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Arbeitsmarkt für Naturwissenschaftler

Wie sieht der Arbeitsmarkt für Absolventen eines naturwissenschaftlichen Studiengangs 2017 aus? Stellenlage, Arbeitslosenzahl und Zukunftstrends

Den Sprung von der Hochschule ins Berufsleben meistern. Diese Aufgabe scheint den meisten Absolventen ziemlich gut zu gelingen. Ein Indiz dafür könnte die Akademiker-Arbeitslosenquote sein, die schon im vergangenen Jahr mit 2,6 Prozent sehr gering ausfiel und Vollbeschäftigung signalisiert. Bei der Betrachtung der Zahl der arbeitslosen Naturwissenschaftler zeichnet sich eine ebenso positive Entwicklung ab: Diese sank im letzten Jahr auf 11.500, das sind knapp fünf Prozent weniger als im Vorjahr. Und die Zahl der Erwerbstätigen mit einem naturwissenschaftlichen Hochschulabschluss ist, den Hochrechnungen des Mikrozensus zufolge, im Zehn-Jahres-Rückblick bis 2015 um knapp ein Drittel auf 497.000 gestiegen.Viele Naturwissenschaftler sind oft interdisziplinär in verschiedenen Beschäftigungsfeldern tätig. Sprich: Sie üben Berufe aus, die den Naturwissenschaften nicht direkt zugeordnet werden – beispielsweise im öffentlichen Dienst, Gesundheitswesen, bei Finanzdienstleistern, Versicherungen oder Umweltverbänden. Und: Im Bereich der Lehre und Forschung arbeiten etwa 25 Prozent aller Naturwissenschaftler.
 

Mathematik

»Besonders Mathematiker sollten sich überlegen, ob nicht die klassische Schullaufbahn etwas für sie ist«, findet Thomas Vogt von der Deutschen Mathematiker-Vereinigung. Denn die Nachfrage ist momentan besonders hoch. Daneben sind aber auch Bankwesen, Unternehmensberatung sowie Projektmanagement klassische Einsatzgebiete für Mathematiker. Besonders im Softwarebereich entstünden momentan viele neue Berufsfelder: »Die Einsatzbereiche reichen von der Softwareenwicklung und der IT-Sicherheit über die Bildbe- und -verarbeitung bis zur Logistik, wo zum Beispiel Warenströme oder Fahrrouten optimiert werden«, erklärt Vogt. Auch Suchmaschinenoptimierung und -programmierung könnten darüber hinaus interessante Einsatzbereiche für Mathematiker sein. Scheint, als würde sich das Tätigkeitsfeld von Mathematikern in den kommenden Jahren besonders gut entwickeln. Die Trendthemen sieht der Experte ganz klar in Robotik und Big Data.
 

Medizintechnik

In der Medizintechnik wird der Bedarf an Naturwissenschaftlern und Ingenieuren nach Expertenmeinung weiter steigen. Manfred Beeres, Kommunikationsleiter beim Bundesverband Medizintechnologie (BVMed) sieht einen Grund dafür im Erfolg deutscher Medizintechnik-Unternehmen auf dem Weltmarkt. In den kommenden Jahren werden die Operationsverfahren durch moderne medizinisch-technische Verfahren immer schonender: »Chirurgen erhalten Unterstützung durch computerassistierte Navigation. Medizintechnik und IT wachsen zusammen«, weiß der Experte vom BVMed. Ebenso seien Technologiefelder wie Bio- und Nanotechnologie in der Medizin auf dem Vormarsch.
 

