Mann in Hängematte

Warum eine ausgewogene Work-Life-Balance wichtig ist

Wenn die Arbeit schwerer wiegt als die Freizeit: Warum eine ausgewogene Work-Life-Balance so wichtig ist und wie das Gleichgewicht wieder zurückkommt. Ein Interview mit unserer Expertin Dagmar Terbeznik.

Frau Terbeznik, welche Berufsgruppe sucht am häufigsten Ihre Unterstützung und warum?
Es sind verschiedene Berufsgruppen – was ich sehr spannend finde. Die deutlich überwiegende Zahl sind Akademiker, also Fach- und Führungskräfte. Ich arbeite auch häufiger mit Nachwuchswissenschaftlern zusammen und gebe Coaching-Seminare für Graduiertenprogramme an Hochschulen.

Wie gehen Sie bei Ihren Coachings vor?
Coaching ist ein Prozess der Selbsterkenntnis, um für sich selbst die richtigen Lösungen und Haltungen zu entwickeln. Als Coach bin ich diejenige, die diesen Erkenntnis- und Änderungsprozess begleitet und unterstützt. Hierfür biete ich einen sicheren Rahmen und stelle insbesondere spezielle Fragen – das heißt, es sind sehr intensive und zielorientierte Gespräche, die nicht mit einem guten Gespräch unter Freunden zu vergleichen sind.

Der Ausdruck ›Work-Life-Balance‹ ist erst seit einigen Jahren in aller Munde – wie kam es zu dieser Entwicklung?
Der Grund liegt für mich in der Wandlung unserer Gesellschaft von der Industrie- zur Wissensgesellschaft. Soziologen sprechen in diesem Zusammenhang auch von der ›Entgrenzung‹ von Arbeit und dem ›Arbeitskraftunternehmer‹. Dieser Arbeitskraftunternehmer hat folgende Merkmale: verstärkte Selbstkontrolle, erweiterte Selbst-Ökonomisierung, Selbst-Rationalisierung und ›Verbetrieblichung der Lebensführung‹. Das sind heute die Arbeitsanforderungen, auch in Angestelltenverhältnissen. Die Bedingungen für Angestellte und Selbstständige werden also immer ähnlicher. Heute arbeitet nur noch eine Minderheit an Menschen in Produktionsbetrieben, in denen die Laufzeit der Maschinen die Arbeitszeit diktierte. Und die Maschinen unserer Generation arbeiten höchsteffizient, rund um die Uhr. Wir Menschen haben definitiv die Tendenz dem nachzueifern, was wir selbst erfunden und geschaffen haben – wir wollen ›funktionieren‹ wie die Maschinen. Durch die Entwicklungen der Informationstechnologie in den vergangenen 20 Jahren sind die meisten von uns in der Lage, ihre Arbeit zeit- und ortsunabhängig zu gestalten. Es ist nicht mehr allgemein üblich und erforderlich, von acht bis 17 Uhr ins Büro zu gehen, um seine Arbeit zu erledigen – auch wenn die Wirtschaft noch immer einer sogenannten Präsenzkultur nachhängt.

Welche Folgen haben diese Freiheiten?
Wir haben in der Arbeitsgestaltung einen hohen Grad an Individualisierung erreicht, zum Beispiel durch Gleitzeit und Vertrauensarbeitszeit. Diese Freiheiten erfordern aber, sich eigenverantwortlich abzugrenzen, das heißt, der von den Arbeitgebern erträumten und technisch möglichen Rund-um-die-Uhr- Verfügbarkeit und immer höheren Effizienzwünschen entgegenzutreten. Zudem hat sich die Taktfrequenz unseres Lebens und die Arbeitsdichte erhöht. Das sieht man sehr gut an der E-Mail-Flut, die über die meisten von uns täglich hereinbricht. All dies erfordert Kompetenzen wie Abgrenzung, Selbstverantwortung oder Entscheidungsfähigkeit, die in früheren Zeiten nicht im selben Ausmaß notwendig waren. Diese Kompetenzen haben wir aber nicht von klein auf gelernt – eher das Funktionieren und sich den Gegebenheiten anzupassen, ›sich durchzukämpfen‹. Es entsteht daher bei vielen Menschen das Gefühl, von der Arbeit ›aufgefressen‹ zu werden, und daraus hat sich die ›Work-Life- Balance‹-Nachfrage entwickelt.

