Foto: Appolinary Kalashnikova/Unsplash

Die Energiewende und der Arbeitsmarkt

Wachstumsmarkt? Es geht langsam, sehr langsam voran mit der Energiewende – nicht ohne Folgen für den Arbeitsmarkt

»Der Umstieg auf erneuerbare Energien und der Rückbau von Atomkraftwerken vernichten Arbeitsplätze.« Klar, diese Aussage ist polemisch formuliert und klingt nach ganz viel Schwarzmalerei. Einen Funken Wahrheit beinhaltet sie dennoch. Seit dem Atomausstieg im Jahr 2011 und der gleichzeitigen Stilllegung von acht Atomkraftwerken verschwanden auf einen Schlag zahlreiche Arbeitsplätze in der Kernindustrie. Und noch immer bangen tausende Mitarbeiter um ihre Arbeitsplätze. Im gleichen Jahr geriet die deutsche Photovoltaikindustrie ins Schlingern. Viele Unternehmen wussten sich angesichts der übermächtigen Konkurrenz aus Fernost nicht selbst zu helfen und wurden entweder von ihr übernommen oder insolvent. Auf der anderen Seite schaffen Smart Grids, der Rückbau von Atomkraftwerken oder der Aufbau von Windkraftanlagen neue Berufsfelder und Jobs. Licht und Schatten im Zeichen der Energiewende also. Doch was überwiegt?

Energiewende führt zum Arbeitsplatzabbau

Beginnen wir mit den schlechten Nachrichten. Die hat Professor Manuel Frondel, Leiter des Kompetenzbereichs ›Umwelt und Ressourcen‹ am Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI):

»Bedingt durch die Schließung konventioneller Kraftwerke, insbesondere der Atomkraftwerke, und die Verdrängung der konventionellen Stromerzeugung durch alternative Technologien kommt es zu einem massiven Arbeitsplatzabbau in der traditionellen Stromwirtschaft. Die Ankündigungen der großen Energieversorger, tausende von Arbeitsplätzen abzubauen, resultieren aus diesen Entwicklungen.«


Dabei alleine bleibt es jedoch nicht. Noch viel verheerender für die Beschäftigungszahlen im Energiesektor ist die Krise der deutschen Photovoltaikindustrie, die vor allem in den letzten beiden Jahren gegenüber der asiatischen Konkurrenz und angesichts weltweiter Überkapazitäten in die Knie gehen musste.

»Betroffen«, erklärt Professor Frondel, »war auch der einstige Weltmarktführer Q-Cells. Damit einher ging ein massiver Rückgang an Arbeitsplätzen, welche sich als wenig nachhaltig erwiesen haben. Es muss befürchtet werden, dass diese Branche auch in den kommenden Jahren weiter an Bedeutung verlieren wird und die Beschäftigung weiter zurückgeht.«

Energiewende: Sektor erneuerbare Energien wächst

Gleichzeitig, so ließe sich nun argumentieren, wächst aber doch der Sektor der erneuerbaren Energien. Kann der Rückgang der Arbeitsplätze im konventionellen Bereich dadurch nicht aufgefangen werden? Professor Manuel Frondel hält das für sehr fraglich.

»Diese Skepsis«, erläutert er, »resultiert aus der Befürchtung, dass viele dieser Arbeitsplätze wegfallen könnten, sobald die Subventionierung der erneuerbaren Energien eingeschränkt wird. Und damit ist zu rechnen, wenn die Politik die Kostenbelastung der Verbraucher künftig eindämmen möchte. Prognosen sind in diesem Fall also besonders schwierig, weil hier der Politik eine sehr entscheidende Rolle zukommt.«


Dennoch – ganz so schwarz darf die Lage nicht gesehen werden. Denn rück- und abbauen kann sich so ein Atomkraftwerk schließlich nicht von allein – mit Politik hat das weniger zu tun. Denn dazu braucht es Arbeitskräfte. Die sind bei den großen Energieversorgern zwar aus Vor-Energiewende-Zeiten noch vorhanden, dennoch dauert der Rückbau eines einzigen Kraftwerks bis zu zehn Jahre. Heißt: Der Bedarf an Fachkräften bleibt bestehen. Das sieht auch Dr. Hubertus Bardt, Leiter des Kompetenzfelds Umwelt, Energie, Ressourcen am Institut der deutschen Wirtschaft in Köln, so.

