Jobreport 2013: Was der Arbeitsmarkt bringt

Was die nächsten Jahre dem Arbeitsmarkt bringen, kann niemand ganz genau sagen. Aber ein paar Prognosen gehen immer

Neues Jahr, alte Sorgen. Jedes Jahr an Silvester schauen wir wieder in den vom Feuerwerk erleuchteten Himmel und fragen uns, was wohl auf uns zukommen wird. Dabei denkt wohl ein Großteil von uns darüber nach, wo es beruflich hingehen soll und ob der Arbeitsmarkt überhaupt dafür geschaffen ist, dort auch anzukommen. Vor allem im Hinblick auf die Eurokrise und mit Blick auf unsere europäischen Nachbarn, bei denen zum Teil sehr hohe Arbeitslosenquoten herrschen: Im Sommer 2012 waren 25,8 Prozent der Spanier arbeitslos, dicht gefolgt von den Griechen mit einer Arbeitslosenquote von 25,1 Prozent. Dagegen standen wir richtig gut da – ›nur‹ 5,4 Prozent der Bevölkerung hatten keinen Job. Akademiker sollten laut diverser Zeitungsberichte keine Angst haben – seit Jahren pendelt sich hier die Arbeitslosenquote zwischen zwei und drei Prozent ein. Wird sich daran im nächsten Jahr aber etwas ändern, weil Schlagworte wie ›Rezession‹ und ›Eurokrise‹ momentan omnipräsent sind. Hier lohnt sich ein kleiner Blick in die Vergangenheit. Denn obwohl die Wirtschaft in den letzten Jahren schwer gebeutelt wurde, konnte Deutschland der Krise trotzen.

Hohe Nachfrage bleibt bestehen

»Dass wir die Wirtschaftskrise besser überstanden haben als fast alle anderen Staaten in Europa, ist einem insgesamt robusten Dienstleistungssektor, aber auch einer insgesamt global sehr wettbewerbsfähigen und erfolgreichen Exportindustrie zu verdanken. Beides hat dazu beigetragen, dass auch die Nachfrage nach Arbeitskräften, insbesondere auch nach Höherqualifizierten, auf einem sehr hohen Niveau bleibt«, erklärt Dr. Werner Eichhorst vom Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA) und fügt an, dass diese Nachfrage – trotz gewisser Einbußen – auf einem sehr hohen Niveau bleiben wird.

Dr. Gerd Zika, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsbereich A2 ›Prognosen und Strukturanalysen‹ am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) ergänzt, dass vor allem auch strukturelle Ursachen für den stabilen Arbeitsmarkt verantwortlich sind: »In erster Linie können die Hartz-Reformen und die langjährige moderate Lohnpolitik genannt werden. Diese führten – um den Preis eines größeren Niedriglohnbereichs und mehr Beschäftigungsunsicherheit – zu einem Anstieg der Suchintensität der Arbeitslosen einerseits sowie der Arbeitsnachfrage der Unternehmen andererseits.«

Diese Arbeitsnachfrage wird auch weiter bestehen. Vor allem hinsichtlich eines steten Umstrukturierungsprozesses aller Sektoren. Besonders markant ist dabei, dass es weiterhin einen starken Bedarf im Bereich pflegerischer und medizinischer Dienstleistungen geben wird: »Hier ist ganz klar ein demografischer Trend vorhanden. Weiter sehe ich eine hohe Nachfrage nach sehr qualifizierten Menschen im Bereich der ingenieurtechnischen und unternehmensbezogenen Dienstleistungen. Sprich Bereiche, in denen der technische Fortschritt und Globalisierung sowie teilweise auch die Energiewende nochmals Impulse setzen«, sagt Eichhorst vom IZA.

Boombranchen: Industrie, Beratungs- und Finanzdienstleistungen

Weitere Branchen, die 2013 gut laufen oder gar boomen werden, sind nach Sicht Eichhorsts die Industrie, Innovation, Technologie, Beratungs- und Finanzdienstleistungen. Währenddessen sieht Zika vom IAB Einbußen in den Informations- und Kommunikationsbereichen sowie eine Stagnation der Beschäftigungszahlen in der Erbringung von Finanz- und Versicherungsdienstleistungen, da hier die Konsolidierungsmaßnahmen noch nicht abgeschlossen sind. Dahingehend sieht er nennenswerte Beschäftigungsgewinne nur in den Sektoren Unternehmensdienstleister, Öffentliche Dienstleister, Erziehung und Gesundheit: »Hier spiegeln sich die wachsende Bedeutung der Kinderbetreuung und die Alterung der Gesellschaft wider, durch die zum einen die Nachfrage nach Gesundheitsleistungen massiv ansteigt und zum anderen auch die Beschäftigung in Senioreneinrichtungen und bei ambulanten Pflegediensten expandieren wird.«

