Gleiches Paar Schuhe?
Gleiches Paar Schuhe? Rike./Quelle: Photocase.com

Weiterbildung: Zertifikate, Kurse und Anbieter

Die Berufswelt wird immer schneller und deshalb Weiterbildung immer wichtiger. Dennoch gilt: Augen auf bei der Anbieterauswahl

»Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß« mag ein guter Ansatz für jemanden sein, der wenig Interesse am nächsten Karriereschritt hat. Denn was jemand nicht weiß, hat oftmals seinen Preis. Arbeitnehmer sind heute nicht mehr nur die ausschließliche Arbeitskraft, sie sind – dank ihrer Fähigkeiten, Fertigkeiten, Erfahrung, Gesundheit und ihres Wissen – ausschlaggebend für den Erfolg eines Unternehmens. Je mehr eine Firma von diesem sogenannten Humankapital zur Verfügung hat, desto effektiver kann sie arbeiten. Doch ist dieses Kapital nichts, das automatisch ohne Einflüsse von außen wächst: »Es wird davon ausgegangen, dass Humankapital bewusst durch den Einsatz von Ressourcen (Lernen, Trainieren) produziert wird«, beschreibt beispielsweise das Gabler Wirtschaftslexikon.
 

Weiterbildung: Lernen bis zur Rente

Wie wohl jeder mittlerweile mitbekommen hat, beschränkt sich dieses Lernen nicht auf einen bestimmten Zeitraum, sondern begleitet uns mindestens bis zur Rente. Es fängt bereits dort an, wo sich Menschen für ihre spätere Profession qualifizieren: im Studium. Dabei sind Möglichkeiten der Weiterbildung annähernd unbegrenzt. Reicht die Zeit während des Semesters nicht aus, bieten Sommerunis Kurse, um mittels kompakter Lehre wissenschaftlich fundierte Inhalte zu vermitteln. Zielgruppen sind dabei nicht ausschließlich Studenten – auch arbeitssuchenden Akademikern aus den jeweiligen Fachbereichen oder bereits im Beruf stehenden Fachkräften stehen die Türen offen. Während die einen ihr Wissen vertiefen, müssen die anderen erst eine Hürde namens GMAT überwinden, um weiterzukommen.
 

Graduate Management Admission Test

Der oftmals gefürchtete ›Graduate Management Admission Test‹, den vor allem renommierte Business Schools verlangen, hat bereits viele auf die Probe gestellt. Bis vor kurzem gab es hier nur wenige Möglichkeiten der Vorbereitung: Ein Flug nach London, um sich für den Test fit zu machen oder sehr viel Geld für Privatunterricht hinblättern. Gründe genug für Artem Morgunov, um hier Abhilfe zu schaffen und ›Optimus Prep‹ zu gründen: »Mein Ziel war es, Top-Dozenten in Berlin zu finden und die Studenten zu fairen Preisen optimal vorzubereiten«, erklärt der 27-Jährige, der in Berlin den Bachelor of Science in International Management gemacht hat. Das Unternehmen arbeitet stets mit zwei unterschiedlichen Dozenten. Einer davon deckt dabei den verbalen, der andere den quantitativen Teil des GMAT ab.

Mittlerweile bietet Optimus Prep auch Privatunterricht für den Graduate Record Examinations (GRE), den SAT, den Test of English as a Foreign Language (TOEFL) und das International English Language Testing System (IELTS). Trotz sehr qualifizierter Dozenten müssen die Teilnehmer Ehrgeiz und Motivation mitbringen. Dafür wird gezielt an ihren sprachlichen Schwächen gearbeitet. »Wir bieten neben klassischem Privatunterricht auch Klassenkurse mit maximal sieben Teilnehmern an«, erklärt Morgunov und führt weiter aus, dass diese Kurse auch online angeboten werden. Nach jeder Stunde wird die Aufzeichnung automatisch per Mail verschickt und kann beliebig oft angeschaut werden. Morgunovs Konzept hat großen Erfolg – weshalb das Unternehmen mittlerweile expandiert hat: In Paris, London und den größten Städten der USA können Studenten die Kurse ebenfalls in Anspruch nehmen.
 