Er bestätigt zwar, dass die Entstehung von Arbeitsplätzen im Bereich erneuerbare Energien durch die negativen Ereignisse der Solarindustrie absorbiert wurde, räumt aber ein, dass »vor Jahren noch niemand daran arbeiten musste, Windräder im Meer zu installieren oder Kernkraftwerke abzubauen. Darin stecken viel neues Know-how und immer neue technische Herausforderungen für die Beschäftigten der Energiewirtschaft«.
 

Begünstigt wird diese Entwicklung mit Sicherheit vom steigenden Anteil, den erneuerbare Energien am Stromverbrauch besitzen: Er ist mittlerweile schon auf mehr als ein Viertel gestiegen. »Derzeit«, schildert Dr.-Ing. Michael Schanz, Referent des Vorstands, Sprecher für Ingenieurstudium und Ingenieurberuf und Arbeitsmarktexperte beim Verband der Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik (VDE), »haben wir bereits über eine Million Photovoltaikanlagen, über 20.000 Windräder und mehr als 7.000 Biogasanlagen am deutschen Stromnetz angeschlossen und es sollen noch viel mehr werden.«

Energiewende schafft Arbeitsplätze in de Energieindustrie

Gestiegen sind damit auch die Beschäftigtenzahlen – zumindest auf einigen Feldern der Energieindustrie. Im Brenn- und Kraftstoffsektor, speziell im Bereich Anlagen und Bereitstellung von Biomasse, sind die Zahlen zwischen 2011 und 2012 um 4.500 auf 128.900 Beschäftigte gestiegen. Auch die Offshore-Windenergieindustrie zählt zu den Gewinnern der Energiewende. Während im letzten Jahr noch rund 18.000 Beschäftigte gezählt wurden, prognostiziert die Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers einen Anstieg um mehr als 6.000 Beschäftigte bis 2016 und um weitere 9.000 Beschäftigte bis 2021. Die meisten Arbeitskräfte würden demnach in Anlagenbau und -montage sowie in der Netzanbindung benötigt.

Unterm Strich bedeutet das also: Während zwar an vielen Stellen Arbeitsplätze abgebaut werden müssen, befinden sich andere Sektoren innerhalb der Energiewirtschaft auf dem Vormarsch und müssen auf- und ausgebaut werden. Das geht natürlich nur mit gut ausgebildeten Fachkräften. Professor Manuel Frondel vom RWI rät Uniabsolventen, die eine Tätigkeit im Energiesektor anpeilen, von einer extremen Spezialisierung auf bestimme Technologien allerdings entschieden ab und verweist dabei auf den Niedergang der Photovoltaikindustrie. Die Branche befindet sich eben in einem stetigen Wandel.

»Früher«, so Dr. Hubertus Bardt vom Institut der deutschen Wirtschaft, »konnte man in die Branche einsteigen und wusste, was die nächsten Jahrzehnte passieren wird. Heute gibt es immer neue Veränderungen. Berufseinsteiger finden ein dynamisches Umfeld voller Fragen, auf die neue Antworten gesucht werden.«

Dr.-Ing. Michael Schanz ist sich jedoch sicher, dass für den Ausbau erneuerbarer Energien und vor allem den Aufbau eines Smart Grid mehr Personalbedarf besteht als Stellen verschwinden. Er geht davon aus, dass nahezu jedes Gebiet der Elektro- und Informationstechnik vom Ausbau erneuerbarer Energien betroffen sein wird: von der Energie- über die Mess- und Regelungstechnik bis hin zur Informationstechnik und Mikroelektonik.

Auch Softwareentwicklung und Systeme werden zukünftig wichtige Rollen spielen. Vor allem Ingenieure in den Bereichen Forschung, Entwicklung, Planung, Service, Vertrieb und Instandhaltung seien daher begehrte Fachleute. Der Einschätzung des Arbeitsmarktexperten nach wird die Elektro- und Informationstechnik ganz besonders von der Automatisierung der Stromverteilnetze im Hinblick auf Versorgungssicherheit und Energieeffizienz profitieren:

»Wo automatisiert wird, wird auch gemessen und geregelt«, so Schanz. »Dies muss massiv von der Informationstechnik unterstützt werden. Hinzu kommt der Aufbau einer wirksamen Infrastruktur von Energiespeichern, wobei es noch Forschungsbedarf an entsprechenden Technologien gibt.«

Schließlich gilt es, Energie, die beispielsweise in Offshore-Windparks in der Nordsee gewonnen wird, zum Verbraucher zu leiten, der nicht selten mehrere Hundert Kilometer entfernt wohnt. »All dies«, fasst Schanz zusammen, »muss geplant, entwickelt, aufgebaut, betrieben, instandgehalten und weiter ausgebaut werden.« Und dafür braucht es sie: gut ausgebildete Fachleute. 


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