Der Arbeitsmarkt für Wiwis

Perfekt informiert ins Berufsleben starten: Über Trends, die deine Zukunft bestimmen. Spannende Stellen, die jetzt neu entstehen. Und Qualifikationen, mit denen du als Bewerber richtig punkten kannst

Wer als Wiwistudent bei den Worten Arbeitsmarkt und Berufseinstieg Panik bekommt, darf gerne erstmal tief durchatmen. Denn Wirtschaftswissenschaftler haben grundsätzlich gute Chancen auf einen attraktiven Job. Darauf lässt auch die sehr niedrige allgemeine Arbeitlosenquote für Akademiker schließen: Diese war mit 2,3 Prozent so niedrig wie seit Jahrzehnten nicht mehr, wie Prof. Dr. Joachim Möller, Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, betont. »2017 waren 39.000 Wirtschaftswissenschaftler arbeitslos gemeldet, drei Prozent weniger als im Vorjahr«, sagt Claudia Suttner von der Bundesagentur für Arbeit. Für alle Berufsfelder gilt, dass sich der Arbeitsmarkt positiv entwickelt hat. Die Zahl der Erwerbstätigen ist deutlich gewachsen und die Nachfrage nach Fachkräften war 2017 weiter auf einem hohen Niveau. »Die künftige Nachfrage ist abhängig von der wirtschaftlichen Entwicklung«, erklärt Suttner. Die Experten der Bundesagentur für Arbeit gehen jedoch auch für 2018 davon aus, dass sich der positive Trend fortsetzen wird. Eine große Nachfrage nach Fachkräften besteht in den Bereichen Unternehmensführung, -organisation und Personalwesen. Daneben sind Betriebswirte mit den Schwerpunkten Handel und Vertrieb sehr gefragt. In diesem Bereich waren im Jahr 2017 14.200 Stellen neu zu besetzen – das entspricht einem Plus von drei Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Daneben zählen Verkehr und Logistik zu den wachsenden Berufsfeldern.

Wiwi-Nachwuchs wird gebraucht

»Auffällig ist, dass die Unternehmen sich immer mehr einfallen lassen, um die besten Talente schon früh an sich zu binden – zum Teil schon in den ersten Studiensemestern«, stellt Dr. Matthias Meyer-Schwarzenberger, Geschäftsführer des Bundesverbands Deutscher Volks- und Betriebswirte (bdvb) fest. Die Studierenden erhielten dadurch die Möglichkeit, Kontakte in der Praxis zu knüpfen und sich über verschiedene Karrierewege zu informieren. Für manche könne es sich aber auch lohnen, erst einmal das Studium in den Mittelpunkt zu stellen und abzuwarten, welche interessanten Fachgebiete sich auftun. »Das Studium ist eine Erkundungsreise, die ein echter Entdecker nicht vorzeitig abbrechen wird«, ist sich Dr. Meyer-Schwarzenberger sicher.

Dem Experten zufolge haben Wirtschaftswissenschaftler, die sich auf den Gebieten der Informatik oder Statistik zuhause fühlen, auf dem Arbeitsmarkt die besten Karten. Dabei rücken neben Big Data und innovativen Technologien wie Blockchain zunehmend auch Sicherheitsthemen in den Fokus. Wer in einem dieser Bereiche Vorkenntnisse mitbringt, könne seinem Arbeitgeber sofort einen Mehrwert bieten und in karriereträchtige Zukunftsprojekte einsteigen. Ein weiterer eklatanter Mangel bestehe im Bereich der Nachfolge von inhabergeführten Familienunternehmen. Die betreffenden Positionen werden zwar nicht mit Absolventen besetzt. Trotzdem können sich in diesem Kontext interessante Chancen auftun – zum Beispiel in Beratungsgesellschaften, die auf solche Projekte spezialisiert sind.

