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Wie funktioniert nachhaltiges Arbeiten?

Ökonomie, Ökologie, gesellschaftliche Verantwortung: Nachhaltigkeit ist ein Modewort. Doch wie geht nachhaltiges Arbeiten in Unternehmen und an Universitäten – und wer profitiert?

Nachhaltigkeit - allgegenwärtig und doch abstrakt

Wir versuchen, nach ihren Richtlinien zu leben und trotzdem können wir sie nicht auf Anhieb kurz und knackig definieren: Nachhaltigkeit. Was versteckt sich hinter dem Begriff und warum hat sie sich zum Shootingstar unter den Unternehmenszielen gemausert? Nun, von vorne. Versuchen wir es mit einer kurzen Definition. Sucht man im Internet nach ›Nachhaltigkeit‹, spuckt Google fast fünf Millionen Ergebnisse aus.

Das wirkt auf den ersten Blick gewaltig, lässt sich aber relativ kurz fassen. Zusammengefasst bedeutet nachhaltiges Handeln zum Beispiel das Bemühen, Ressourcen so zu nutzen, dass sie auch für unsere Nachwelt erhalten bleiben. Das kann sich auf Rohstoffe wie Erdöl oder Wasser beziehen oder aber auf Geld. Oder auf Natur- und Artenschutz, Landwirtschaft, unsere Mitmenschen, Gesundheit, Ideen, Motivation. Die Aufzählung könnte immerzu fortgeschrieben, aber auch einfach auf drei Bereiche heruntergebrochen werden: Ökonomie, Ökologie und gesellschaftliche Verantwortung. 

Ökonomie, Ökologie und gesellschaftliche Verantwortung

Seit einigen Jahren rücken diese drei Bereiche immer mehr in den Fokus. Neudeutsch als Corporate Sustainability, Corporate Responsibility oder Corporate Social Responsibility (CSR) bezeichnet, versuchen Manager, Angestellte, Lehrende und Forscher aus Industrie und Dienstleistung, an Unis und an Forschungsinstituten immer mehr ihren Beitrag zum nachhaltigen und rücksichtsvollen Handeln zu leisten. Mit Müll trennen oder Strom sparen allein ist es lange nicht mehr getan. Nachhaltigkeit muss umfassender sein. »Wir versuchen stets, alle Dimensionen der Nachhaltigkeit zu berücksichtigen, angefangen beim verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen über die Achtung von Mensch, Tier und Umwelt, bis hin zum Einsatz für kulturelle und soziale Werte«, erklärt Erich Harsch, Vorsitzender der Geschäftsführung von dm-drogerie markt.

Konkret heißt das: Engagement für gemeinnützige Initiativen und Projekte, Stromversorgung der Filialen und der Geschäftszentrale mit regenerativen Energien und die Aufnahme biologisch produzierter Produkte in das Sortiment. Frank Henke, Global Director Social & Environmental Affairs bei Adidas, ergänzt: »Für unseren Konzern bedeutet Nachhaltigkeit, umweltfreundliche Produkte zu entwickeln sowie die Umweltauswirkungen unserer internen Abläufe und in unserer Beschaffungskette zu reduzieren. Es geht darum, Arbeitsplatzstandards für unsere Zulieferer zu schaffen und sie beim Einhalten fairer, sicherer und gesunder Bedingungen zu unterstützen.« »Ein weiterer wichtiger Aspekt«, fährt er fort, »ist jedoch auch, für das Wohl und die Weiterentwicklung unserer eigenen Mitarbeiter zu sorgen, die das größte Kapital darstellen.«

Nachhaltigkeit als Gesamtpaket

Für Julia McNally, Leiterin Nachhaltige Entwicklung beim Versicherungsdienstleister Allianz, ist Nachhaltigkeit untrennbar mit dem Tagesgeschäft verbunden. »Nachhaltigkeit steht nicht für sich, sondern ist ein wesentlicher Bestandteil unseres Unternehmens. Unter Nachhaltigkeit verstehen wir das Ziel, eine langfristig ökonomische Wertschöpfung mit dem ganzheitlichen Konzept einer guten Unternehmensführung, ökologischer Selbstverpflichtung und sozialer Verantwortung zu verknüpfen. So möchten wir im Rahmen unserer Frauenförderung bis zum Jahr 2015 den Anteil von Frauen in unserem Führungskräfte-Talentpool auf 30 Prozent erhöhen. Ein anderes Beispiel ist der Ausstoß von CO2 -Emissionen, der bis 2015 um insgesamt 35 Prozent gesenkt werden soll, ausgehend von dem Niveau in 2006.«

