Foto: Alex Kotliarskyi on Unsplash

Flüchtlingswelle auf dem Arbeitsmarkt?

Brain-Drain, Brain-Gain, Konkurrenzkampf? Die Zuwanderung nach Deutschland beeinflusst den Arbeitsmarkt in vielen Aspekten. Wir haben Prof. Dr. Herbert Brücker, Experte für die Auswirkung von Migration auf den deutschen Arbeitsmarkt, befragt, was der aktuelle Flüchtlingsstrom für den Akademikerarbeitsmarkt bedeutet.

Herr Prof. Dr. Brücker, woran forschen Sie aktuell?

Das wichtigste Projekt ist derzeit der Aufbau einer Flüchtlingsbefragung mit etwa 2.000 Flüchtlingen in Deutschland, die repräsentative Aussagen über diese Population ermöglichen soll. Darüber hinaus führe ich eine allgemeine Migrantenbefragung in Deutschland durch, erforsche die Arbeitsmarktintegration von Migranten, die Auswirkungen von Migration auf den Arbeitsmarkt und den Sozialstaat sowie die fiskalischen Effekte. Wir wollen die Determinanten der Migration dingfest machen und aufzeigen, warum Menschen ausgerechnet nach Deutschland und nicht etwa in ein anderes Land kommen. Dazu gehören Umlenkungsprozesse genauso wie ganz aktuell auch die Flüchtlingsmigration.

In welcher Sprache führen Sie die Migrantenbefragungen durch?

In den entsprechenden Muttersprachen, wir setzen Dolmetscher ein. Das ist relativ übersichtlich, da die meisten Flüchtlinge aus einem relativ kleinen Kreis an Herkunftsländern wie Syrien, dem Irak, Eritrea und Afghanistan oder den Ländern des Westbalkans kommen, so dass wir davon ausgehen, dass wir mit zehn bis 15 Sprachen auskommen.

Welchen thematischen Schwerpunkt hat die Befragung?

Wir werden über 200 Fragen stellen. Die Idee der Befragung ist, eine Infrastruktur aufzubauen, die von der Forschung allgemein genutzt werden kann. Dabei fragen wir die gesamte Biografie der Menschen ab: In welchen Positionen haben die Menschen bisher gearbeitet? Welche Bildungsabschlüsse haben sie absolviert? In welchen Ländern haben sie bereits gelebt? Zudem fragen wir alles mögliche ab, was mit dem Arbeitsmarktzugang zu tun hat, wie sie Jobs finden und ähnliches. Natürlich erkundigen wir uns auch nach den persönlichen Netzwerken der Menschen, nach Partnerschaften, nach Werten und Einstellungen, der Religionszugehörigkeit und religiösen Praktiken. Bewusst ein breites Spektrum, damit man sowohl die gesellschaftliche Integration und Teilhabe als auch die Integration in den Arbeitsmarkt und das Bildungssystem abbilden kann.

Inwiefern steht Deutschland – Stichwort Brain-Drain – im Wettbewerb um die klugen Köpfe im Migrationsstrom?

Ich würde das gerne trennen, Flüchtlinge und den Brain-Drain. Es gibt für Studierende und Absolventen global bestimmte Anziehungspunkte. Deutschland stand hier bisher im internationalen Vergleich sehr schlecht da. In Deutschland leben beispielsweise etwa 64 Prozent der emigrierten Türken, die in der OECD leben, aber nur 16 Prozent der emigrierten türkischen Hochschulabsolventen. Daran kann man sehen, dass die gebildeten Schichten aus der Türkei überwiegend in andere Länder gehen.

Woran liegt dieses Ungleichgewicht?

Das hängt stark mit der Tradition unserer Einwanderungspolitik zusammen. Wir haben damals bei der Gastarbeiteranwerbung gezielt Menschen aus bildungsfernen Schichten angeworben. Das hat sich dann weiter durch Familiennachzug sowie durch humanitäre Migration verfestigt. Auf der anderen Seite haben wir den Arbeitsmarkt für qualifizierte Zuwanderer eher geschlossen gehalten. Das verändert sich jetzt: Wir beobachten auch im Zuge der starken Zuwanderung aus Osteuropa, dass sehr viele Hochschulabsolventen zu uns kommen. Gegenwärtig lag der Anteil an Hochschulabsolventen unter den Zuwanderern bei etwa 38 Prozent, im Vergleich zu 26 Prozent in der deutschen Bevölkerung. In den letzten zehn Jahren hat sich die Struktur der Neuzuwanderer demnach erheblich gedreht. Bisher ist das innerhalb der ausländischen Bevölkerung noch nicht so stark sichtbar, da es lange Zeit braucht, bis sich dieser Strukturwandel dort abzeichnet. Insgesamt beobachten wir jedoch gerade bei den Neuzuwanderern einen gewaltigen Wechsel der Qualifikationsstruktur. Durch die starke Flüchtlingsmigration ändert sich das natürlich wieder. Hier stehen wir vor der Situation, dass die Menschen überwiegend nicht besonders gut qualifiziert sind. Die schulische Bildung ist meist nicht das Problem, sondern vielmehr die berufliche Ausbildung. Häufig liegt das auch daran, dass die Menschen ihre Bildungsbiografien unterbrechen müssen. Aber im Durchschnitt sind die Flüchtlinge deutlich schlechter qualifiziert als der Durchschnitt der Neuzuwanderer, die wir sonst haben. Deshalb geht es bei den Flüchtlingen nicht um einen Brain-Drain oder Brain-Gain, sondern um humanitäre Migration, die sich auch durch eine ganz andere Sozialstruktur als die übrige Migration auszeichnet.

