Strafverteidiger Harald Straßner im Interview

Einen Mörder oder Vergewaltiger verteidigen – wie lässt sich das mit dem eigenen Gewissen vereinbaren? Harald Straßner erzählt von seinem Beruf als Strafverteidiger.

Herr Straßner, was schätzen Sie an Ihrem Beruf besonders?

Es ist wirklich interessant, alle Facetten des gesellschaftlichen Lebens kennenzulernen. Es gibt, glaube ich, keinen Beruf, in dem man alle Höhen und Tiefen, Untiefen und die schwärzesten und dunkelsten Seiten des menschlichen Zusammenseins kennenlernt, wie den juristischen Beruf und da speziell den Strafrechtler.

Gibt es auch etwas, das Sie an Ihrem Job gar nicht mögen?

Wenn Mandanten versuchen, mich hinters Licht zu führen, empfinde ich das als sehr unangenehm. Manche glauben, sie hätten einen besseren Anwalt, wenn sie ihm die Unwahrheit erzählen.

Fragen Sie Ihre Mandanten nach der Wahrheit?

Ich frage danach, aber nicht zu insistierend. Aus dem Aspekt, dass ich dann vielleicht tatsächlich die volle Wahrheit kenne, folgen natürlich auch wieder strafrechtliche und berufsrechtliche Folgen. Ich darf dann nicht mehr ganz bewusst das Gegenteil von dem, was ich weiß, vortragen. Das ist problematisch. Ich frag dann nicht so intensiv nach und trotzdem ärgert es mich, wenn ich nicht die Wahrheit erzählt bekomme.

Inwiefern müssen Sie sich oft für Ihren Beruf rechtfertigen?

Tatsächlich kommt es immer wieder mal vor, dass ich zum Beispiel gefragt werde: »Ja, wie kannst du denn da jemanden verteidigen, der ein Kind missbraucht hat?« Solchen Fragen müssen sich Strafverteidiger stellen.

Wie reagieren Sie darauf?

Für mich gibt es eine ganz klare Antwort: Erstens weiß ich nie von Anfang an, dass jemand ein Kind missbraucht hat. Es gilt – so funktioniert unser Rechtsstaat – für jeden die Unschuldsvermutung, so lange, bis rechtskräftig das Gegenteil bewiesen ist. Das ist ganz wichtig. Und der zweite Punkt ist, dass es auch der Rechtsstaat erfordert, dass jeder, egal wie schlimm die Tat ist, die er scheinbar begangen hat, Anspruch drauf hat, eine gute Verteidigung zu erhalten. Dazu bin ich in meinem Beruf da.

Welches Ziel verfolgen Sie in einem Prozess?

Als Rechtsanwalt unterliege ich der doppelten Organthese. Das heißt, ich hab auf der einen Seite die Interessen meines Mandanten zu vertreten, dafür bin ich da. Auf der anderen Seite bin ich als Jurist im Rechtssystem natürlich dafür verantwortlich, an einem fairen Urteil rechtsstaatlich mitzuwirken. Die konkreten Ziele werden durch den individuellen Fall definiert. Der eine sagt, »Ich hab das begangen, ich will aber nicht in den Knast. Schauen Sie, dass Sie eine Bewährung für mich rausholen.« Dann ist das Ziel definiert. Der andere sagt, er habe keine Straftat begangen – das Ziel ist der Freispruch. Ob es erreichbar ist, wird sich dann im Prozess zeigen.

Haben Sie auch schon einmal ein Mandat aus moralischen Gründen abgelehnt?

Die Unschuldsvermutung ist ein sehr, sehr hohes Gut in unserem deutschen Rechtssystem. Und aus moralischen Gründen etwas abzulehnen, halte ich für problematisch, da ist man im Strafrecht wohl falsch. Das soll nicht heißen, dass es unmoralisch zugeht im Strafrecht. Aber wer Schwierigkeiten hat, gewisse scheinbare Straftaten zu verteidigen, der hat meines Erachtens grundsätzlich einen falschen Ansatz eines rechtsstaatlichen Verfahrens. Ich halte es auch für einen Mietrechtsanwalt für problematisch, wenn er mir sagt: »Ja um Gottes willen, so einen Kinderschänder könnte ich nie verteidigen« – das ist nicht rechtsstaatlich gedacht. Gerade der braucht die Verteidigung, damit unser Rechtsstaat – gerade an diesen Rändern – seine entsprechende Bestätigung erhält.

