Anemone123 / Pixabay

Klischee und Wahrheit in deinem Wunschberuf

Unsere Klischee-Wahrheit-Checks von Bank bis Mechatronik

 

Arbeiten bei Versicherungen

Klischee: Ein typischer Versicherungsvertriebler? Männlich, konservativ, Labertasche. Ein Tag als Versicherungsvertriebler? Am Morgen den akkurat gebügelten Anzug anziehen, noch einmal ein überzeugendes Lächeln vor dem Spiegel üben und los gehts. Ein Kundentermin vor Ort jagt den nächsten, Zeit im Büro ist rar. Vor dem ersten Gespräch noch kurz prüfen, wie überzeugend die Argumente sind und dann: reden, reden, reden. Denn, je mehr man selbst redet, desto weniger Fragen können die Kunden stellen – und desto leichter lässt sich die Versicherung verkaufen. Um 17 Uhr ist noch lange nicht Feierabend, schließlich haben viele Kunden erst jetzt Zeit für ein Gespräch – Termine außerhalb der normalen Geschäftszeiten sind demnach an der Tagesordnung. Der Tag endet gegen 21 Uhr, der Anzug zwickt und der Mund ist fusslig vom vielen Reden, dafür sind die Kunden um einige Versicherungen reicher.

Wahrheit: Leopold braun (23), Auszubildender als Kundenbetreuer bei der Allianz

»Das Versicherungsgeschäft ist nur etwas für konservative Menschen? Dieses Klischee hat sich für mich beim ersten Treffen mit Kollegen erledigt. Von tätowierten Vollbartträgern über Frauen mit veganer Lebenseinstellung habe ich jeden erdenklichen Typ kennengelernt. Die Anzugträger gibt es zwar, aber es darf auch mal ein Poloshirt sein. Männerdomäne? Von wegen: In meinem Azubi-Jahrgang sind sogar mehr Frauen als Männer. Mein Arbeitsalltag ist sehr abwechslungsreich, auch weil ich viel unterwegs bin. Direkter Kundenkontakt ist mir wichtig und macht Spaß. Ich fahr gerne mal zu ihnen nach Hause, um Versicherungsfragen vor Ort zu klären. Im Gespräch gehe ich immer auf mein Gegenüber ein: Manchmal rede ich viel, manchmal höre ich dem Kunden mehr zu. Und wie oft ich unterwegs bin, kann ich selbst steuern. Geschäftstermine außerhalb der normalen Geschäftszeiten kommen zwar vor, sind aber nicht die Regel. Unsere Kunden möchten nach der Arbeit schließlich auch ihren Feierabend haben.«

Arbeiten als Banker

Klische: Der Banker an sich ist ein konservativer, anständiger Mann im Anzug – stets bemüht seinem Gegenüber von seiner Vertrauenswürdigkeit zu überzeugen. Was jedoch gar nicht so einfach ist, lassen doch die Kunden die Bankmitarbeiter ihr Misstrauen gerne spüren. Doch: Der Banker steht stoisch darüber. Private Schulden kommen für den Finanzexperten nicht in Frage, schließlich lassen sein privater Finanzplan keine finanziellen Engpässe zu. Ein Banker weiß schließlich, wie man mit Geld umgeht. Und mit Zahlen jonglieren kann er auch – macht das Mathegenie doch den ganzen Tag nichts anderes.