Expertise sichert Arbeitsplatz

Mit bestandener Prüfung rückt auch der Masterabschluss in greifbare Nähe und dementsprechend auch ein qualifizierter Job. Davon auszugehen, dass es sich damit ausgelernt hat, ist aber falsch. Schließlich müssen unternehmensspezifische Kenntnisse erlangt, eventuell das Computerwisssen aufgefrischt oder weitere Sprachkenntnisse gewonnen werden. Je mehr Expertise jeder Mitarbeiter aufweisen kann, desto wettbewerbsfähiger bleibt das Unternehmen – desto sicherer ist auch der Arbeitsplatz.

Welch hohen Stellenwert Weiterbildung hat, zeigt sich an den Zahlen des AES 2012 Trendberichts ‹Weiterbildungsverhalten in Deutschland‹, nach dem sich 49 Prozent der erwerbsfähigen Bürger 2012 weitergebildet haben – dies entspricht einer Zahl von 25 Millionen Menschen. Dass die Zahl so hoch ist, mag auch an den digitalen Möglichkeiten liegen.

E-Learning oder Online-Kurse bieten ein flexibles Lernen zu jeder Tageszeit und zu jedem Themengebiet. Die Auswahl an Kursen ist dabei schier unbegrenzt: Allein auf der Homepage des Bundesinstituts für Berufsbildung finden sich über 2.412 Angebote von Computer/EDV, fachübergreifenden Qualifikationen über Naturwissenschaften und Sprachen hin zu Technik sowie Wirtschaft. Die Bundesagentur für Arbeit hat eine eigene Lernbörse, es gibt Unternehmen, die spezielle Lösungen für beispielsweise IT- oder Personalfragen anbieten und so weiter und so fort.
 

Weiterbildungsangebot riesig: Auswahl gut überlegen

Stellt sich nur die Frage, wie sich aus diesem ›Wust‹ der richtige Kurs finden lässt. Dr. Michael Cordes, Leiter im Team Weiterbildung bei Stiftung Warentest, erklärt, dass das Angebot an den individuellen Bedarfslagen anknüpfen sollte und es eine möglichst optimale Unterstützung beim Kompetenzerwerb bietet. »Das Problem ist, dass man erst hinterher erkennt, ob die Weiterbildung zum gewünschten Lernerfolg geführt hat«, sagt der 44-Jährige, führt aber weiter aus, dass es im Vorfeld durchaus Möglichkeiten gibt, das richtige Angebot zu finden. Der Teilnehmer sollte sich konkret überlegen, welches Lernziel er verfolgt. Wird ein bestimmter Kompetenzerwerb angestrebt oder soll ein Abschluss erworben werden, um sich damit zu bewerben? »Bei abschlussbezogenen Weiterbildungen sollte man die umfassenderen Angebote wählen, die länger als drei Tage dauern«, erläutert Cordes. Ist eine Auswahl von in Frage kommenden Kurse getroffen, sollten im nächsten Schritt konkrete Informationen eingeholt werden. Darüber hinaus rät Cordes, direkt beim Anbieter anzurufen, um weitere Fragen zu klären. Von Vorteil erweisen sich auch Meinungen von ehemaligen Teilnehmern, um den eigenen Nutzen abschätzen zu können.

Selbst wenn die Wahl im Nachhinein als wenig sinnvoll erscheint, als grundsätzlich sinnlos möchte Cordes keine Weiterbildung bezeichnen – jedoch bewertet er das ledigliche Abarbeiten gewisser Lernstoffe durch Dozenten als nutzlos. Ebenso ungünstig ist es, wenn der Teilnehmer eine Kursform wählt, die nicht seinem Lerntypus’ entspricht: »Jemand, der klare Strukturen, feste Zeiten und Druck von außen braucht, sollte sich besser für einen Präsenzkurs und gegen ein E-Learning-Programm entscheiden – sofern Ort und Zeit frei wählbar sind«, betont der Leiter im Team Weiterbildung. Erfahrungsgemäß könne man aber alle Inhalte, die in Präsenz vermittelt werden können, ebenso mittels E-Learning transportieren. Vorausgesetzt, die Thematik verlangt nicht nach einer Präsentation vor Publikum.

