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Gegen den Strom

Große Namen sind nicht alles: Drei Ingenieure berichten über ihre Erfahrungen im Mittelstand

Man bezeichnet ihn allgemein als den ›Matthäus-Effekt‹, angelehnt an das Matthäus-Evangelium aus der Bibel: Wer schon viel hat, dem wird auch viel gegeben. So ähnlich geht es wohl auch bei der Verteilung von Fachkräften in Deutschland zu: Die großen Namen der deutschen Unternehmenslandschaft haben gewaltigen Zulauf und werden branchenübergreifend als die attraktivsten Arbeitgeber wahrgenommen. Kurz vor ihrem Examen zählten etwa 40.000 angehende Ingenieure in einer Erhebung des trendence Instituts mehrheitlich die großen Player des Standorts ›made in Germany‹ zu den beliebtesten Arbeitgebern für ihresgleichen. Über 92 Prozent der Nennungen verteilten sich auf sieben Großkonzerne: Audi, BMW Group, Porsche, Daimler, Volkswagen, Siemens und Bosch. Und trotzdem, es gibt sie: Die jungen Ingenieure, die sich bewusst gegen den Sog der Übermächtigen wenden und sich für einen Karriereeinstieg im Mittelstand entschieden haben. Drei von ihnen stellen wir euch näher vor.

 

Name, Alter: Thomas Lügering, 34

Position, Unternehmen: Projektleiter im Schlüsselfertigbau von Gewerbeimmobilien, List Bau

 

Herr Lügering, worauf kam es Ihnen bei der Jobsuche nach dem Studium an?

Direkt nach dem Studium zählte für mich vor allem die Bekanntheit des Unternehmens. Ich habe aber schnell gemerkt, dass es noch einen viel entscheidenderen Punkt gibt: Ich kann nur dann erfolgreich in einem Unternehmen arbeiten, wenn ich mich mit diesem auch identifizieren kann. Bei List Bau werden Werte wie beispielsweise Verlässlichkeit oder Kontinuität nicht nur nach außen vermittelt, sondern auch tatsächlich gelebt. Außerdem sind mir ein angenehmes Arbeitsumfeld und ein nettes, kooperatives Kollegium sehr wichtig.

Welche Vorzüge erkennen Sie daran, als Ingenieur in einem klein- und mittelständischen Unternehmen (KMU) zu arbeiten?

Wir haben in unserem Unternehmen eine flache Hierarchie. Auch als Jungingenieur bekommt man da früh die Chance, Verantwortung zu übernehmen. Unsere Aufgaben sind zwar wie bei einem Konzern definiert, aber innerhalb des Aufgabenbereichs haben wir wiederum sehr viele Gestaltungsmöglichkeiten.

In Deutschland gibt es 3,7 Millionen KMUs, trotzdem wollen viele Absolventen präferiert zu Großkonzernen – was glauben Sie, ist der Grund dafür?

Der Bekanntheitsgrad ist an dieser Stelle meiner Meinung nach entscheidend. Man will nicht bei irgendeinem, sondern bei ›dem‹ Unternehmen, das am besten jeder kennt, arbeiten. Dabei sind vermutlich viele von dem Vorurteil abgeschreckt, dass die Arbeit in einem KMU weniger systematisch ist als in einem Industrieunternehmen. Da würde ich allen Absolventen gerne mit auf den Weg geben, dass weniger systematisch ja nicht mit unsystematisch gleichzusetzen ist. Ganz im Gegenteil: Uns Ingenieuren wird in einem ebenfalls definierten Rahmen Platz für Eigeninitiative und Verantwortung eingeräumt.

 

Name, Alter: Tim Protzmann, 26

Position, Unternehmen: Verfahrenstechniker im Start-up 3D-Printing, Heraeus

 

Herr Protzmann, wie verlief Ihr Berufseinstieg bei Heraeus?

