So steht es um den Arbeitsmarkt für Akademiker

Prof. Dr. Joachim Möller, Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung, verrät, warum sich Akademiker entspannen können

Prof. Dr. Joachim Möller vom IAB

Herr Prof. Möller, werden in Deutschland zu viele Akademiker ausgebildet?

Nein. Hierzulande hat die Rede von der Überakademisierung viel von einer Phantom-Diskussion. Unser Institut hat gerade neue Zahlen herausgebracht, die zeigen, dass die Arbeitslosenquote von Universitäts- und Hochschulabsolventen so niedrig ist wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Hochqualifizierte sind neben Meistern und Technikern die Gewinner am Arbeitsmarkt.

Es ist sogar von Vollbeschäftigung auf dem Akademiker-Arbeitsmarkt die Rede.

Auch wenn selbst Arbeitsmarktexperten sich nicht ganz einig sind, wo Vollbeschäftigung genau beginnt: Die Akademiker-Arbeitslosenquote lag 2016 bei 2,3 Prozent. Viel weiter runter kann es kaum gehen. Denn gewisse Bewerbungszeiten oder auch Wechsel, die nicht ganz reibungslos laufen, wird es immer geben. Natürlich ist die Situation am Arbeitsmarkt für die einzelnen Fächergruppen unterschiedlich. Das wirkt sich aber eher in der Bezahlung und in den Karrierechancen aus – und nicht so sehr in der Frage, ob sich überhaupt ein Job finden lässt. Wer flexibel ist, hat auch mit einem Nischenstudium langfristig gute Chancen unterzukommen. Akademiker-Arbeitslosigkeit ist meist Einstiegsarbeitslosigkeit, das heißt, sie tritt vor allem in den ersten Berufsjahren auf.

Wie lange brauchen Hochschulabsolventen denn, bis sie ihren ersten Job finden?

Wir haben gerade die Absolventen der Uni Regensburg genauer untersucht. Die Suchzeiten bis zum ersten Job liegen im Schnitt über alle Fächergruppen hinweg bei einigen wenigen Monaten. Das heißt aber auch nicht, dass es im Einzelfall nicht durchaus länger dauern kann. Günstig wirkt sich aus, wenn die Absolventen schon vor oder während des Studiums Arbeitserfahrungen gesammelt haben.

Auch das Gehalt spielt eine wichtige Rolle. Lohnt sich ein Studium aus finanzieller Sicht?

Wir haben die durchschnittlichen Verdienste von Personen mit unterschiedlicher Qualifikation über ein ganzes Erwerbsleben, vom Berufseinstieg bis zur Rente, berechnet. Da kommen hohe Beträge zusammen. Hochschulabsolventen verdienen im Laufe ihres Lebens durchschnittlich fast 2,4 Millionen – das sind rund 850.000 Euro mehr als mit einer Berufsausbildung und 1,1 Millionen mehr als ohne Berufsausbildung. Dabei sind die Studienzeiten, in denen Studierende in der Regel nichts verdienen, schon berücksichtigt. Die Botschaft ist also klar: Im Schnitt zahlt sich ein Studium auf jeden Fall aus.

Gibt es dennoch Einschränkungen?

Ja, je nach gewähltem Beruf unterscheiden sich die Lebensentgelte deutlich. Wer im Bereich Tourismus und Gaststätten tätig ist, verdient meistens bedeutend weniger als etwa im IT-Sektor, im Maschinenbau oder in der Medizin. In einzelnen Berufen, wie in der IT-Branche, können Beschäftigte mit einer Berufsausbildung deshalb sogar höhere Bruttoentgelte erreichen als Hochschulabsolventen in anderen Bereichen. Trotzdem bleibt es bei der Faustregel: Je höher das Anforderungsniveau in einer Berufsgruppe, desto höher auch der Verdienst im Lebensverlauf.

Hochschulabsolventen steigen häufig mit befristeten Arbeitsverträgen ein. Zieht sich das durch das spätere Berufsleben?

Befristungen sind zu Beginn des Erwerbslebens häufiger als in späteren Jahren. Auch zwischen Berufen gibt es deutliche Unterschiede: Im Bereich Geisteswissenschaften, Kultur und Gestaltung liegt der durchschnittliche Anteil an befristeten Arbeitsverträgen mit mehr als zehn Prozent beispielsweise doppelt so hoch wie im Bereich Naturwissenschaften, Geografie und Informatik. Besonders häufig wird in der Wissenschaft befristet: Dort liegt die Quote bei über 40 Prozent. In diesem Bereich dauert es meistens auch länger, bis Angestellte endlich eine unbefristete Stelle bekommen.

In welchem Ausmaß gehen akademische Berufseinsteiger Jobs nach, für die sie überqualifiziert sind?

Das hängt stark von der Fächergruppe und der Abschlussart ab. Ganz grob: Absolventen der Sprach- und Kulturwissenschaften geben am häufigsten an, im ersten Job Aufgaben zu erledigen, für die sie eigentlich überqualifiziert sind. Bei den MINT-Fächern ist das viel seltener der Fall. Die Wirtschafts- und Sozialwissenschaften liegen dabei irgendwo in der Mitte. Eine ähnliche Reihenfolge ergibt sich auch bei der Zufriedenheit im ersten Beschäftigungsverhältnis nach dem Ende des Studiums.

Wie wirken sich die aktuellen Themen Digitalisierung und Klimaschutz auf den Arbeitsmarkt für Akademiker und die einzelnen Fächergruppen aus?

Ohne Glaskugel lässt sich das nicht beantworten. Prognosen für einzelne Bereiche haben sich nicht selten nach einigen Jahren als falsch herausgestellt. Die Welt ist zu komplex, als dass sich das hinreichend sicher voraussagen ließe. Neben den technischen Entwicklungen spielen politische Veränderungen, ökonomische Krisen, Migrationsbewegungen und noch viele weitere Faktoren eine Rolle. Wir haben aber einige Untersuchungsergebnisse dazu, wie sich die Digitalisierung voraussichtlich auf den Arbeitsmarkt insgesamt auswirken wird.

Das klingt spannend. Was haben Sie herausgefunden?

Dass die Digitalisierung nicht der große Jobkiller, sondern der große Jobveränderer sein wird. Tätigkeiten in Berufen werden sich zum Teil massiv wandeln. Wir werden in der Zukunft schlichtweg anders arbeiten. Es werden auch viele Jobs wegfallen, aber in ähnlicher Größenordnung werden neue entstehen. Zunehmen werden alle Tätigkeiten, die der Mensch besser ausüben kann als der Computer, der Automat oder der Roboter. Und das Umgekehrte gilt in der Regel auch.

Wo ist der Mensch im Vorteil?

Überall dort, wo es um Kreativität, neue Ideen und Entscheidungen geht, aber auch um soziale Kompetenzen und Empathie. Routinetätigkeiten, die standardisierbar sind, können dagegen leicht von Computern oder Robotern übernommen werden.

Was raten Sie Studierenden, die ihrer beruflichen Zukunft dennoch besorgt entgegenblicken?

Don’t worry. Die Zeiten sind glücklicherweise nicht so, dass sich Studenten dramatische Sorgen über die Zukunft am Arbeitsmarkt machen müssen. Berechtigten Grund für Zukunftsängste sehe ich eher in anderen Bereichen, wie beispielsweise beim Klimaschutz, oder in den radikaler werdenden politischen Verhält­nissen.


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