Physik

Da wundert es nicht, dass die Zahl der Patentanmeldungen im Bereich der Medizintechnik momentan rapide steigt. Das ist eine Entwicklung, die besonders Physiker freuen dürfte: »Medizintechnik ist ein Bereich, der sogar noch mehr als Telekommunikation für Physiker prädestiniert ist«, sagt Dr. Udo Weigelt, Vorstandsmitglied für Industrie, Wirtschaft und Berufsfragen der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG). Denn in diesem Bereich geht es vor allem um Analyseverfahren. Damit kennen sich Physiker schließlich bestens aus. Auch die Verschmelzung vieler Bereiche mit der Informationstechnologie, etwa im Sinne der Industrie 4.0, schafft günstige Voraussetzungen für den Arbeitsmarkt von Physikern und Mathematikern. Künftig werden auch produzierende Gewerbe immer mehr Spezialisten dieser Disziplinen benötigen. Sie bringen die nötigen Problemlösungsansätze mit, um etwa Optimierungsprobleme jeglicher Art bewältigen zu können. Schon im letzten Jahr stieg die Zahl der Stellenangebote, die sich explizit an Physiker und Mathematiker richteten, laut der Bundesagentur für Arbeit um 20 Prozent an. Somit waren 2016 durchschnittlich 400 Stellen verfügbar. Hört sich im ersten Moment nach weniger guten Aussichten für Physiker an. Aber: Viele bewerben sich auch auf Stellen für Ingenieure oder im IT-Bereich – und das mit Erfolg! Insgesamt ist das Beschäftigungsfeld, in dem Physiker zum Einsatz kommen, sehr weit gefächert: Es reicht von IT- und Finanzberufen über die Beratungsbranche bis hin zur Lehre. Heißt jedoch nicht, dass sich Absolventen auf einem Bachelortitel ausruhen sollten. Ein Bachelorstudium alleine, glaubt Weigelt von der DPG, bringe Absolventen kaum etwas. Er rät zu einem vollwertigen Physikstudium mit Promotion. Besonders, da in den nächsten Jahren höhere Absolventenzahlen erwartet werden und die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt steigt. Gute Leistungen begünstigen natürlich die Chance auf eine Anstellung, aber auch die Bedeutung von Soft Skills sollte nicht vernachlässigt werden. Sehr gute Englischkenntnisse, Teamfähigkeit, Kommunikationstalent und ein sicheres Auftreten, vor allem bei der Präsentation von Ergebnissen, sind sowohl für Physiker als auch für Geowissenschaftler wichtige Eigenschaften.
 

Geowissenschaften

Denn auch Geologen arbeiten zumeist in Teams, die interdisziplinär ausgerichtet sind. Dafür sollten sie nicht nur die klassischen Geologiefähigkeiten, wie etwa eine Geländeausbildung und geologische Kartierung, beherrschen, sondern ebenfalls mit gängigen PC-Programmen vertraut sein. Allgemein lässt sich sagen, dass die Berufseinstiegschancen für Geowissenschaftler momentan gut sind. »Dies liegt unter anderem daran, dass wir aufgrund einer Pensionierungswelle eine sich über mehrere Jahre erstreckende Fluktuation zu verzeichnen haben«, erklärt Dr. Hans-Jürgen Weyer, Geschäftsführer des Berufsverbands Deutscher Geowissenschaftler (BDG). Schon im Vorjahr deutete sich eine positive Entwicklung des Arbeitsmarkts für Geowissenschaftler an: Die Zahl der Stellenmeldungen stieg um acht Prozent gegenüber 2015 und mit 1.600 Arbeitslosen, die eine Tätigkeit in Geowissenschaften, Geografie oder Meteorologie anstrebten, sank die Zahl um neun Prozent. Im kommenden Jahr, so Weyer, stünden die Energie- und Rohstoffversorgung sowie die Bewältigung der Energiewende im Fokus. Außerdem sind Geowissenschaftler stark in die Bewältigung des Klimawandels einbezogen. Daneben werden sie auch 2018 weiterhin im Rahmen der klassischen Beschäftigungsfelder gebraucht, etwa als Experten bei Bauvorhaben, im Grundwasserschutz und bei Altlastensanierungen. Gut ausgebildete Geowissenschaftler haben also auch künftig gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Da das Fach zu denjenigen zähle, die auch andere Disziplinen besonders stark einbeziehen, weiß Dr. Hans-Jürgen Weyer vom BDG, »ist es für Absolventen selbstverständlich, zumindest gute Grundlagenkenntnisse in den anderen Naturwissenschaften zu haben.«
 