Wahrheit: Mario Geppert, Auszubildender im Privatkundengeschäft der Commerzbank

»Eine Bank braucht heutzutage Menschen mit verschiedenen Geisteshaltungen. Das Bild vom konservativen, langweiligen ›Bankbeamten‹ ist in den Köpfen zwar weit verbreitet, die Realität sieht jedoch echt anders aus. Ein Anzug ist für Herren allgemein anerkannte Business-Garderobe, er vermittelt Seriosität, Professionalität und Vertrauen. Ich trage im Kundenkontakt gerne Anzug und zu Seminaren Jeans, freue mich abends aber auch mal auf meine Jogginghose. Wer privat nicht mit Geld umgehen kann, sollte meiner Meinung nach nicht den Beruf des Bankkaufmanns wählen. Immerhin arbeitet man in der Bank mit fremdem Vermögen. Das heißt nicht, dass man selbst keine Schulden machen darf, sofern man sie zurückzahlen kann. Man muss tatsächlich kein Mathegenie sein, da Computer und spezielle Programme die mathematische Arbeit erleichtern. Viel wichtiger ist die Fähigkeit, mit fremden Menschen kommunizieren zu können, hilfsbereit und zielorientiert zu sein. Ich erlebe täglich im Gespräch mit Kunden, dass das Bankgeschäft ein Vertrauensgeschäft ist. Meine Beratung in persönlichen Gesprächen und gute Verbindungen sind für mich die beste Art, Vertrauen zu schaffen.«

Arbeiten im Tourismus

Klischee: Die Weltenbummler der Arbeitswelt, stets einen gepackten Koffer dabei und in den Hotelzimmern der Welt zu Hause. Wer in der Touristik arbeitet ist stets von Fernweh geplagt, spricht mehrere Sprachen fließend und verbringt kaum einen Tag im Büro, schließlich sollte man schon vor der Ausbildung viel von der Welt gesehen haben. Feierabend? Kennt die Touristikbranche nicht, denn irgendwo auf der Welt ist’s immer 17 Uhr.

Wahrheit: Sandra Rohleder (21), Auszubildende Tourismuskauffrau

»Gut Englisch sprechen und schreiben können ist Pflicht – unabhängig von den Noten im Schulzeugnis – denn in der Touristik hat man sehr viele internationale Kontakte, wie Hotelpartner, Airlines und die Reiseleitung in den Zielgebieten. Fernweh und Spaß am Verreisen sind vor allem für den Job im Reisebüro eine gute Basis: denn wer gerne und verreist, der kann viel authentischer und somit viel besser beraten. Das Ziel einer touristischen Ausbildung ist es, das individuell perfekte Zielgebiet für den Kunden zu finden oder sogar eigene Reisen zu veranstalten – man kennt sich also nach einer abgeschlossenen Berufsausbildung in touristisch interessanten Destinationen bestens aus. Dadurch kann man besser auf die Wünsche der Kunden eingehen und zielgruppengerechte Produkte entwickeln. Hierfür ist es sicher auch von Vorteil schon vor der Ausbildung viel von der Welt gesehen zu haben – aber nicht zwingend nötig. Bei einigen Unternehmen ist die Angabe von Auslandserfahrung im Lebenslauf jedoch sogar ein Einstellungskriterium. Ob man jedoch im Job viel unterwegs ist, kommt auf den Arbeitsplatz an: Reisebüromitarbeiter sind oft auf Inforeisen im Ausland unterwegs. Als Hoteleinkäufer ist man oft in den Hotels vor Ort, um mit den Hoteliers Verträge auszuhandeln und abzuschließen. In anderen Abteilungen dagegen arbeitet man das ganze Jahr vom Büro aus. In jedem Job gibt es stressige und weniger stressige Tage, so auch in der Touristik – auf Wochenende und Feierabend musste ich aber noch nie verzichten.«

Arbeiten im Handwerk

Klischee: Steht der Handwerker vor der Tür, ist er vor allem eines: männlich. Schließlich muss man richtig anpacken können, da kommt es auf den richtigen Körper und genug Muckis an. Mit Kopfarbeit hat das Handwerk dagegen wenig zu tun. Daher: Einmal Handwerker, immer Handwerker. Aufstiegsmöglichkeiten gibt es kaum. Deshalb ist ein Abitur nicht wirklich notwendig für eine Ausbildung im handwerklichen Bereich.

