Als Ingenieur im Management arbeiten

Viele Ing-Absolventen wollen Verantwortung übernehmen. Sogenannte ›Expertenkarrieren‹ verbinden Technik und Management

Natürlich wäre es überzogen zu behaupten, dass Ingenieure nur so lange ›echte‹ Ingenieure sind, bis sie in ihren Beruf einsteigen. Trotzdem aber hat diese These ihre Berechtigung. Denn Ingenieure sind einerseits hervorragend ausgebildete Fachleute, um vor allem in den Bereichen Forschung und Entwicklung Innovationen mit auf den Weg zu bringen. Andererseits beginnt mit dem beruflichen Einstieg aber auch ihr Alltag als Berater, Planer oder Projektmanager mit ›Blick für den Markt‹.

Nach einer aktuellen Erhebung des Verbands der Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik (VDE) starten lediglich 30 Prozent aller Elektroingenieure und Informationstechniker im klassischen Feld Forschung und Entwicklung. Rund 15 Prozent sehen von Anfang an ihre Aufgabe in der Projektierung, zehn Prozent im Bereich IT und Dienstleistungen und jeweils fast ebenso viele in Planung beziehungsweise im Marketing und Vertrieb.

Hinzu kommt: Je häufiger bei jungen Ingenieuren dann auch noch die nächsthöheren Sprossen der Karriereleiter in den Blick geraten, desto wahrscheinlich wird es, dass die klassisch ingenieurwissenschaftlichen Aufgaben immer weniger werden.

»In der Regel freuen sich junge Absolventen der Ingenieurwissenschaften darauf, die Technik zu entwickeln und weiterzuentwickeln«, argumentiert Michael Schanz, Geschäftsführer des Ausschusses Ingenieurausbildung im VDE.

Andererseits seien Einsteiger schon früh weiteren ›Verlockungen‹ ausgesetzt: Dazu gehört vor allem die Option, neben der ohnehin vorhandenen grundsätzlichen Fachverantwortung auch Personal- und Managementverantwortung zu übernehmen. Denn in der Regel bedeutet das auch mehr Einfluss im Unternehmen, mehr Anerkennung und ein höheres Gehalt. »Schon Berufseinsteiger haben es mit einem Dilemma zu tun«, resümiert Schanz.

Aufstieg für rein technisch orientierte Führungskräfte

Dabei ist in den vergangenen Jahren die Vorliebe für ›klassische‹ ingenieurwissenschaftliche Aufgaben in den Unternehmen offensichtlich so sehr gestiegen, dass sich laut einer Studie des VDE zumindest unter den Berufsanfängern immer weniger Ingenieure für die Übernahme von Leitungsfunktionen interessieren. Hatten im Jahr 2004 noch zwei von drei Einsteigern in den ersten drei Berufsjahren Personalverantwortung übernommen, so ist dies bis heute nur noch bei 40 Prozent (bei Absolventen mit FHAbschluss) beziehungsweise 50 Prozent (bei Absolventen mit Uni/TH-Abschluss) der Fall. Danach allerdings steigt das Interesse an zusätzlichen Aufgaben rapide an: Nach drei Jahren Berufserfahrung erhöht sich der Anteil an Führungskräften unter den Elektroingenieuren um etwa das Doppelte.
 

»Wer die Vorzüge einer Karriere im Unternehmen nutzen, sich aber nicht von fachlichen Aufgaben verabschieden will, ist derzeit eindeutig im Nachteil«, urteilt Schanz.

Zudem würden vielen Unternehmen hervorragende Ingenieure abhanden kommen – nur, weil sie die Laufbahn Richtung Management einschlagen wollen. Immer mehr mittelständische und Großunternehmen lösen dieses Problem nun durch die Einführung einer formalen Karriereleiter für Experten, bieten also den Aufstieg für rein technisch orientierte Führungskräfte. So genannte ›Expertenkarrieren‹, wie sie beispielsweise bei Siemens Corporate Technology offeriert werden, bieten eine angemessene (Manager-)Bezahlung und ein Plus an Anerkennung – ohne die Ingenieure durch die Übernahme von Personalverantwortung zunehmend von ihrer eigentlichen Stärke abzulenken.

»Die Implementierung eines solchen Systems in einem Unternehmen erfordert allerdings von allen Beteiligten zum Teil erhebliche Umdenkprozesse, da auch diese Experten in ein hierarchisch strukturiertes System mit definierten Verantwortungsebenen eingepasst werden müssen«, urteilt Schanz.

Ingenieuren, die also möglichst lange in ihrem ›klassischen‹ Berufsfeld arbeiten wollen, empfiehlt der Experte deshalb, sich mit den Möglichkeiten einer Expertenkarriere auseinanderzusetzen und bei Arbeitgebern gezielt nachzufragen. 


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