Biologie

Auch auf Absolventen der Biowissenschaften trifft diese Aussage zu. Sie sind gut für den Arbeitsmarkt gerüstet, wenn sie ein breites Methodenspektrum beherrschen und zudem früh Kontakte zu potenziellen Arbeitgebern geknüpft haben – beispielsweise über Praktika oder Honorartätigkeiten. Nicht selten komme es darauf an, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, weiß Dr. Kerstin Elbing, Geschäftsleiterin des Verbands Biologie, Biowissenschaften und Biomedizin (VBIO). Ein funktionierendes Netzwerk sei gerade für Biologen ausgesprochen hilfreich. Denn in der Biologie konnte laut Bundesagentur für Arbeit schon im Vorjahr eine überdurchschnittlich hohe Arbeitslosigkeit verzeichnet werden: 5,1 Prozent. Immerhin war der Einstellungsbedarf, gemessen an den gemeldeten Arbeitsstellen, 2016 höher als noch im Jahr zuvor. Die explizite Nachfrage nach Biowissenschaftlern ist jedoch gering: Schon 2016 standen 4.500 Arbeitslose monatsdurchschnittlich nur 300 gemeldeten Stellen gegenüber. Dabei falle ein hoher Anteil befristeter Stellenangebote auf, so die Bundesagentur. »Biowissenschaftler haben es schon immer ein bisschen schwerer gehabt«, sagt Elbing. »Denn für sie gibt es nicht ›die eine‹ eng umgrenzte Branche, sondern vielfältige Beschäftigungsfelder mit unterschiedlichen Anforderungen.« Das können Absolventen auch zu ihrem Vorteil nutzen, denn dadurch sind sie sehr flexibel und können sich auf der Basis ihrer naturwissenschaftlichen Ausbildung die unterschiedlichsten Arbeitsbereiche erschließen: Biotech-Industrie, Arzneimittelentwicklung, Pharmabranche, Patentwesen oder Wissenschaftsmanagement sind einige Beispiele dafür. Wobei Biotechnologie sicher eines der größten Beschäftigungsfelder bietet. Für die kommenden Jahre sieht die Expertin die weitere Biologisierung der Produktionsprozesse im Fokus der Disziplin. Stichwort Bioökonomie. Elbing könnte sich vorstellen, dass es vor diesem Hintergrund immer interessanter wird, beispielsweise einen Bachelor in Biowissenschaften zu machen und anschließend einen Master in Wirtschaft draufzusetzen. »So können Studierende Biologie mit Wirtschaft oder auch Kommunikation kombinieren und qualifizieren sich damit besonders für diesen Bereich«, glaubt Dr. Kerstin Elbing vom VBIO. Mit einem soliden Wirtschaftsvokabular, sehr guten Englischkenntnissen und einem breiten Methodenspektrum seien Absolventen bestens für den Arbeitsmarkt gerüstet.
 

Chemie

Diese Ansicht teilt auch Dr. Gerd Romanowski, Geschäftsführer Wissenschaft, Technik und Umwelt im Verband der Chemischen Industrie (VCI), im Hinblick auf Chemiker: »Es ist wichtig, über den Tellerrand zu schauen, denn Chemiker arbeiten sehr häufig interdisziplinär mit Biologen, Materialwissenschaftlern oder Physikern zusammen.« Zu den Fachrichtungen, die 2018 besonders gefragt sein werden, zählt der Experte Verfahrens- und Chemietechnik, Chemieingenieurwesen und Biotechnologie. Aber auch Chemiker mit fachlichem Hintergrund in Elektrochemie, Materialwissenschaften und Grenzflächenwissenschaften sowie Biochemie hätten gute Chancen. Insgesamt schätzt er die Berufschancen in der Chemischen Industrie weiter positiv ein. Betrachten wir die Arbeitslosenzahl, bestätigt sich diese Vermutung. Allein im letzten Jahr sank diese um drei Prozent auf 2.600. Die Zahl der Stellenangebote stieg im Verlauf des letzten Jahres auf 1.300 und damit um 14 Prozent. Wegen der gestiegenen Absolventenzahlen werde der Wettbewerb unter den Absolventen jedoch intensiver. Ein zentrales Thema, das Chemiker 2018 weiterhin beschäftigen wird, ist ganz klar die Energiewende in Deutschland. Weitere seien die Erweiterung der Rohstoffbasis der chemisch-pharmazeutischen Industrie, die Verbesserung der Ressourceneffizienz, Materialforschung und Ditigalisierung, berichtet Romanowski vom VCI. »In den Life-Sciences werden vor allem die Entwicklung innovativer Arzneimittel, neuartige individualisierte Therapien und die moderne Biotechnologie eine Schlüsselrolle spielen.«
 

Stellensuche

Für Absolventen aller naturwissenschaftlichen Disziplinen gilt das Gleiche, wenn sie auf der Jobsuche sind: rechtzeitig anfangen, sich überlegen, was nach dem Studium kommt. Sie sollten sich im Klaren darüber werden, in welchem Bereich sie beruflich arbeiten möchten und wo sie auch bereit sind, sich weiterzubilden. »Nichts ist schlimmer als einen Job anzunehmen, bei dem sich der Arbeitnehmer am Ende denkt: ›Hier fühle ich mich unwohl.‹«, sagt Dr. Kerstin Elbing, Geschäftsleiterin des VBIO. Es tut also gut, sich ausgiebig Gedanken darüber zu machen und den Arbeitsmarkt immer ein bisschen im Blick zu behalten.

 


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