Work-Life-Balance - ein Balanceakt
Work-Life-Balance - ein Balanceakt Rainer Sturm / pixelio.de

Der Work-Life-Balance auf der Spur

Wie sieht die viel gerühmte Work-Life-Balance in der Praxis aus und was haben eigentlich Unternehmen davon?

Arbeiten wir um zu leben oder leben wir um zu arbeiten? Die Antwort fällt je nach Mensch ganz individuell aus. Doch wie man es auch dreht und wendet, der Job ist ein wichtiger Teil unseres Lebens. Gerade Berufseinsteiger verbringen viel Zeit im Büro und möchten sich Erfolg erarbeiten. Gleichzeitig legen sie jedoch großen Wert auf Ausgleichsmöglichkeiten – typisch Generation Y eben.

›Work-Life-Balance‹ ist daher zu einem Schlagwort in der Arbeitswelt geworden. Mit Maßnahmen, die den Arbeitnehmern ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Beruf und Privatleben erleichtern, reagieren Unternehmen auf den gesellschaftlichen Trend, dass Gesundheitsbewusstsein, Familienfreundlichkeit und individuelle Selbstverwirklichung immer wichtiger werden. Programme zur Work-Life-Balance sind aber auch eine Reaktion auf die demografische Entwicklung, also darauf, dass der Durchschnittsangestellte immer älter wird und nachrückende Jahrgänge geburtenschwach sind.

»Work-Life-Balance-Angebote sind nicht nur ein ›Must-have‹«, sagt Volker Stein, Professor für BWL mit Schwerpunkt Personalmanagement und Organisation an der Uni Siegen, »heutzutage wird auf dem Arbeitsmarkt offensiv damit geworben.« Diesbezügliche Aktivitäten gelten vor allem als Gegenmittel zu arbeitsbedingter Krankheit, Stress und dem Burn-out-Syndrom. Sie signalisieren Bewerbern aber auch, dass sich das Unternehmen um jeden Einzelnen kümmern möchte, wie Professor Stein erklärt, und natürlich, um qualifizierte Mitarbeiter an sich zu binden.

Zufriedene Mitarbeiter sind die Besten

Bei der Bayer Business Services, dem Kompetenz-Zentrum des Bayer-Konzerns für IT- und Business Services, ist man davon überzeugt, dass nur zufriedene und ausgeglichene Mitarbeiter die beste Leistung bringen. Hier verantwortet das Geschäftsfeld Business Consulting die interne Managementberatung für den Bayer-Konzern weltweit. »Wir achten bei allen unseren Mitarbeitern auf eine gesunde Balance zwischen Arbeits- und Privatleben und sensibilisieren sie für dieses Thema. Wir tun dies, um zu unterstreichen, dass es in beiderseitigem Interesse ist, wenn unsere Mitarbeiter langfristig Spaß an ihrer Arbeit haben und damit auch eine hohe Qualität in ihrem Tun aufweisen können«, betont Dr. Marc Vathauer, Abteilungsleiter für Supply Chain Management & People Management Lead bei Business Consulting.

Der 43-Jährige sieht für die zunehmende Bedeutsamkeit der Work-Life-Balance vor allem die steigende Arbeitsbelastung in den letzten Jahren sowie die ständige Erreichbarkeit durch Handys und Smartphones als mögliche Auslöser. »Allerdings stellen wir auch fest, dass gerade immer mehr junge Leute ihre Erfüllung nicht mehr nur in ihrer Karriere, sondern auch in ihrem Privatleben suchen und bestätigen wollen«, sagt Vathauer.

Um den Mitarbeitern ein gutes Verhältnis von Berufs- und Privatleben zu ermöglichen bietet Business Consulting ihnen an, ihre Arbeitszeiten abhängig von den anstehenden Aufgaben flexibel zu gestalten. »Dann gibt es aber auch Tage«, ergänzt Claudia Scherer, Abteilungsleiterin Business Transformation & Change bei Business Consulting, »an denen mehr gearbeitet wird, was man durch kürzere Arbeitszeiten an Tagen mit geringerer Arbeitslast wieder ausgleichen kann. Hier achten wir besonders darauf, dass diese Varianz im Arbeitsumfang auch tatsächlich stattfindet.« Außerdem haben Mitarbeiter die Möglichkeit, mit längeren Auszeiten, sogenannten ›Sabbaticals‹, private Vorhaben in einem größeren Rahmen umzusetzen.