Trend: E-Learning, virtuelle Klassenzimmer

Allgemein geht der Trend hin zu E-Learning-Formaten wie Chats, virtuellen Klassenzimmern, sozialen Medien und Netzwerken. Cordes weiß, dass stark vorgefertigte Lernprogramme an Akzeptanz verlieren, während die Zahl der Kurse, bei denen die Teilnehmer aktiv mitwirken und auch eingreifen können, zunimmt. Trotz des Zuwachses an virtuellen Möglichkeiten – es herrscht keinerlei Konkurrenzform zwischen Präsenzunterricht und E-Learning-Formen: »Beide können sich durchaus ergänzen«, betont Cordes und fügt hinzu, dass in Blended-Learning-Konzepten beide integriert seien.

Hinzu komme die Tendenz, Lernmaterialien begleitend in elektronischer Form herauszugeben. Dank Smartphones und Tablets lassen sich die Inhalte jederzeit und unabhängig vom Ort abrufen. Aus Arbeitgebersicht hat E-Learning mitunter den Vorteil, dass der Mitarbeiter nur während der Lernzeiten ausfällt. Außerdem fallen keine Reisezeiten und -kosten an und erlaubt diese Variante mehr zeitliche Flexibilität. Allgemein hat der Arbeitnehmer ein Recht auf drei bis fünf Tage Bildungsurlaub jährlich, dessen Inhalte nicht zwingend im Arbeitgeberinteresse sein müssen. Wenn es auch in Sachsen, Thüringen, Bayern und Baden-Württemberg kein Bildungsurlaubsgesetz gibt: Es kann zu Ausnahmen auf der Grundlage von Tarifverträgen oder Einzelarbeitsverträgen geben.
 

Weiterbildung beim Arbeitgeber beantragen

Selbst wenn der Arbeitgeber eine Weiterbildung bewilligt, zur Kasse gebeten werden darf er nicht. Dennoch sind einer Forsa-Umfrage 97 Prozent der Arbeitgeber bereit, Fortbildungen zu unterstützen, wenn sie inhaltlich zum Tätigkeitsprofil des Angestellten passen oder dadurch Wissenslücken im Unternehmen geschlossen werden können. Ob der Chef seinen Mitarbeiter ein Darlehen gewährt, ihm durch reduzierte Arbeitszeiten den Rücken freihält oder sich der Angestellte für eine gewisse Zeit an das Unternehmen bindet – Möglichkeiten gibt es viele, sie müssen nur besprochen werden. Sollte der Arbeitgeber jegliche Unterstützung verweigern, bedeutet dies dennoch nicht, dass die Weiterbildung gestorben ist. Beispielsweise unterstützen neun Bundesländer, darunter Hamburg, Brandenburg und Bremen, Arbeitnehmer mit einer anteiligen Übernahme der Kosten, Weiterbildungs- oder Qualifizierungsschecks. Weiter lassen sich die Kosten beim Finanzamt absetzen – vorausgesetzt der Teilnehmer hat fleißig Belege gesammelt, selbst Sprachreisen können je nach Einzelfall anerkannt werden.

Wichtig sind die Zertifikate oder zumindest Teilnahmebescheinigungen – nicht nur für das Finanzamt. Schließlich verhelfen diese zu einem besseren Job, höheren Verdienstmöglichkeiten oder mehr Verantwortung. Nicht jede Weiterbildung endet mit einem Zertifikat oder einem Abschluss. Das hängt davon ab, ob es sich um Weiterbildungsabschlüsse mit oder ohne öffentlich-rechtlich geregelten Prüfungsvorschriften handelt oder um eine themen- und aufgabenspezifische Weiterbildung. Dies heißt aber nicht, wahllos irgendwelche Zertifikate und Teilnahmebescheinigungen anzuhäufen, denn auch bei Weiterbildungen kommt es auf Klasse an – und nicht auf Masse.


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