So geht es dem deutschen Mittelstand

Peter Kranzusch, Wissenschaftler im Institut für Mittelstandsforschung, berichtet im Interview, wie die Lage für mittelständische Unternehmen in Deutschland aussieht

Peter Kranzusch
Peter Kranzusch, Wissenschaftler im Institut für Mittelstandsforschung (IfM) Bonn, arbeitet seit 1998 beim IfM in Bonn. Er forscht u.a. zu den Themen Unternehmenslebenszyklus, Unternehmensführung und Gründungen. privat

Herr Kranzusch, wie geht es dem deutschen Mittelstand?

Der Mittelstand erwartet positive Marktentwicklungen im In- und Ausland. Für angehende Ingenieure dürfte dabei vor allem interessant sein, wie es dem industriellen Mittelstand und den Dienstleistungsunternehmen geht: Die Hälfte der mittelständischen Industrieunternehmen bewertet ihre Geschäftslage als sehr gut, trotz außenwirtschaftlicher Verunsicherungen. In den Dienstleistungssparten,in denen die Unternehmen in der Regel kleiner sind, war die Entwicklung in den letzten Jahren auch positiv. Die hohe Binnennachfrage führt hier ebenfalls zu positiven Erwartungen. In beiden Bereichen führt das zu Personaleinstellungen.

Welchen Stellenwert hat der Mittelstand für den deutschen Arbeitsmarkt?

Rund 60 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten der Privatwirtschaft arbeiten in kleinen und mittelgroßen Unternehmen. Rund zwei von drei mittelständischen Industrieunternehmen gaben in einer Befragung an, dass sie ihren Personalbestand im Jahr 2016 im Inland konstant halten wollen. Jedes fünfte Unternehmen bekundete, unabhängig von der Unternehmensgröße,  neue Mitarbeiter einstellen zu wollen, insbesondere jedoch Fachkräfte.

Wie gut gelingt es dem deutschen Mittelstand, den Takt der Digitalisierung zu halten und bei der Industrie 4.0 vorn mit dabei zu sein?

Kleine und mittlere Unternehmen (KMU) in Deutschland und Skandinavien gelten als führend bei der Digitalisierung von Geschäftsprozessen. Sie sind im europäischen Vergleich gut auf die technischen Veränderungen vorbereitet. Allerdings gibt es weiterhin Bedenken gegenüber dem Einsatz von Cloud-Diensten. Ob die Vorstellungen von Industrie 4.0 in einer breiten Anzahl von Unternehmen umsetzbar werden, hängt auch davon ab, ob und wie schnell einheitliche technische Standards in der Kommunikationssprache zwischen Maschinen etabliert werden und der Breitbandausbau mit kontinuierlich hoher Datenübertragungsgeschwindigkeit flächendeckend gelingt.

Inwiefern sind mittelständische Familienunternehmen innovativer als große Konzerne?

Werden Innovationsanstrengungen lediglich anhand von Produktinnovationen gemessen, dann steigen mit zunehmender Beschäftigtenzahl die Anteile innovativer Unternehmen: Solche mit bis zu 49 Beschäftigten kommen auf einen Produktinnovatorenanteil von 31 Prozent. Größere Unternehmen mit mindestens 250 Beschäftigten erreichen mit über 60 Prozent einen höheren Anteilswert. Allerdings werden hier nicht alle Innovationsformen erfasst, denn die Innovation kann zum Beispiel auch im Marketing oder in der Prozessabwicklung liegen. Zudem dürften die zahlreichen kleinen Ingenieurbüros nahezu immer innovative Lösungen erarbeiten. Ähnliches gilt für die Start-up-Szene.

Beruht die Stabilität des Mittelstands auch darauf, dass KMUs vermehrt in Nischenmärkten aktiv sind und gilt dies für die Mehrzahl der deutschen KMUs?

Jeweils rund drei Viertel der mittelständischen als auch der nicht-mittelständischen Unternehmen setzen auf die Qualitätsführerschaft und kundenindividuelle Produkte. Jedes zweite Unternehmen ergänzt die Angebote um kundenorientierte Serviceleistungen. Mehr als jedes dritte der mittelständischen Unternehmen ist auf Nischenmärkten aktiv, derartige Nischen besetzten aber auch nichtmittelständische Unternehmen.  

Was sind künftig die größten Herausforderungen für den Mittelstand?

Die Mittelstandsbefragungen des IfM Bonn zeigen, dass die Sicherung der Wettbewerbs- und Innovationsfähigkeit unter den Herausforderungen weit oben rangiert, gefolgt von weiteren Herausforderungen wie dem Fachkräftemangel, der Bürokratiebelastung, der Digitalisierung und Internationalisierung.


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