Bewegung als Mittel zum Stressabbau

Neben möglicher Gestaltung der Arbeitszeit nennt Professor Stein auch Aspekte in der Unternehmenskultur, die zu einem ausgeglichenen Work-Life-Verhältnis beitragen können. Dazu zählen werteorientierte Mitarbeiterführung, flache Hierarchien, die Förderung von sozialer Vielfalt, eine familienfreundliche Personalpolitik und systematisches Gesundheitsmanagement.

Für Letzteres ist das Mode- und Lifestyleunternehmen s.Oliver nach eigenen Angaben ein gutes Beispiel. Regelmäßige Bewegung ist bekanntlich ein hilfreiches Mittel gegen Stress und auch weitere arbeitsbedingte Leiden, für die häufig Bürostuhl und Schreibtisch verantwortlich sind. Also hat die s.Oliver Group den mehrfachen Schwimmweltmeister in der Disziplin Open Water, Thomas Lurz, als Sportbotschafter gewonnen. In seiner Funktion vermittelt er nun den Mitarbeitern Gesundheitskompetenz, Motivation und wie man mit Rückschlägen optimistisch umgehen kann. Zusammen mit dem Health Manager Dr. Legat kümmert sich der Spitzensportler zusätzlich um das frisch gelaunchte interne ›Health & Fitness Blog‹. Hierbei stehen Fitness- und Ernährungsthemen sowie Tipps für einen gesünderen Lifestyle auf dem Programm. In diesem Rahmen steht Lurz auch als Personal Coach zur Verfügung und entwickelt mit Mitarbeitern individuelle Trainingspläne. Fit macht der Schwimmer die Belegschaft außerdem in einem wöchentlichen Schwimmtraining, an dem bislang 35 Mitarbeiter teilnehmen. »Das Projekt richtet sich an alle s.Oliver-Mitarbeiter – ob sportaffin oder nicht. Deshalb haben wir darauf geachtet, dass wir mit den Anfängerkursen auch Neueinsteiger begeistern können. Thomas Lurz steht unseren Mitarbeitern nicht nur als fachlicher Experte, sondern auch als Motivator und Mentor zur Seite«, sagt Reinhold Werthmann, Director HR Capital Management bei s.Oliver.

s.Oliver hat sich ganz dem Sport verschrieben: Fitnesskurse wie Zumba oder Yoga bringen die Mitarbeiter ins Schwitzen. Wem das nicht reicht, der kann sich im internationalen Mitarbeiterwettbewerb ›Ready.Steady.Go!‹ messen. In der von 2012 bis 2016 angelegten Aktion zur Gesundheitsförderung trainieren Sportgrößen die Mitarbeiter in den Disziplinen Schwimmen, Laufen und Volleyball und bereiten sie auf die jährlichen s.Oliver Championships vor. 2016 ist dann das große, internationale Finale mit allen s.Oliver-Ländern. Als Sieg winkt eine Reise zur Olympiade 2016 in Rio de Janeiro.

Work-Life-Balance zahlt sich aus

Ein umfangreiches Angebot, um seine Mitarbeiter zu motivieren und zu halten – gerade, wenn man bedenkt, dass Unternehmen gesetzlich nicht dazu verpflichtet sind, Work-Life-Balance-Aktivitäten anzubieten. Professor Stein hat dafür eine simple Erklärung: »Da Menschen unterschiedlich gut mit Arbeitsbelastung umgehen können und vor dem Hintergrund der auftretenden stressbedingten Krankheits- und Fluktuationsraten, zahlt es sich für Unternehmen letztlich aus, eher in die vergleichsweise günstigere Vorbeugung als später in die teurere Schadensbeseitigung zu investieren.«

Für die Wertschöpfung sind zufriedene und produktive Mitarbeiter natürlich auch förderlich. Investiert ein Unternehmen in seine Belegschaft, heutzutage ›Human Resources‹ genannt, investiert es auch in seinen Erfolg. Mit flexiblen Arbeitszeiten und Freizeitangeboten allein ist es daher nicht getan. Vathauer und Scherer von Bayer Business Services erachten selbstständiges Arbeiten, interessante Inhalte und ein gutes Betriebsklima als Schlüssel zum Erfolg, denn dies sorgt dafür, dass die Erwartungen der Mitarbeiter erfüllt werden. »Und wir stellen dabei fest, dass Zufriedenheit im Job automatisch auf das Privatleben ausstrahlt«, sagt Vathauer. »Die Balance wird auch darüber definiert«, fügt Scherer hinzu, »dass die Mitarbeiter sich für ihre geleistete Arbeit wertgeschätzt fühlen von ihren Vorgesetzten und Kollegen. Denn Arbeit sollte als wertstiftend und zur persönlichen Entwicklung beitragend wahrgenommen werden ohne Beeinträchtigung der Lebensqualität im Privaten.«


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