Wie wirkt sich die aktuelle Flüchtlingswelle auf den akademischen Arbeitsmarkt aus?

In Deutschland gibt es ja nicht nur die Zuwanderung von Flüchtlingen. Über die Hälfte der Migranten, die aktuell nach Deutschland kommt, setzt sich noch aus anderer Migration zusammen. Derzeit steigen sowohl das Angebot von Hochschulabsolventen auf dem Arbeitsmarkt, als auch die Anzahl an ausländischen Studierenden. Auf der anderen Seite steigt jedoch auch das Arbeitsangebot von Geringqualifizierten. Ich gehe davon aus, dass etwa zehn bis 20 Prozent der Flüchtlinge Akademiker sind. Von daher gibt es sicherlich das hochqualifizierte Ende der Flüchtlingsmigration, aber es ist im Vergleich mit anderen Migrantengruppen doch ein vergleichsweise kleiner Anteil.

Müssen deutsche Studierende oder Absolventen Angst haben, auf dem Arbeitsmarkt in Konkurrenz zu Migranten oder ausländischen Studenten zustehen?

Da muss man sich keine großen Sorgen machen. Ausländer und Inländer konkurrieren nur bedingt, da Ausländer nun mal erhebliche Nachteile gegenüber Inländern bei der Bewerbung um Stellen haben. Der Wettbewerb ist nicht so stark, wie ich ihn mir volkswirtschaftlich wünschen würde. Hauptsächlich geht das zu Lasten der Migranten: Der Anteil an Hochschulabsolventen unter ihnen, der unter dem Qualifikationsniveau beschäftigt ist, ist relativ hoch. Die größeren Sorgen mache ich mir jedoch um die Integration von Migranten. Durch Verdrängungseffekte gewinnen deutsche Arbeitskräfte – und insbesondere die deutschen Hochschulabsolventen – durch Migration.

Weshalb profitieren deutsche Akademiker von der Migration?

Einerseits, weil sie komplementäre Fähigkeiten haben. Und andererseits auch, weil viele Migranten nicht in hochqualifizierten Jobs arbeiten. Steigt die Produktion durch die Zunahme von Arbeitskraft generell an, dann steigt gleichzeitig auch die Nachfrage nach anderen Arbeitskräften. In bestimmten Teilen des Arbeitsmarktes wird der Wettbewerb zunehmen, während sich in anderen Teilen des Arbeitsmarktes die Nachfrage erhöht. Für die deutschen Hochschulabsolventen heißt das mehr Arbeitsplätze, für sie überwiegt der Nachfrageeffekt. Somit profitieren sie in Form von geringerer Arbeitslosigkeit, höheren Gehältern und den Gewinnen, die durch den Konsum der Migranten entstehen. Denn bestimmte Güter und Dienstleistungen werden durch Migration billiger, wie zum Beispiel Restaurantbesuche, Haushaltsdienstleistungen und Ähnliches.

Wie gut sind Ihrer Meinung nach deutsche Unternehmen auf die Ankunft von Fachkräften aus anderen Ländern vorbereitet?

Wir wissen aus unseren Befragungen, dass viele Unternehmen über den Fachkräftemangel klagen. Allerdings fallen gerade die internationalen Rekrutierungsanstrengungen doch noch relativ bescheiden aus. Im Zweifel stellen die Unternehmen eben doch lieber einen deutschen als einen ausländischen Bewerber ein – denn das bringt gewisse Risiken mit sich, einen deutschen Bewerber einzustellen erzeugt geringere Schwierigkeiten. Insofern sind die Unternehmen da noch nicht so aufgestellt, wie ich mir das wünschen würde. Sicher handeln die meisten aus sehr rationalen Motiven heraus. Trotzdem könnte man mehr tun: Im Ausland aktiv rekrutieren und sich vor allen Dingen besser über ausländische Bildungssysteme und Universitäten informieren. Es reicht nicht, zu wissen, wie die Technischen Hochschulen in Deutschland, wie Darmstadt oder Aachen, aufgestellt sind. Man sollte auch die Technischen Hochschulen in unseren Nachbarländern, wie zum Beispiel die in Krakau, im Blick haben. Nach wie vor kommen die meisten Zuwanderer aus der Europäischen Union. Da ist es nur von Vorteil, wenn man eine Ahnung von deren Bildungs- und Hochschulstruktur hat, und wie man dort Arbeitskräfte anwirbt. Ich glaube, da können die Unternehmen noch mehr tun.

