milliarden Kilowattstunden Strom, davon stammte etwa die Hälfte aus Windenergieanlagen an Land und auf See. Die andere Hälfte wurde im Wesentlichen von Bioenergie- und Photovoltaikanlagen generiert. Während die Stromerzeugung aus Erneuerbaren Energien bisher erfreulich zugenommen hat, gibt es in anderen Feldern der Energiewende weniger positive Entwicklungen. So verzeichnet die Expertenkommission der Bundesregierung zum Monitoring der Energiewende bei der Steigerung der Energieeffizienz erhebliche Defizite. Vor allem der Verkehrssektor ist sowohl im Hinblick auf den Endenergieverbrauch als auch bei den Treibhausgasemissionen das Sorgenkind. Kritisch beurteilt wird auch der stagnierende Anteil der Erneuerbaren Energien im Wärmebereich. Während das Klimaschutzziel für 2020 inzwischen als unerreichbar gilt, müssen die Anstrengungen erheblich gesteigert werden, um die angestrebte Minderung der Treibhausgasemissionen um mindestens 55 Prozent bis 2030 zu erreichen.

Es gibt also noch viel zu tun. Welche Karrierechancen bietet der Ausbau der Erneuerbaren Energien angehenden Ingenieuren in Deutschland? 

Sowohl innerhalb Deutschlands als auch europa- und weltweit ergeben sich vielfältige und anspruchsvolle Handlungsfelder für angehende Ingenieure. Neben dem Bau neuer Anlagen zur Nutzung Erneuerbarer Energien gehört dazu der Aufbau der dazugehörigen Infrastruktur wie Stromleitungen und Speicher. Darüber hinaus werden uns der Rückbau der Atomkraftwerke sowie die sichere Lagerung der nuklearen Abfälle noch jahrzehntelang beschäftigen. Auch die Kohlenutzung ist mit sogenannten Ewigkeitsaufgaben verbunden, zu denen zum Beispiel die Stabilisierung des Untergrunds oder die Renaturierung von Tagebaulandschaften gehören.

Hört sich nach guten Aussichten für INGs an. Welches Mindset brauchen Nachwuchskräfte für den erfolgreichen Berufseinstieg?

Wie in vielen anderen Tätigkeitsfeldern auch sind Eigenschaften wie Teamfähigkeit, eine hohe Leistungsbereitschaft und Flexibilität gefragt. Da die Erneuerbaren Energien nicht nur in Deutschland, sondern weltweit ausgebaut werden und hiesige Unternehmen auch im Ausland aktiv sind, sind gute Fremdsprachenkenntnisse je nach Tätigkeitsfeld unerlässlich. Die Energiewende bedeutet zudem nicht nur einen Ausbau der Erneuerbaren Energien, sondern eine Transformation des gesamten Energiesystems. Dadurch, dass unsere Energieversorgung in Zukunft zu einem hohen Anteil auf Wind und Sonne beruht, verändert sich auch die Steuerung des gesamten Systems aus Energienachfrage und -angebot. Das erfordert systemisches Denken und eine hohe Bereitschaft, sich an neue Entwicklungen anzupassen.

Wieso lohnt sich ein Berufseinstieg in die Energiebranche?

Die Notwendigkeit des Klimaschutzes ist inzwischen weltweit Konsens, ebenso wie die Tatsache, dass die Erneuerbaren Energien hierfür eine Lösung bieten. Dabei stellt sich nicht mehr die Frage des ›ob‹ bei der Energiewende, sondern nur noch des ›wie‹. Unsere Wirtschaft und Gesellschaft sind in einem hohen Maße von einer sicheren und zuverlässigen Energieversorgung abhängig, folglich gibt es hier reichlich zu tun. Die Tätigkeitsfelder sind extrem vielfältig und reichen von der Automobilwirtschaft über die Bioenergie in der Landwirtschaft, den Bau und die Steuerung von Stromnetzen, Windenergie- und Photovoltaikanlagen bis zum Rückbau und Entsorgung konventioneller Energieanlagen. 

Wie wird sich der Bereich in den nächsten Jahren verändern?

Die Perspektive wird sich weiter wandeln – vom reinen Zubau an Anlagen hin zur erfolgreichen Transformation des gesamten Energiesystems. Herausforderungen liegen dabei zum Beispiel in der Abstimmung des wetter- und jahreszeitlich schwankenden Energieangebots und des Energieverbrauchs, im Transport und der Speicherung von Strom sowie der verstärkten Nutzung von Elektrizität aus Erneuerbaren Energien in der Wärmeversorgung und im Verkehr. 


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