Bei all dem geht es aber nicht nur das Wohl Anderer

Es muss klar sein, dass von Nachhaltigkeitsbemühungen vor allem das eigene Unternehmen profitiert, schließlich fördert nachhaltiges Arbeiten den Unternehmensruf und langfristig auch den Gewinn. Wie gut das funktioniert, beweist eine Studie der Universität Harvard. Unternehmen, die stärker auf Nachhaltigkeit ausgerichtet sind, generieren pro Jahr eine rund fünf Prozent höhere Rendite. Vor allem Firmen, die marken- und reputationsgetrieben sind oder deren Geschäftsmodell auf dem Verbrauch natürlicher Ressourcen basiert, liegen hier vorn. Julia McNally bestätigt das:

»Unsere Geschäftsbeziehungen basieren auf Vertrauen. Klar, dass uns unsere Kunden, Angestellten, Geschäftspartner und andere Stakeholder mehr Vertrauen entgegenbringen, wenn wir uns für Nachhaltigkeit einsetzen. Das führt zu stärkerer Kundenloyalität und höherem Engagement unserer Mitarbeiter.«

Sind die vor allem weiblich, dann ist das wieder ein dickes Plus für die Nachhaltigkeit. Eine weitere Studie, die vom Bundeswirtschaftsministerium bei der Beratung Rambøll Management Consulting in Auftrag gegeben wurde, beleuchtet nämlich noch einen anderen, nicht minder interessanten Aspekt: Vor allem Frauen legen großen Wert auf Verantwortung und Stabilität. »Über die rein wirtschaftliche Orientierung hinaus ist es Inhaberinnen oft wichtig, mit ihrer Tätigkeit auch einen sozialen Beitrag zu leisten«, heißt es in der Studie. Im Umkehrschluss bedeutet das: Firmen mit weiblichem Management wachsen zwar langsamer, müssen aber seltener mit finanziellen Schwierigkeiten oder sogar Insolvenzen kämpfen. 

Nichthaltigkeit ist ein langer Prozess

Ganz gleich, ob männlich oder weiblich – auf dem Papier liest sich der Begriff Nachhaltigkeit immer einfach. Die Umsetzung aber ist komplex und langwierig. Gerade bei großen Konzernen, deren Wertschöpfungsketten lang und verzweigt sind und die riesige Kreise verschiedenster Stakeholder besitzen, passiert nachhaltiges Arbeiten nicht von heute auf morgen. Es bedarf einer eigenen Strategie zu einer gelingenden Umsetzung. »Der Weg zu mehr nachhaltigem Wirtschaften ist ein Marathon und kein Sprint«, betont Frank Henke von Adidas.

Die Integration ökologischer Nachhaltigkeitsaspekte zur Reduktion von Umweltauswirkungen ist ein erster Schritt, weitere Maßnahmen bestehen in der Einhaltung sozialer Standards in der Produktionskette, der Schaffung produktiver und moderner Arbeitsplätze und in der anschließenden Ausweitung der Interaktionen, sowohl unternehmensintern als auch -extern. So sollen auch die Gemeinden und Regionen, in denen Adidas tätig ist, finanziell vom Unternehmen profitieren. Erich Harsch von dm findet es außerdem wichtig, dass nicht nur das Management seinen Beitrag leistet – »das Thema muss sich aus dem Selbstverständnis des sozialen Organismus heraus entwickeln«. Konkret heißt das für ihn, dass »ein Unternehmen nur dann nachhaltig handeln kann, wenn all seine Mitarbeiter Nachhaltigkeit zur Maxime ihres täglichen Tuns erheben«.

