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High Potentials: Was verstehen Unternehmen unter 'Elite'?

Haben nur Elite-Studenten die Chance auf einen guten Einstieg im Unternehmen? Werden nur sie als High Potential gefördert? Wir haben nachgefragt

Vielleicht erinnerst du dich an eine Werbung aus den 1990ern, in der es um Pralinen mit hochprozentigem Inhalt ging. Nur die besten Kirschen kämen für die süßen Stückchen in Frage, weshalb eine Kirschenexpertin mit wohlklingendem Namen die ganze Welt bereist, um diese zu finden. Nur wenn die Kirschen prall, knackig und saftig sind, können sie zur Piemont-Kirsche werden. Würde die Werbung heute im Fernsehen laufen, würde man vielleicht von der Kirsche mit dem höchsten Potenzial sprechen – oder neudeutsch ›High Potential Cherry‹.

High Potentials: Die besten Absolventen!

Nun verlassen wir aber die Welt der Süßwaren und Früchte und widmen uns wieder der Realität, in der keine Kirschen, sondern Hochschulabsolventen hohe Voraussetzungen erfüllen und Recruitingprozesse durchlaufen müssen. Natürlich hat jedes Unternehmen seine individuellen Ansprüche, doch manche machen in der Ausschreibung für Traineeprogramme oder Einstiegspositionen deutlich, dass sie nicht irgendwelche Absolventen suchen, sondern die Besten.

Top Noten, Berufs- und Auslandserfahrung sowie ehrenamtliches Engagement sind schlichtweg schonmal die Grundvoraussetzungen. Dass sich eine solche Auslese nicht jedes Unternehmen leisten kann, ist klar, denn schließlich liest man derartige Stellenausschreibungen hauptsächlich bei den Marktführern in ihrer Branche. Und das sind die Firmen, die weltbekannt sind und bei den Wunsch-Arbeitgebern der Studierenden die vorderen Plätze belegen. Um so erfolgreich zu bleiben, suchen sie die erfolgversprechendsten Studierenden, die Elite oder heutzutage eben ›High Potentials‹ genannt.

Eine einheitliche oder offizielle Definition dieses Begriffs gibt es bisher nicht. 2010 befragten Forscher der Harvard Business School und des International Consortium for Executive Development Research 45 Global Player dazu, wie diese ihre Toptalente identifizieren und fördern. Anhand der Ergebnisse bildeten sie folgende Definition und veröffentlichten diese im Harvard Business Manager:

»High-Potentials übertreffen vergleichbare Kollegen regelmäßig und deutlich. Sie erreichen herausragende Leistungsniveaus und verhalten sich so, wie es der Kultur und den Werten ihres Unternehmens in vorbildlicher Weise entspricht. Darüber hinaus beweisen sie, dass sie überaus fähig sind, während ihrer gesamten Karriere innerhalb eines Unternehmens zu wachsen und Erfolg zu haben – und zwar schneller und effektiver als ihre Vergleichsgruppen.«

High Potentials: Herausragende Leistungen

Deutlich wird hierbei, dass die Leistungen der High Potentials herausragend sind. Die hohen Einstellungsvoraussetzungen müssen beispielsweise alle Trainees in einem Konzern erfüllen, doch in der Arbeitswelt kristallisiert sich heraus, wer von ihnen das Zeug zum Leistungsträger hat und wer nicht. Interessant an der Definition ist auch, dass sich die Nachwuchskräfte insbesondere durch Soft Skills auszeichnen.

  • Doch wie sehen Personaler diese Definition in der Praxis?
  • Und worauf legen Unternehmen, die zur Spitze in ihrem Bereich gehören, tatsächlich Wert bei ihrer Bewerberauswahl?

