Frieden und Zukunftsfähigkeit

Dafür setzen sich die Naturwissenschaftler von NatWiss ein. Vorstandsvorsitzender Malte Albrecht im Interview

Foto: privat

 

Herr Albrecht, wofür setzt sich der Verein NatWiss ein?

Der Titel der Initiative ›Verantwortung für Frieden und Zukunftsfähigkeit‹ gibt schon einen Hinweis: Es geht darum, Verantwortung zu übernehmen. 1988, als Naturwissenschaftler die Initiative gegründet haben, stand die Bedrohung durch die Atombombe ganz massiv im Vordergrund. Daraus hat sich das Bedürfnis entwickelt, Forschung nicht für militärische Konfliktlösungen verfügbar zu machen. Wir wollen erreichen, dass Technologien dem Wohle aller Menschen dienen. Innerhalb dieses Spannungsfeldes arbeitet NatWiss und setzt sich für Frieden und Abrüstung ein.

Wie sieht dieses Engagement konkret aus?

Wir wollen Verantwortung für die Verwendung unserer eigenen Forschungsergebnisse übernehmen. Dazu setzen wir ein relativ breites Spektrum an Aktivitäten in Gang: Wir verfassen Stellungnahmen zu aktuellen Entwicklungen und veranstalten jährlich eine Konferenz zu einem Schwerpunktthema. In diesem Jahr war das beispielsweise ›Wissenschaft zwischen Krieg und Frieden‹. Außerdem beteiligen wir uns an Initiativen der Zivilgesellschaft von Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und stellen unsere Expertise zur Verfügung. Wir starten aber auch Eigeninitiativen, zum Beispiel im Rahmen von ›Desertec‹: Ein Projekt, das sich um regenerative Energien in einem globalen Kontext kümmert. Ein anderes konkretes Beispiel ist die Zivilklausel-Bewegung, bei der es darum geht, sich dazu zu verpflichten, nicht für militärische Zwecke zu forschen.

Welche Rolle übernehmen Naturwissenschaftler dabei?

Sie sind häufig die Initiatoren und zugleich auch die entscheidenden Akteure, weil sie das haben, was unseren Verein ausmacht: Expertise, Kenntnis und den Willen, etwas zu verändern. Wir als Vorstand ermitteln drängende Probleme und aktuelle Fragen, denen wir uns widmen können. Dann prüfen wir, welche Mitglieder dazu forschen. Umgekehrt kann es auch sein, dass ein Mitglied ein neues Forschungsthema hat und damit zu uns kommt.

Was passiert im Anschluss mit den Erkenntnissen der Forscher?

Daraus erwachsen etwa Stellungnahmen gegen die Finanzierung von Atomwaffen oder die Militarisierung. Damit unterstützen wir NGOs dabei, ihre Initiativen mit wissenschaftlicher Expertise zu fundieren.

Sie tragen diese also an die Öffentlichkeit.

Ja, mit unseren Aktivitäten sorgen wir dafür, dass Wissenschaft nicht isoliert an Universitäten oder Forschungseinrichtungen betrieben wird. Wir beteiligen uns an der demokratischen Willensbildung der Bevölkerung, indem wir unsere Forschungsergebnisse aktiv in die Gesellschaft tragen. Das Ziel einzelner Projekte ist also, Fakten für den öffentlichen Diskurs bereitzustellen, die mit wissenschaftlicher Methodik und Sachkenntnis entwickelt wurden und sich nachprüfen sowie kritisieren lassen. Hier sehen wir es als unsere Aufgabe gegenüber der Zivilgesellschaft, bestimmten Irrtümern entgegenzuwirken, indem wir die wissenschaftliche Basis stärken.

Können dem Verein also nur Naturwissenschaftler beitreten?

Als Natuwissenschaftler-Verein hat ein Großteil der Mitglieder diesen fachlichen Hintergrund. Trotzdem fördern wir auch die interdisziplinäre Zusammenarbeit, weil wir Impulse setzen und die Möglichkeit bieten wollen, über den Tellerrand des eigenen Fachbereichs hinauszublicken und mit Menschen in Kontakt zu kommen, die an der gleichen Thematik arbeiten, aber aus einer ganz anderen Sicht forschen.

Was sind die größten Herausforderungen, denen sich NatWiss stellt?