Wie wirkt es sich aus, dass die osteuropäischen Länder so viele hochqualifizierte Arbeitskräfte an den deutschen Arbeitsmarkt verlieren?

Die Migrationsstruktur ist gemischt: Die Länder in Osteuropa verlieren sowohl Hochschulabsolventen als auch mittel- oder geringqualifizierte Menschen. Die moderne Forschung beurteilt das Problem des Brain-Drains ambivalent. Wir wissen, dass allein die Option zur Migration dazu führt, dass mehr Menschen in diesen Ländern in Bildung investieren, da die Erträge von Bildung und Ausbildung höher sind. Es ist häufig ein Hochschulabschluss von Nöten, um überhaupt migrieren zu können. Das hat zur Folge, dass immer mehr Menschen in den Herkunftsländern in Bildung investieren – aber nicht alle diese Menschen migrieren dann. Viele kehren auch wieder in ihre Heimatländer zurück. So kann es passieren, dass am Ende der Anteil an Hochschulabsolventen an der Bevölkerung durch Migration relativ gesehen steigt und nicht sinkt.

Das heißt, die Migrationsoption ist ein Bildungsanreiz?

Ja, das ist ein ganz starker Bildungsanreiz. Wir beobachten zum Beispiel, dass sich seit Beginn der Transformation und der Öffnung der osteuropäischen Länder der Anteil der Hochschulabsolventen – das hat sicher auch noch andere Gründe – in der Bevölkerung verdoppelt hat. Wir beobachten eine ganz massive Bildungsexpansion. In der Empirie finden sich auch starke Belege dafür, dass gerade in den Schwellenländern, wenn die mittleren und höheren Einkommen zunehmen, die Migration mit unglaublich starken Bildungsinvestitionen einhergeht. Die meisten dieser Länder stehen in Hinblick auf ihre Humankapitalausgestaltung besser da, als wenn es diese Option der Migration nicht gäbe. Das ist also nicht nur theoretische Spielerei, sondern wir finden das in vielen Ländern empirisch bestätigt. Natürlich nicht in allen – für die ganz armen Länder gilt das nicht. Haiti beispielsweise verliert sein Potenzial an die USA, es gehört zu den Verlierern des Brain-Drains. Aber die Länder in der europäischen Nachbarschaft, gerade die neuen Mitgliedsstaaten in der EU, werden wahrscheinlich eher zu den Gewinnern gehören.

Welche Rolle schreiben Sie der deutschen Sprache in Bezug auf die Eingliederung und auch die Attraktivität des deutschen Standortes zu?

Für die Attraktivität natürlich eine geringe, da Deutsch in den meisten Ländern, abgesehen von Österreich und der Schweiz, nicht gesprochen wird. Auch als Fremdsprache wird Deutsch nicht besonders häufig erlernt. Das nimmt aktuell durch die günstige Wirtschaftslage ein bisschen zu, aber trotzdem ist unsere Landessprache keine der großen Weltsprachen. Insofern ist Deutsch ein Nachteil im Vergleich zu Englisch, Spanisch oder Französisch. Insgesamt ist die Bedeutung des Deutschen für die Migration sehr hoch: Menschen, die Deutsch lernen, erzielen sehr hohe Arbeitsmarkterträge. Die Beschäftigungsquoten eines Migranten, der sehr gut Deutsch spricht, sind knapp 20 Prozentpunkte höher im Vergleich zu jemanden, der sehr schlecht Deutsch spricht. Auch bei den Löhnen wird dieser Unterschied sichtbar, Menschen mit guten oder sehr guten Sprachkenntnisse erhalten etwa 20 Prozent höhere Gehälter. Sprache ist demnach neben der Anerkennung beruflicher Abschlüsse einer der wichtigsten Faktoren für die erfolgreiche Arbeitsmarktintegration.

Sehen Sie in puncto Sprachkenntnisse von Regierungsseite aus Nachholbedarf?

Ich denke, wir bräuchten vor allem mehr berufsbegleitende Sprachprogramme. Das Angebot für Menschen, die arbeitslos sind, ist schon recht gut, aber ich glaube, wir brauchen mehr und auch deutlich zielgenauere Programme für Menschen, die im Erwerbsleben stehen und dadurch auch nur wenig Zeit haben, aber trotzdem ihre Sprachfähigkeiten verbessern möchten. Man müsste vielleicht auch die Zusammenarbeit mit Unternehmen forcieren, dass diese mehr Zeit zur Verfügung stellen, sodass die Voraussetzungen geschaffen werden, um in Sprache investieren zu können.


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