Bezogen auf die Tatsache, dass wir immer älter werden, aber immer weniger Kinder auf die Welt kommen, wird klar, dass wir bereits jetzt auf die Expertise ausländischer Fachkräfte angewiesen sind. Eichhorst sieht eine erhebliche Nachfrage nach Informatikern und Ingenieuren, die zunehmend aus Osteuropa, aber auch aus Südeuropa, wo nicht nur die Jugendarbeitslosigkeit, sondern auch die unter Akademikern relativ hoch ist, kommen.

Gute Chancen für Geistes- und Sozialwissenschaftler

Von dem Mangeln an Fachkräften profitieren aber auch die Geistes- und Sozialwissenschaftler: »Durch die insgesamt angespannte Lage auf dem Arbeitsmarkt im akademischen Bereich hat diese Gruppe durchaus Chancen. Die Unternehmen suchen händeringend Fachkräfte und werden über kurz oder lang nicht mehr umhin können, Menschen als potenzielle Arbeitgeber in Betracht zu ziehen, die einen weniger stromlinienförmigen Lebenslauf aufweisen, und fachlich ein wenig weit weg sind. Gleichzeitig muss man aber dazu sagen, dass Geistes- und Sozialwissenschaftler auch in der Vergangenheit sehr flexibel und kompromissbereit gewesen sind und ihren Weg gemacht haben. Das sind nicht die typischen Arbeitslosen«, erklärt der Arbeitsmarktdirektor vom IZA.

Jedoch muss den Absolventen der schöngeistigen Fächer bewusst sein, dass sie nicht von Beginn an mit hohen Einstiegsgehältern wie Ingenieure oder IT-Spezialisten rechnen können. Aber ihre Schlüsselkompetenzen im Sinne der Steuerung von Management von Sozialkompetenzen und Überblickswissen eröffnet ihnen auf jeden Fall viele Möglichkeiten.

Dies bedeutet aber nicht, dass die Gruppe der Geisteswissenschaftler ab sofort ein Jobparadies erleben wird, in dem jeder bereits vor dem Abschluss abgeworben wird. Es kommt weiterhin darauf an, sich ein Netzwerk aufzubauen und Praktika zu machen. ›Um dann von einem befristeten Arbeitsvertrag in den nächsten zu rutschen‹ – könnte sich der eine oder andere jetzt denken.

Gute Aussichten auf dem Arbeitsmarkt

Dr. Gerd Zika vom IAB kann hier gute Nachrichten verkünden: »Langfristig wird sich der Arbeitsmarkt aufgrund des demografischen Wandels hin zu einem Arbeitnehmer- Arbeitsmarkt entwickeln. Das heißt, dass auch die Anspruchshaltung der Unternehmen etwas zurückgeht und sich die Situation wieder ›normalisieren‹ wird.« Dr. Eichhorst kann diese frohe Kunde nur bestätigen: »Wenn es darauf ankommt, Fachkräfte und junge Menschen an sich zu binden, werden Arbeitgeber gut beraten sein, auf den exzessiven Einsatz von Arbeitsverträgen zu verzichten. Es liegt nahe, den jüngeren Fachkräften eine klare Beschäftigungsperspektive zu bieten, weil sie sonst woanders hingehen.«

Er rechnet bei den umworbenen Berufen mit einem höheren Entlohnungsniveau, Beschäftigungsstabilität und familienfreundlicheren Arbeitszeiten. Ansonsten, fügt er an, seien die Arbeitgeber schon bestrebt, möglichst viele Risiken auf den Arbeitnehmer abzuwälzen. Heißt: Wenn sie eine hohe Zahl an Bewerbern haben, werden die Unternehmen keine großartig guten Bedingungen bieten wollen.

Selbst wenn diese geboten werden sollten, kann Deutschland noch einiges von anderen Ländern lernen, wie beispielsweise im Bereich Familienfreundlichkeit, Erwerbsintegration von Frauen und in der Weiterbildung der Angestellten. Um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken, wäre eine aktivere Zuwanderungspolitik durchaus von Vorteil, konstatiert Eichhorst. Aktiv sollten wir alle sein. Aber in gewissen Augenblicken darf man auch mal einfach nur dastehen, in den Himmel schauen und sich darauf freuen, was kommt.


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