Politisch und wirtschaftlich gibt es viele Problemstellungen: etwa Klimawandel, Aufrüstung, Energiewende, Digitalisierung und Privatsphäre, um nur einige zu nennen. Ich würde diesen Aspekt in zwei Dimensionen teilen: Im psychologischen Sinne ist die schwierigste Herausforderung die verbreitete Überzeugung, dass die Welt zu komplex geworden sei, um sie zu verstehen. Aus unserer Sicht ist die Welt aber gar nicht komplexer geworden, wir brauchen nur den Mut, sie verstehen zu wollen. Die materielle Seite sind die Arbeitsbedingungen an den Forschungseinrichtungen: die Abhängigkeit von wirtschaftlichen und politischen Interessen, die Spezialisierung der Wissenschaft und die daraus resultierende Arbeitsbelastung. Wir haben gemerkt, dass Wissenschaftler nicht die Zeit haben, die sie gerne hätten, um sich für die Verwendung ihrer Wissenschaft und die Interpretation ihrer Forschungsergebnisse zu engagieren. Das ist ein neues Aufgabenfeld, das wir künftig in Gemeinschaft mit Gewerkschaften in den Fokus rücken wollen, um die Arbeitsbedingungen für Universitäten zu verbessern.

Was hat Sie persönlich davon überzeugt, sich aktiv bei NatWiss zu engagieren?

Die Überlegung, das naturwissenschaftliche Forschungsergebnisse einen praktischen Nutzen für unsere Gesellschaft haben. Aktuelle Entwicklungen wie Drohnen, die mit Waffen ausgestattet werden, und die Diskussionen über ›Künstliche Intelligenz‹ sind Dinge, die ohne naturwissenschaftliche Forschung undenkbar sind. Genau an diesem Punkt macht Naturwissenschaft einen Unterschied. Die Wissenschaftler sind es, die entscheiden können, wie dieser Unterschied ausfällt – ob die Forschungsergebnisse militärisch oder zivil Verwendung finden. Als Wissenschaftler möchte ich die Möglichkeit haben, darüber mitzubestimmen. Der Verein bietet mir die Möglichkeit, um dieses Recht zu kämpfen. Das ist meine Motivation.

Wie stellen Sie sicher, dass Ihre Aktionen auch wirklich erfolgreich sind?

Wir als Wissenschaftler sind immer daran interessiert, unsere Ergebnisse möglichst empirisch zu belegen. Natürlich bewegen wir uns oft in einem Bereich, in dem sich ganz konkrete Ergebnisse nicht mit empirischen Mitteln messen lassen. Wenn wir uns beispielsweise in politischen Prozessen mit Stellungnahmen engagieren, dann ist es nicht so, dass wir am Ende sagen können, die Lösung von einem bestimmten Problem ist jetzt in die Wege geleitet worden – und zwar, weil wir uns dafür engagiert haben. Bei uns gibt es oft keine genaue Korrelation zwischen Ursache und Wirkung.

Aber es muss doch eine Resonanz auf Ihre Aktivitäten geben.

Natürlich. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass sich an den Forschungseinrichtungen etwas tut, wenn wir neue Initiativen starten. Wir erfahren Befürwortung und bekommen die Rückmeldung, dass sich zum Beispiel im Alltag der Wissenschaftler etwas verändert hat. Wir können bei bestimmten Initiativen mit Recht behaupten, dass wir damit einen ganz wichtigen Beitrag geleistet haben. Aber klar zu beantworten, was ein erfolgreiches und ein weniger erfolgreiches Projekt war, ist sehr schwierig.

Erzählen Sie bitte abschließend noch, was Ihr größter Erfolgsmoment bei NatWiss war.

Da ich erst seit Ende 2016 Teil des Projekts bin, ist das gemessen an der Geschichte des Vereins nur eine sehr kurze Zeit. In dieser habe ich aber durchaus einige erfolgreiche Projekte erlebt. Der letzte Kongress beispielsweise hat viel positive Rückmeldung erfahren und war gut besucht. Für mich sind momentan die besten Momente die, in denen ich neue Menschen für die Idee des Vereins begeistern kann: Wenn ich mit Kollegen spreche und merke, dass die Idee des Vereins gut ankommt und sie einen Teil ihrer kostbaren Zeit damit verbringen wollen, sich gemeinsam mit uns einzubringen – das sind für mich wertvolle Erfolgsmomente. Und das ist es auch, was für mich bestätigt, dass sich der Verein mit einem Thema auseinandersetzt, das enorm wichtig ist.


Anzeige

Anzeige