Wertvolle Ratgeber für Politik und Öffentlichkeit

Als Wirtschaftsweiser nimmt Prof. Dr. Christoph M. Schmidt die wirtschaftliche Lage unter die Lupe. Was genau das 
bedeutet und was ihn an seiner Arbeit fasziniert, erzählt er im Mensagespräch

Prof. Dr. Christoph M. Schmidt Foto: privat

Herr Prof. Dr. Schmidt, der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung wurde 1963 gebildet. Was sind die Aufgaben des Gremiums?

Unsere gesetzlich festgelegte Aufgabe ist es, die Urteilsbildung aller wirtschaftspolitisch verantwortlichen Instanzen sowie der Öffentlichkeit zu erleichtern. Wir sollen regelmäßig untersuchen, wie stabile Preise, hohe Beschäftigung, außenwirtschaftliches Gleichgewicht sowie stetiges Wachstum im Rahmen der marktwirtschaftlichen Ordnung gesichert werden können; ebenso gilt unsere Aufmerksamkeit der Verteilung von Einkommen und Vermögen. Dabei sollen wir Fehlentwicklungen und Wege zu deren Vermeidung oder Beseitigung aufzeigen. Ganz wichtig: Wir sind völlig unabhängig darin, wie wir diesen Auftrag erfüllen.

Inwieweit reagiert die Regierung auf Ihre Empfehlungen?

Selbst wenn sie es wollte, könnte die Bundesregierung unsere Arbeit nicht völlig ignorieren, da ihre Verpflichtung zur Reaktion gesetzlich verankert ist. Sie muss innerhalb von acht Wochen nach der Übergabe des Jahresgutachtens dazu Stellung beziehen und ihre aus dem Gutachten abgeleiteten wirtschaftspolitischen Schlussfolgerungen darlegen. Das geschieht auch Jahr für Jahr. Allerdings führt unsere Arbeit eher selten zu kurzfristigen Reaktionen der tatsächlichen Wirtschaftspolitik oder gar einer radikalen Umkehr des bisherigen Kurses. Unsere Argumente und Analysen prägen vielmehr den wirtschaftspolitischen und öffentlichen Diskurs über relevante Sachzusammenhänge und politische Weichenstellungen und wirken daher eher indirekt und mit sehr variabler zeitlicher Verzögerung.

Haben Sie ein Beispiel parat?

Natürlich. Wir haben schon vor sechs Jahren erläutert, dass die Energiewende nur mittels eines einheitlichen Preissignals für Treibhausgasemissionen erfolgreich gelingen kann. Denn nur dann würde die Vermeidung der Emissionen im komplexen System der Energieversorgung an derjenigen Stelle umgesetzt, an der die jeweils nächste Tonne an Treibhausgasen mit dem geringsten Verlust an wirtschaftlichen Ressourcen vermieden werden kann. Ob dies bei der Elektrizitätserzeugung, beim Verkehr oder bei der Bereitstellung von Wärme geschieht, müsste dann keine planwirtschaftliche Vorgabe entscheiden, sondern würde dezentral vom Markt geregelt. Die Kosten der Energiewende blieben beherrschbar. Erst jetzt beginnt die Politik unter dem Stichwort ›Sektorkopplung‹ auf diese Argumentation einzuschwenken – aber besser spät als nie.

Nach welchen Kriterien werden eigentlich die fünf Ratsmitglieder ausgewählt?

Der Bundespräsident beruft auf Vorschlag der Bundesregierung im Schnitt jedes Jahr jeweils ein neues Mitglied für die Dauer von jeweils fünf Jahren. Die Bundesregierung kann nach der Berufung während der fünfjährigen Amtszeit aufgrund der Unabhängigkeit des Gremiums keine personelle Kurskorrektur vornehmen. Eine Wiederberufung für eine zweite fünfjährige Amtszeit ist üblich. Die Mitglieder des Rates müssen laut Gesetz über besondere wirtschaftswissenschaftliche Kenntnisse und volkswirtschaftliche Erfahrungen verfügen. Mein Eindruck ist, dass die Auswahl bislang diese Anforderungen meist sehr gut erfüllt hat.

Sie sind seit 2009 einer der sogenannten Wirtschaftsweisen. Was hat Sie an der Arbeit im Rat überrascht?

Die Berufung kam damals für mich etwas überraschend, aber als sich die Gelegenheit zur Mitwirkung im Rat ergab, habe ich natürlich keine Sekunde gezögert, zuzusagen. Dass das Arbeiten an der Schnittstelle von Forschung und wissenschaftlich gestützter Beratung von Politik und Öffentlichkeit sozusagen genau mein Ding ist, war mir schon durch die Jahre der Leitung des RWI – Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung klar geworden. Aber wie befriedigend die Arbeit im Sachverständigenrat sein würde, vor allem wie viel ich dadurch selbst lernen konnte, habe ich offen gestanden nicht geahnt.

Was fasziniert Sie an der Arbeit an dieser Schnittstelle?