Gibt es da für Sie dennoch Einschränkungen?

Was ich persönlich tatsächlich für problematisch halte, sind Straftaten in jeder Hinsicht aus dem rechtsradikalen Bereich. Jemanden, der aus solchen politischen Motiven heraus Straftaten begeht, den könnte ich nicht in der Weise vertreten, in der er es vielleicht erwartet und auch verdient hätte. Das hat mit dem historischen weltanschaulichen und eher links-liberalen Gepräge unserer Kanzlei zu tun.

Die meisten Mandanten kommen auf Empfehlung in Ihre Kanzlei. Arbeiten Sie daneben auch als Pflichtverteidiger?

Ja, die Pflichtverteidigung ist mir sehr wichtig. Damit ist nicht so wahnsinnig viel Geld verdient. Aber es ist ein bisschen wie der Notarzteinsatz für den normalen Arzt. Es ist meines Erachtens eine ethische Pflicht. Und es ärgert mich sehr, wenn es Anwälte gibt, die die Nase außergewöhnlich hoch halten und sagen, sie wollten mit ›solchen Leuten‹ nichts zu tun haben.

Was würden Sie angehenden Juristen raten, die den Beruf des Strafverteidigers ergreifen möchten?

Sie sollten sich genau damit befassen, was das Strafrecht alles umfasst. Strafverteidiger müssen zum Beispiel auch in ein Gefängnis gehen – da geht es manchmal nicht so sauber zu – und sie müssen einen rauen Umgangston aushalten. Strafrecht klingt theoretisch prestigeträchtig und spannend, aber es ist sehr viel Praxis dabei. Die muss man mögen.

Mit welchen Fähigkeiten können gute Strafrechtler punkten?

Sie sollten ein gewisses Auftreten haben. Außerdem fordert das Strafrecht noch mehr als andere Rechtsgebiete eine sehr gute Rhetorik und Sprachgewandtheit. Denn Strafrecht hat auch immer etwas mit Performance, vielleicht sogar ein bisschen mit Show zu tun. 

Gibt es noch etwas, das angehende Juristen mitbringen müssen?

Sie müssen die entsprechenden Nerven dazu haben. Und sie sollten die Fähigkeit besitzen, mit Menschen jeder Fasson und jeder Schicht, umzugehen und Interesse für sie mitbringen. Angehende Juristen müssen das psychisch verarbeiten und es, etwa in einem Mordverfahren, schaffen können, Leichenbilder anzuschauen oder selbst bei einer Obduktion dabei zu sein.

Das muss sehr schwierig sein. Haben Sie sich mit der Zeit daran gewöhnt?

Ich musste mich eigentlich gar nicht so sehr daran gewöhnen, sondern habe es relativ schnell geschafft, diese Trennung hinzubekommen: Da ist der Beruf mit der Intensität, die ich hineinlegen muss, und auf der anderen Seite ist da das Privatleben und auch meine privaten Gedanken zu den Dingen. Aber dass beides sich gegenseitig so sehr beeinflusst, habe ich eigentlich in der scharfen Form so gar nicht erlebt. Weil es mir immer gelungen ist, das zu trennen.

Und wie genau? Haben Sie einen konkreten Tipp?

Ich lerne das ein bisschen von den Rechtsmedizinern: Sie müssen eine Leiche öffnen, einzelne Teile herausnehmen, analysieren, die völlige Distanz dazu hinbekommen – und abends müssen ihnen die Weißwürste noch schmecken. Und da hab ich mir gedacht: Wenn die das schaffen, dann muss der Strafrechtler auch diese Distanz hinkriegen.


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