Wie kann man, auch ohne große berufliche und private Umstrukturierungen, eine ausgewogene Work-Life-Balance erreichen?
Diese Frage kann ich so pauschal nicht seriös beantworten. Im Einzel-Coaching, wie in Seminaren mit hohem Coaching-Anteil, erarbeiten die Coachees zunächst ihre persönliche Definition von Work-Life-Balance. Die ist für jeden Menschen eine andere, so wie jeder einen anderen Einrichtungsstil hat, unterschiedliche Hobbys und eine andere Lieblingsfarbe. Dann wird geschaut, wie es um die aktuelle Balance der vier für alle Menschen wesentlichen Lebensbereiche Arbeit, Kontakt, Körper und Sinn steht. Welche Aktivitäten in diesen Bereichen erhalten welche Aufmerksamkeit, welche Zeit? Welche geben Energie, welche nehmen Energie? Schon allein diese Bilanzierung bringt in der Regel erste Veränderungsimplulse mit sich, manchmal auch die Erkenntnis: Man steht besser da, als man anfangs dachte. Der größte Faktor zur Verbesserung der Work-Life-Balance liegt jedoch in einer Veränderung der inneren Einstellungen und überzeugungen. Sich hierbei selbst zu erkennen und zu begreifen, um sich dann für eine neue Haltung zu entscheiden und diese zu etablieren, ist ein immenser innerer Schritt, der keine großen ›Umstrukturierungen‹ der Lebensumstände erfordern muss – aber kann.

Inwieweit kann man an der eigenen Einstellung hinsichtlich falschen Ehrgeizes oder Verbissenheit arbeiten, um eine Ausgewogenheit zu erreichen?
Es gibt eine kleine, feine übung, die jeder für sich machen kann: Man schreibt sich zehn Sätze auf, die mit ›Ich muss …‹ beginnen. Zum Beispiel ›Ich muss jeden Tag zur Arbeit gehen‹. Dann ersetzt man ›Ich muss‹ in diesen Sätzen durch ›Ich entscheide mich für …‹. Dann liest man sich die Sätze in jeder Version laut vor, vielleicht sogar einem übungspartner, und achtet darauf, wie man sich fühlt. Vielleicht denkt man: »Doch, ich ›muss‹ das aber wirklich!« Muss man? Was wäre denn die Konsequenz, wenn man es nicht täte? Um in dem Beispiel zu bleiben: Wenn man nicht jeden Tag zur Arbeit geht, würde man vermutlich den Job verlieren. Und das will man nicht. Aha! Also entscheidet man sich dazu, jeden Tag zur Arbeit zu gehen, weil man den Job behalten möchte. Man könnte sich auch einen anderen suchen, sich arbeitslos melden, als Einsiedler auf eine einsame Inseln ziehen und sich selbst versorgen … Es ist die eigene Entscheidung!

Welche weiteren Methoden gibt es noch?
Es gibt davon noch sehr viele, mit denen man an unförderlichen inneren Einstellungen arbeiten kann. Entscheidend ist immer, sich selbst zu erkennen und sich selbst dafür anzuerkennen, denn auch mit unseren unförderlichen Haltungen verfolgen wir eine positive Absicht. Zum Beispiel: »Ich möchte nicht verantwortlich sein, sondern jemand haben, der für mich sorgt.« Wer das erreicht, kann sich für etwas Neues entscheiden und erreicht damit auch neue Ergebnisse in seinem Leben.

Woran liegt es, dass viele Menschen diese Balance nicht mehr schaffen und Hilfe benötigen?
Die Zeiten wandeln sich gerade enorm und wir stecken mittendrin. Wir hängen noch in alten Strukturen und Systemen fest, die zu dem, was jetzt ist, nicht mehr passen. Und wir haben noch nicht die Kompetenzen mit auf den Weg bekommen, die wir für diese Veränderungen brauchen. Das ist für jedes Mitglied der Gesellschaft – vermutlich sogar ganz global der Menschheit – eine enorme Kraftanstrengung. Und es ist klug, sich hierbei Unterstützung zu holen. Die Coaching-Nachfrage wächst seit Jahren und hat auch weiterhin Wachstumsprognosen. Das ist meines Erachtens ein Zeichen der Zeit.

Warum bieten mittlerweile so viele Unternehmen interne ›Work-Life-Balance‹-Programme an, obwohl Freizeit sich eigentlich dadurch auszeichnet, nichts mit Arbeit zu tun zu haben?
Das hat ganz banale, betriebswirtschaftliche Gründe. Und das Ziel von Unternehmen ist einfach gesagt, dass der Laden läuft, und zwar so gut wie möglich. Work-Life-Balance ist letztlich ein Vorprogramm zur Stressbewältigung. Die Fachleute der Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzen, dass stressbedingte Leiden die Hauptursache für Fehlzeiten sind. 50 bis 60 Prozent der verlorenen Arbeitstage gehen laut Studien auf hohes Arbeitstempo und Zeitdruck zurück. Der Anteil psychiatrischer Diagnosen wie Erschöpfungszustände und emotionale Störungen an den Krankheitstagen beträgt inzwischen über 14 Prozent. In Deutschland müssen Arbeitgeber sechs Wochen Lohnfortzahlung bei Krankheit leisten. Und bei stressbedingten Erkrankungen kommt es häufig zu viel längeren Ausfallzeiten. Das heißt, es entstehen hohe Kosten in den Unternehmen. Um diese zu verhindern oder zumindest zu minimieren, werden solche Programme angeboten. Zudem ist es teilweise auch Teil einer Personalmarketing-Strategie, da Angebote in diesem Bereich für viele Mitarbeiter aber auch Bewerber attraktiv sind.


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