Digitalisierung bringt neue Wiwi-Jobs hervor

»Durch die Digitalisierung entstehen unzählige neue Projekte und Arbeitsplätze, weil auf allen Märkten ein großer Wettbewerb um innovative Produkte und effiziente Business-Modelle herrscht«, weiß der Geschäftsführer des bdvb. Junge Wirtschaftswissenschaftler sollten sich darauf einstellen, dass ›herkömmliche‹ Tätigkeiten in Bereichen wie HR, Controlling oder Supply Chain Management immer stärker automatisiert werden. Im Zuge der Digitalisierung gewinnt auch das lebenslange Lernen zunehmend an Bedeutung. Dabei geht es sowohl um neue Technologien als auch um Fähigkeiten wie das Führen von virtuellen oder interdisziplinären Teams. Ein weiterer Trend, der Einfluss auf den Jobmarkt von Wirtschaftswissenschaftlern nimmt, liegt in der demographischen Entwicklung. Sie ist dafür verantwortlich, dass die Gesundheitswirtschaft, die Gesundheitsökonomie und die sozialen Sicherungssysteme weiter wachsen werden. Wer sich für diesen Bereich interessiert, findet hier eine reichhaltige Auswahl an Studiengängen und Hochschulen, die sich entsprechend spezialisiert haben.

Wiwis sollten sich spezialisieren

Die Fokussierung auf einen bestimmten Wirtschaftszweig ist ohnehin sinnvoll. Auch Dr. Olaf Pätz, Geschäftsführer des Einkommensportals gehaltsreporter.de, zufolge wird es für Betriebswirte immer wichtiger, sich zu spezialisieren. Wer seinen Schwerpunkt beispielsweise auf Marketing legt, sollte sich besonders im Bereich Digital Marketing oder Category Management auskennen. Schwerer habe es Dr. Pätz zufolge dagegen der BWL-Allrounder mit Vertiefungsfächern wie Marketing oder Unternehmensführung, bei denen sich das praxisrelevante Wissen vergleichsweise schnell aneignen lässt.

Viel verdienen können Absolventen überall dort, wo eine starke Nachfrage nach Fachkräften besteht: In Unternehmensberatungen, Versicherungen, der Autoindustrie sowie dem Anlagen- und Maschinenbau – häufig im Zusammenhang mit Digitalisierungsprojekten. »Auch Finanzprofis wie Controller oder Wirtschaftsprüfer haben sehr gute Chancen, denn in diesem Bereich herrscht praktisch Vollbeschäftigung und hohe Nachfrage«, unterstreicht der Geschäftsführer von gehaltsreporter.de. Das durchschnittliche Einstiegsgehalt für Wirtschaftswissenschaftler liegt bei 50.000 Euro brutto im Jahr. Hier gibt es jedoch Unterschiede je nach Abschluss, Branche und Unternehmensgröße.

So können Wiwis aus der Masse hervorstechen

Die Zahl der Wiwistudenten und folglich auch der Absolventen ist hoch: Im Wintersemester 2016/17 studierten rund 238.000 Personen BWL und mehr als 91.000 Wirtschaftswissenschaften. Wie kann der Einzelne da am besten aus der Masse herausstechen? »Gute Noten sind immer noch die beste Grundlage für den erfolgreichen Einstieg«, meint Dr. Meyer-Schwarzenberger vom bdvb. Das liegt auch an der Einführung computerbasierter Auswahlsysteme. Daneben sollte der Bewerber überzeugend und der jeweiligen Situation angemessen auftreten. Da die meisten Stellen immer noch über Beziehungen besetzt werden, lohnt es sich für Studenten, sich etwa einem Verband anzuschließen oder Fachtagungen zu besuchen, um mit relevanten Akteuren in Kontakt zu kommen. »So bleibt einem der Bewerbungsprozess mitunter ganz erspart«, verrät Dr. Meyer-Schwarzenberger. Generell gilt: Wer flexibel für Veränderungen bleibt, sich stetig neues Spezialwissen aneignet und ein paar nützliche Kontakte knüpft, ist gut für den Arbeitsmarkt gerüstet.
Jobsituation und Trends in den einzelnen Wiwi-Branchen haben wir im Folgenden für dich recherchiert.

Wiwis im Handel

Hochschulabsolventen mit wirtschaftswissenschaftlicher Studienrichtung werden im Handel beinahe überall gesucht: etwa im Einkauf, in der Logistik, im Marketing, im Personalmanagement oder im Controlling. Dabei spielt auch das Thema Nachhaltigkeit eine immer wichtigere Rolle. »Der Handel ist eine komplexe Branche, die von dauerhaftem Wettbewerb und schnell wechselnden Trends geprägt wird«, sagt Katharina Weinert, Abteilungsleiterin Bildungspolitik und Berufsbildung des Handelsverbands Deutschland (HDE). Deshalb sollten Wiwi-Absolventen im Handel offen für neue Ideen sein und sich schnell an veränderte Anforderungen anpassen können. Durch die zunehmende Digitalisierung erlebt der Einzelhandel einen tiefgreifenden Strukturwandel. Mittlerweile werden zehn Prozent des Gesamtumsatzes im Einzelhandel online erzielt und immer mehr Unternehmen werden zu Multichannel- oder Crosschannel-Händlern. Dadurch entstehen neue Berufsbilder wie Datenanalysten, Prozessmanager, Category Manager, Supply-Chain-Manager, Brand Manager oder Produktmanager.