Als Hersteller von exklusiven Sportwagen zählt Porsche zu den traditionsreichsten und profitabelsten Automobilkonzernen der Welt und sucht dementsprechend qualifizierte Nachwuchskräfte. Als Arbeitgeber hat Porsche einen ausgezeichneten Ruf, erhält viele Bewerbungen von Studierenden aus ganz Deutschland und wird immer wieder unter die beliebtesten Arbeitgeber gewählt. Konstanze Marinoff, Leiterin Personalmarketing beim Stuttgarter Unternehmen, ist daher ideale Ansprechpartnerin. Der Notendurchschnitt sei nicht das einzige Kriterium im Recruitingprozess, gut ausgebildete Nachwuchskräfte seien aber die Grundlage dafür, wettbewerbsfähig zu bleiben und weiterhin »an die Spitze zu fahren«, erklärt sie. »Elite lässt sich für mich nicht ausschließlich am Notenschnitt festmachen«, sagt Marinoff. »Wir suchen nicht zwangsläufig den Absolventen mit den besten Noten, sondern viel mehr den, der für uns in mehrerlei Hinsicht ein stimmiger Kandidat ist. Ebenso wichtig wie fachliche Qualifikationen sind für uns sehr hohe soziale Kompetenzen und ausgeprägte Automobilbegeisterung«, erklärt sie weiter.

Soft Skills wichtiger als gute Noten

Bei Porsche zählt also das Gesamtpaket, bei dem vor allem auch Wert auf ausgeprägte Soft Skills gelegt wird. Um geeignete Kandidaten zu finden, ruht sich Porsche nicht auf den eingehenden Bewerbungen aus, sondern wird auch selbst aktiv und pflegt beispielsweise Partnerschaften zu definierten Hochschulen. Auf prestigeträchtige Recruitingevents wie Segeltörns setzten die Schwaben weniger.

»Wir überzeugen die Nachwuchskräfte vor allem durch interessante Einblicke in unser Unternehmen, die wir Studierenden beispielsweise im Rahmen von Exkursionen ermöglichen und natürlich durch unsere faszinierenden Fahrzeuge«, sagt Marinoff. Natürlich können Studierende auch Praktika absolvieren, um den Automobilkonzern kennenzulernen. Mit den besten ehemaligen Praktikanten bleibt Porsche über das Pole Position Programm in Verbindung. Durch Kooperationen mit der Formula Student Germany, Femtec oder AIESEC kommt der Autohersteller mit weiteren hochqualifizierten Nachwuchskräften in Kontakt.

High Potentials: 'Gute Noten sind wichtig, aber nicht alles.'

Auch der Ingolstädter Automobilhersteller Audi zählt zu den erfolgreichsten Unternehmen der Automobilbranche und wird von Studierenden regelmäßig zu einem der attraktivsten Arbeitgebern gewählt. Mit den Einstellungskriterien hält Audi es ähnlich: Gute Noten sind wichtig, aber nicht alles. »Neben adäquaten Noten sind uns vor allem praktische Erfahrungen und der berühmte ›Blick über den Tellerrand‹ sehr wichtig«, sagt Antje Maas, Leiterin Personalmarketing Audi. »Besonders gute Chancen hat, wer uns neben seiner fachlichen Qualifikation auch mit Pioniergeist, Sozialkompetenz und Authentizität überzeugt.«

Ein Lebenslauf müsse daher nicht immer nur geradlinig sein, auch wer sich beispielsweise über den zweiten Bildungsweg qualifiziert hat, kann ein interessanter Kandidat sein. »Uns überzeugen kreative und teamfähige Pioniere, die unseren Anspruch an Sportlichkeit, Progressivität und Hochwertigkeit teilen. Wir suchen Menschen mit Liebe zum Detail, die die Geschichte und die Tradition von Audi begeistert und die mit ihren Ideen unseren Vorsprung durch Technik weiter gestalten wollen« erklärt Maas. An welcher Hochschule diese ›Pioniere‹ studiert haben, sei nicht entscheidend.

High Potentials lassen sich nicht nur mit Geld locken

Im heutigen ›War for Talents‹ reicht es längst nicht mehr, die besten Absolventen nur mit einem hohen Gehalt zu ködern. Immer wieder zeigen Studien, dass Firmenwagen und Boni an Attraktivität verloren haben und Nachwuchskräfte – insbesondere High Potentials – größeren Wert auf interessante Aufgaben und eine vielversprechende Entwicklungsperspektive legen. Längst haben Unternehmen auf die veränderten Erwartungen ihrer Mitarbeiter reagiert – so auch Audi.