Nach meinem Masterabschluss an der TU Darmstadt Mitte August 2014 habe ich zwei Wochen später direkt bei Heraeus im Bereich Additive Manufacturing begonnen, beim ausgegründeten Start-up 3D-Druck. Hier entwickeln wir hochschmelzende und 3D-drucktaugliche Pulver aus Edelmetallen und Edelmetalllegierungen. Heraeus war mir bereits durch ein Praktikum 2012 bekannt, deshalb habe ich mich schnell zurechtgefunden. Die ersten Wochen und Monate habe ich mich mit der Einrichtung unseres neuen Gebäudes und der Inbetriebnahme von Messmitteln und Anlagen befasst. Ich konnte von Anfang an über die Aufteilung und Einrichtung unseres Labors und der Produktionshalle mitbestimmen.

Inwiefern war Ihre Bewerbung als Ingenieur bei einem mittelständischen Unternehmen eine bewusste Entscheidung pro Mittelstand?

Ich habe mich bewusst für ein Familienunternehmen entschieden, um eigenverantwortlich an Projekten zu arbeiten, bei denen ich meine Ideen mit einbringen und eigene Erfahrungen sammeln kann. Auch die Sichtbarkeit des Projekts im Unternehmen war mir sehr wichtig. Diese ist in den Heraeus Forschungsprojekten, die zum Teil wie Start-ups organisiert sind, sehr groß.

Wie beurteilen Sie Ihre persönlichen Entwicklungsmöglichkeiten im Gegenzug zu einer Anstellung im Großkonzern?

Gerade in unseren Start-ups sind die Hierarchien eher flach, die Arbeitsprozesse kürzer und die damit verbundenen Kontrollstrukturen eher gering. Es bleibt mehr Freiraum und Kreativität als bei einem Großkonzern. Daher sehe ich die Entwicklungsmöglichkeiten sehr positiv.

Wo liegt der Unterschied zwischen der Arbeit im KMU und im Großkonzern?

In einem Konzern ist die Arbeit oft sehr speziell auf ein Problem ausgerichtet. Dabei wird dann eine Lösung entwickelt oder optimiert. Erst mit einigen Jahren Berufserfahrung hat man gute Möglichkeiten, Fach- oder Führungsverantwortung zu übernehmen. Ich denke, gerade die Arbeit in einem Start-up wie dem 3D-Druck ist viel abwechslungsreicher und bietet gute Entwicklungsmöglichkeiten. Auch sind die Identifikation mit dem Arbeitgeber und die gegenseitige Loyalität bei Familienunternehmen oft größer als bei börsennotierten Unternehmen.

 

Name, Alter: Holger Schubert, 46

Position, Unternehmen: seit 2001 Fachgruppenleiter HW Entwicklung bei MEN Mikro Elektronik

 

Wie verlief Ihr Berufseinstieg bei MEN Mikro Elektronik?

Ich kam damals direkt rein ins Tagesgeschäft und nach einem halben Jahr war ich Gruppenleiter. Vorher habe ich sechs Jahre bei Kodak (Großkonzern) gearbeitet, und davor habe ich Nachrichtentechnik an der Fachhochschule Nürnberg studiert.

Arbeiten Sie gerne und bewusst im Mittelstand?

Ich habe mich bewusst für den Mittelstand entschieden, weil ich dort nicht nur ein kleines Rädchen in einem unübersichtlichen Getriebe bin. Dort bekommt man hautnah mit, was aus den Produkten wird, die man entwickelt hat – wenn es gut läuft, und genauso, wenn etwas schiefgeht. Insgesamt kann man mehr bewegen und beeinflussen und ist nicht so sehr in vorgegebenen Abläufen gefangen. Alle wichtigen Entscheidungen werden hier vor Ort getroffen und die Entscheider sind direkt ansprechbar. Das bedeutet auch, dass man keinen strategischen Entscheidungen aus irgendwelchen Konzernzentralen unterworfen ist.

»Mehr Gehalt und eine größere Sicherheit des Arbeitsplatzes sind die Vorteile von Großkonzernen« – Was denken Sie über diese Klischees?

Das ist Quatsch. Gehalt ist Verhandlungssache, das geht in einer kleineren Firma wahrscheinlich einfacher als im Konzern. Wenn die Zentrale beschließt, die Abteilung nach Asien zu verlagern oder wenn Personal abgebaut werden muss, damit der Aktienkurs steigt, ist der Arbeitsplatz auch nicht sicher.


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