Wiwis im Consulting

Auch in der Consultingbranche ist viel Nachfrage nach Fachkräften da: »Die Unternehmensberatungen werden auch in den kommenden Jahren viele neue Stellen schaffen«, sagt Matthias Loebich, Vizepräsident des Bundesverbands Deutscher Unternehmensberater (BDU). Die Auswirkungen der Digitalisierung haben mittlerweile alle Branchen erreicht, wenn auch in unterschiedlicher Intensität. Consultants unterstützen ihre Klienten hinsichtlich der geforderten Veränderungen bei deren Geschäftsmodellen, Prozessen sowie Organisations- und Arbeitsformen. Der Beratungsbedarf wird hierdurch bei den Klienten hoch bleiben. »Für die Consultants bedeutet das nicht zwangsläufig, dass sie sich in allen Digitalisierungsthemen bis ins kleinste Detail auskennen müssen«, räumt Loebich ein. Aber sie müssten die großen Zusammenhänge und Entwicklungen kennen und situationsbezogen die passenden Experten mit ins Boot nehmen.

Wiwis im Marketing

Ähnlich wie in Handel und Consulting ist auch in der Marketingbranche ein Schlagwort allgegenwärtig: die Digitalisierung. Sie eröffnet, verbunden mit der veränderten Mediennutzung, viele neue Berufsfelder. Es entstehen unter anderem neue Aufgaben in der Datenauswertung, in der Suchmaschinenoptimierung sowie im Mobile und Affiliate Marketing. Aufgaben im Offline- und Onlinebereich werden durch die Implementierung von Omnichannel-Strategien zunehmend vereint. »Ein Marketing-Manager muss heutzutage basierend auf Daten neue Marketingmaßnahmen ableiten und entscheidungsrelevante technische Parameter bewerten können«, erklärt Prof. Dr. Martin Fassnacht, Vorstand Wissenschaft/Innovation beim Deutschen Marketing Verband. Qualifikationen in Zukunftsbereichen wie Marketing Automation, Online und Mobile Marketing sowie Social Media seien besonders wichtig und würden stark nachgefragt.

Wiwis im Finanzwesen

In der Finanzbranche ist ebenfalls viel im Umbruch. Aktuelle Prognosen gehen davon aus, dass im Zuge des Brexit mindestens 8.000 neue Stellen in Frankfurt geschaffen werden. Denn viele internationale Banken haben die Stadt am Main als neuen Standort gewählt. Daneben beeinflussen die neuen Technologien die Jobtrends in der Branche maßgeblich. »Zahlreiche neue Stellenprofile ergeben sich besonders bei Start-ups im Fintech-Bereich«, sagt Karin Reuschenbach, Leiterin des Career Service der Frankfurt School of Finance & Management. Aber auch die großen Banken hätten neue Technologien wie Blockchain oder Artificial Intelligence integriert und somit neue Aufgabenfelder geschaffen. »Von Bewerbern wird durch die Digitalisierung eine hohe IT-Affinität und -Kompetenz erwartet«, so Reuschenbach.

Wiwis im Controlling

Aktuell haben Controller am Arbeitsmarkt einen sehr guten Stand – und sie gewinnen weiter an Bedeutung. Allein in den letzten drei Jahren ist die Anzahl der Controller um 10.000 gewachsen. Automatisierung und Digitalisierung bieten ihnen spannende und verantwortungsvolle Aufgaben. »Zum Betätigungsfeld von Controllern zählt die Rationalitätssicherung von Digitalisierungsmaßnahmen, das professionelle Handling fehlerfreier, granularer Roh- und Stammdaten in zunehmend integrierten Systemlandschaften und die Entwicklung konsistenter Daten- und Analysemodelle«, erklärt Hans-Peter Sander, Leiter PR des Internationalen Controller Vereins. Das alles vollziehe sich in zunehmend volatilen Märkten und unter wachsendem Zeitdruck. Wer die Geschäftsprozesse seines Unternehmens verstanden und verinnerlicht hat, kann den Herausforderungen besonders gut begegnen.


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