»Unsere Mitarbeiter arbeiten direkt an den hochwertigen und technisch innovativen Modellen von Audi und gestalten die Mobilität von morgen aktiv mit. Dabei haben sie die Möglichkeit, ihre Fähigkeiten und sich selbst einzubringen und früh Verantwortung zu übernehmen – und das in einem kollegialen und internationalen Umfeld«, sagt Maas.

Auch in Bezug auf die zunehmende Nachfrage nach einer ausgewogenen Work-Life-Balance kann Audi mit flexiblen Arbeitszeiten und Kinderbetreuung punkten.

Unternehmensberatungen sind gefragte Arbeitgeber

Neben Automobilkonzernen zählen vor allem auch Unternehmensberatungen zu den gefragtesten Arbeitgebern unter Wirtschaftswissenschaftlern. Ein Sprungbrett in den Beratermarkt stellt die von Studenten und Jungabsolventen geführte Unternehmensberatung OFW Student Consulting Research, kurz OSCAR GmbH dar. Lernwillige und leistungsfähige Studierende und Jungabsolventen können mitmachen und in anspruchsvollen Beratungsprojekten bei namhaften Wirtschaftsunternehmen Erfahrungen sammeln. Nach Abschluss des Projekts kann es durchaus vorkommen, dass die Berater vom Kunden übernommen werden.

Was also sagen potenzielle Leistungsträger zum Thema Elite? Laura Seggedi ist Bachelorabsolventin im Bereich BWL und Geschäftsführerin der OSCAR GmbH:

»Tendenziell tue ich mich eher schwer mit dem Begriff ›Elite‹. Ich denke, dass viele Unternehmen heute diesen Begriff nur mit Stationen im Lebenslauf und den nackten Zahlen der Leistungsnachweise gleichsetzen«, sagt die 22-Jährige.

Um High Potentials an sich zu binden, sollten Unternehmen ihrer Meinung nach auf verschiedene Faktoren setzen, darunter die Eigenverantwortung. »Besonders High Potentials sind nicht zufrieden, wenn sie nur zum Kaffeekochen eingeteilt werden. Sie möchten die Möglichkeit bekommen, im Unternehmen zu wachsen und sich aktiv zu beteiligen«, sagt Seggedi.

High Potentials: Luft nach oben wird schnell dünn

Zwar heißt es oft, den Besten eines Jahrgangs stünden alle Türen offen, die Realität sieht aber oft anders aus. Denn die Luft oben an der Spitze kann schnell sehr dünn werden. »Natürlich haben High Potentials eine größere Auswahl an potenziellen Arbeitgebern sowie eine höhere Chance von einem renommierten Wirtschaftsunternehmen aufgenommen zu werden«, betont sie. »Ich denke, es ist für jeden Absolventen sehr wichtig, egal ob Elite oder nicht, sich genaue Gedanken darüber zu machen, was man auf seinem Karriereweg möchte und was nicht.«

Sie selbst arbeitet zielstrebig auf den Berufseinstieg als Consultant hin. Zwar habe sie sich auch schon vor ihrer Tätigkeit für diese Branche interessiert, ihre Arbeit bei der OSCAR GmbH hat sie aber in ihrem Berufswunsch gestärkt. Letztlich bleibt zu betonen, dass Noten allein keinen Elitestudenten ausmachen und man zu einem interessanten Bewerber wird, wenn man Engagement und Leidenschaft für eine Branche oder eine Tätigkeit zeigt. Auch wer eher ein Durchschnittsstudent ist oder war, kann Karriere machen, denn innerhalb eines Unternehmens kann man sich mit guter Leistung bemerkbar machen und sich zu einem Top-Mitarbeiter entwickeln. Prall, knackig und saftig sollten die Kirschen für das Konfekt sein.

So klare Kriterien können Unternehmen für ihre Bewerberauswahl nicht festlegen, dafür achten sie vielmehr darauf, dass ein Kandidat rundum mit Qualifikation und Persönlichkeit zu ihnen passt. Und von der Vorstellung, dass nur Elitestudenten die besten Voraussetzungen haben, verabschieden wir uns.


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