Herausforderung über alle Ebenen

Wie das funktionieren kann, weiß Dr. Peter Bleses. Bleses arbeitet an der Universität Bremen im Bereich Arbeit und Organisation am Forschungszentrum für Nachhaltigkeit Artec. »Wir befassen uns konkret mit Nachhaltigkeitsproblemen und -fragen von Praxispartnern. Das können Fragen der Gesundheitsförderung, der nachhaltigen Veränderungsfähigkeit von Unternehmen oder der nachhaltigen Beschäftigungsfähigkeit sein.«

Die Herausforderung besteht darin, die Nachhaltigkeitsziele mit allen Ebenen im Unternehmen in Einklang zu bringen. Damit dies vor allem langfristig gelingt, hilft Bleses allen Beteiligten dabei, »die Auseinandersetzung mit anderen Akteuren zu erlernen und – mit Unterstützung von außen – selbst Lösungen zu entwickeln«. Hilfe zur Selbsthilfe ist also das Zauberwort.

Und die beginnt mit ganz kleinen Schritten: Erich Harsch nimmt sich Zeit für die Menschen, die ihm wichtig sind, trinkt fair gehandelten Kaffee und steigt lieber aufs Rad statt in sein Auto. Frank Henke gibt zu, Fahrrad zu fahren oder zu Fuß zu gehen, denn »das schont die Umwelt und hält außerdem fit«. Für Julia McNally sind die Grundsätze, die sie im Unternehmen vertritt, auch nach Feierabend präsent. Die gebürtige Australierin wurde in ihrer Heimat schon früh mit dem sich vergrößernden Ozonloch konfrontiert, daher ist sie sich ihrer Verantwortung gegenüber der Umwelt bewusst.

»Ich vermeide es, verschwenderisch mit natürlichen Ressourcen zu sein und versuche, dass die Unternehmen, bei denen ich Produkte kaufe, meine persönlichen Werte reflektieren.«

Damit neue Mitarbeiter im Unternehmen von Anfang an mit dem Thema Nachhaltigkeit vertraut werden, gibt es diverse Ansätze. Bei Adidas beispielsweise werden Seminare angeboten, im Rahmen derer verschiedene Mitarbeiter, unter anderem auch ein Vertreter der Nachhaltigkeitsabteilung, ihre Funktionen vorstellen.

Ressourcen schonen, die Umwelt schützen, Mitarbeiter zufrieden stellen 

Klingt ja alles schön und gut, doch woran zeigt sich, ob sich die Mühe überhaupt lohnt? Schließlich sind Ergebnisse schwer greif- und damit auch messbar. Erich Harsch kann das bestätigen: »Dass wir aber mit unseren Bemühungen auf dem richtigen Weg sind, bestätigen uns Kunden, Partner und Auszeichnungen, die wir bereits für gemeinnützige Projekte erhalten haben.«

Bei Adidas wird das Nachhaltigkeitsprogramm regelmäßig von Analysten und unabhängigen Organisationen bewertet. Ein spezieller Leistungsindikator beurteilt Zulieferer anhand der Einhaltung sozialer Standards, darunter Kommunikation zwischen Management und Belegschaft, Engagement des Managements oder Schulungen. Das Ergebnis ist ausschlaggebend für die weitere Auftragsvergabe, so dass im Idealfall nur noch Zulieferer mit exzellenten Werten ausgesucht werden. Leichter zu bewerten sind wiederum Umweltziele, denen feste Zahlen zugrunde liegen. Energie- und Wasserverbrauch oder Reduzierung des Hausmülls können so konkret gemessen und nachverfolgt werden.

Wichtig: Feedback von allen Beteiligten

Dr. Peter Bleses von der Universität Bremen geht anders vor. Er führt regelmäßige Evaluierungen der Nachhaltigkeitsziele durch, indem er Feedback aller Beteiligten einholt, Probleme herausfiltert und auf dieser Basis neue Lösungen erarbeitet. Eine Art Gütesiegel für nachhaltiges Arbeiten ist der Dow Jones Sustainibility Index (DJSI), eine Gruppe von Aktienindizes, die ökonomische, ökologische und soziale Kriterien berücksichtigen. Dafür werden in jeder Branche die Unternehmen mit den besten Nachhaltigkeitsleistungen herausgefiltert. Wird ein Unternehmen von einem anderen überholt, so kann es aus den Analysen Verbesserungsvorschläge übernehmen und umsetzen. Seit der Gründung des DJSI im Jahr 1999 entstand auf diesem Weg ein richtiger Nachhaltigkeits-Wettkampf. Knallharte Fakten statt Kuschelfaktor – Nachhaltigkeit entwickelt sich mehr und mehr zum Wirtschaftsgut, das einen aktiven Beitrag zum Unternehmenserfolg leistet. 


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