Die Volkswirtschaftslehre beschäftigt sich als wissenschaftliche Disziplin direkt mit der komplexen Lebenswirklichkeit der Menschen. Täglich entscheiden wir, wie wir unsere begrenzten finanziellen oder zeitlichen Möglichkeiten einsetzen, um daraus das Beste zu machen. Gleichzeitig üben die Entscheidungen vieler anderer Akteure, denen wir im Leben niemals begegnen, Einfluss auf unsere Entfaltungsmöglichkeiten aus. Wirtschaftliches Handeln ist somit allgegenwärtig. Die Ökonomik gibt uns das intellektuelle Werkzeug an die Hand, um diese Prozesse besser zu verstehen. Im Sachverständigenrat wenden wir diese Werkzeuge an, um aktuelle Entwicklungen einzuordnen und Wege zur Verbesserung der gesellschaftlichen Wohlfahrt zu erarbeiten. Was könnte es Schöneres geben?


Welches sind dabei Ihre Spezialgebiete?

In meiner Forschungsarbeit galt seit der Doktorandenzeit in Princeton meine volle Aufmerksamkeit der angewandten Ökonometrie, also der Anwendung statistischer Methoden auf ökonomische Fragestellungen. Sie befähigt uns, die komplexe Lebenswirklichkeit auf ihre wichtigsten Aspekte zu verdichten und ermöglicht so sinnvolle wirtschaftspolitische Schlussfolgerungen. Auf dieser Basis konnte ich in den vergangenen Jahren zur Arbeit des Rates vor allem in den Bereichen Arbeit, Soziales, Migration, Gesundheit und Energie beitragen. Im Lauf der Jahre sind für mich zunehmend gesamtwirtschaftliche Fragestellungen in den Mittelpunkt gerückt, etwa die institutionelle Ausgestaltung des Euroraums. Ein wichtiges Themenfeld ist für mich zudem die ganzheitliche Wohlfahrtsberichterstattung.

Daneben beschäftigen Sie sich auch mit der Arbeitsmarktpolitik. Wie schätzen Sie den Arbeitsmarkt für Akademiker ein?

Der deutsche Arbeitsmarkt ist aktuell in einer blendenden Verfassung, der Beschäftigungsstand ist außerordentlich hoch. Das gilt vor allem für Akademiker. Aus zwei Gründen sehe ich für Akademiker in den kommenden Jahren hervorragende Aussichten am Arbeitsmarkt. Zum einen wird der demografische Wandel zu Fachkräfteengpässen führen, die kaum allein durch Zuwanderung wettgemacht werden können. Zum anderen stehen wir im Zuge der Digitalisierung vor einem großen Strukturwandel unserer Wirtschaft. Der Arbeitsmarkt der Zukunft wird neue Kompetenzen fordern, zu denen vor allem die Fähigkeit gehört, rasch neue Sachverhalte zu ordnen und zu begreifen sowie schnell neue Fertigkeiten auszuprägen. Genau darauf sollte ein Studium eigentlich sehr gut vorbereiten.

Was hoffen Sie in Ihrer Zeit als Ratsvorsitzender bewirken zu können?

Wenn ich auf meine Mitwirkung zurückblicke, würde ich mich glücklich schätzen, wenn es in dieser Zeit anerkanntermaßen gelungen ist, den Charakter des Rates als unabhängige Einrichtung der wissenschaftsgestützten Politik- und Öffentlichkeitsberatung zu bewahren und ihn gleichzeitig als modernes Beratungsgremium weiterzuentwickeln. Das kann gelingen, wenn der Rat rechtzeitig neue relevante Themen aufgreift, wie es uns beispielsweise mit der Digitalisierung des Arbeitsmarkts gelungen ist, seine Mitwirkung am internationalen wirtschaftspolitischen Diskurs weiter ausbaut und mit seinen Argumenten neue Zielgruppen ansprechen kann.

Das werden Sie sicherlich können. Immerhin haben Sie für Ihr wirtschaftswissenschaftliches Engagement bereits den Gustav-Stolper-Preis erhalten.

Diese Auszeichnung bedeutet mir in der Tat viel, denn sie weist den Träger auf Basis eines Votums der Fachkollegen als einen hervorragenden Wissenschaftler aus, dem es gelungen ist, mit Erkenntnissen wirtschaftswissenschaftlicher Forschung die öffentliche Diskussion über wirtschaftliche Zusammenhänge und Probleme beeinflusst und wichtige Beiträge zum Verständnis und zur Lösung ökonomischer Probleme geleistet zu haben. Ein schöneres Lob könnte ich mir kaum vorstellen.

  • Prof. Dr. Christoph M. Schmidt ist Vorsitzender des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung sowie Präsident des RWI – Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung. Schmidt studierte Volkswirtschaftslehre an der Universität Mannheim. Seinen Masterabschluss erwarb er an der Princeton University im US-Bundesstaat New Jersey. 1991 wurde er mit einer empirischen Arbeit zum deutschen Arbeitsmarkt promoviert. 1995 habilitierte er an der Universität München. In der Mensa aß Prof. Dr. Christoph M. Schmidt am liebsten panierten Seelachs mit Kartoffelsalat und Remoulade.

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