Wahrheit: Evelyn über ihre Ausbildung zur Kirchenmalerin

»Meine dreijährige Ausbildung zur Kirchenmalerin war geprägt von körperlicher Arbeit und Geduld. Wer behauptet, dass Handwerksarbeit ohne geistige Eigenleistung funktioniert, vergisst, dass Praxis nie ohne Theorie funktionieren kann. Auch wenn Abitur keine Voraussetzung für viele Handwerksberufe ist, praktisches Geschick muss vorhanden sein. Die Aufstiegschancen sind anders als in der freien Wirtschaft, aber dank Meister, Selbstständigkeit oder Studium ebenso erfolgversprechend.«

IT studieren

Klischee: Ein Hörsaal voller pickliger, übergewichtiger und langhaariger, Bandpullover tragender Metalfans, die in ihrer Freizeit vor allem vor dem Computer sitzen und Videospiele zocken. Ernährt wird sich von Chips, Bestellpizza und Eistee, Natur gibt es nur am Bildschirm in ungefährlicher digitaler Form. In den Vorlesungen, in denen mehr Zahlen als Buchstaben vorkommen, brüten die Zahlenjongleure über mathematischen Problemen und haben richtig Spaß daran. Denn wer kein Mathegenie, kein Informatikstudent. In den Pausen wird eher wenig gesprochen, generell sind Kommunikation und soziale Kontakte für Informatikstudenten eher Übel als unterhaltsamer Zeitvertreib. Viel lieber ziehen sie sich in ihre Zahlenwelt zurück und durchlaufen das Studium im Alleingang – Teamarbeit ist für viele ein Fremdwort. Glücklicherweise muss nicht mit Ablenkung durch Gekicher, Tratsch oder gar Liebesverwirrungen gerechnet werden, denn Frauen findet man auf den Fluren der Informatiklehrstühle selten bis gar nicht, liegt doch der Männeranteil bei 99,9 Prozent.

Wahrheit: Franz (23), 5. Semester Informatik

»Kommunikation ist mittlerweile auch für Informatiker eine Schlüsselqualifikation. Wer meint, während des Studiums oder im Berufsleben daheim in seinem Keller Erfolg haben zu können, wird bitter enttäuscht werden. Wir arbeiten von Beginn an viel in Gruppen, da wird es schnell hinderlich, wenn Teammitglieder ihre Meinung nicht wiedergeben oder Sachverhalte nicht erklären können. Mathematik macht einen Großteil des Studiums aus. Dass das Mathewissen aus der Schule dafür nicht ausreicht, sollte klar sein. Deshalb sind wir jedoch nicht alle Mathegenies: Für die meisten sind die ersten Semester, in denen die grundlegenden Mathekenntnisse vermittelt werden, eher ein notwendiges Übel. Am besten findet man sich einfach damit ab und versucht, ein bisschen Spaß an mathematischen Problemen zu finden, dann fällt die ganze Sache viel leichter. Der Männeranteil ist definitiv hoch, die Frauen holen aber Jahr für Jahr auf. Die Anteile unterscheiden sich je nach Fachrichtung: In der Wirtschafts- und Medieninformatik sind beispielsweise deutlich mehr Frauen als im reinen Informatikstudium. Ich habe viele Kommilitonen, die Videospiele gut finden. Wird viel Zeit beim Zocken verbracht, entsteht schließlich eine gewisse Affinität für Computer, da liegt die Wahl des Informatikstudiums natürlich näher als die des Medizinstudiums. Grundsätzlich glaube ich aber, dass mittlerweile Videospiele auch bei viel mehr Nicht-Informatikern beliebt sind. Genau so ist es auch mit den (langhaarigen) Metalfans, die findet man nicht exklusiv bei uns.«

Arbeiten als Maschinenbauer

Klischee: Bist du auf der Suche nach Maschinenbauern, halte einfach Ausschau nach einer Gruppe Männer in Karohemden, die über Technik reden. So findest du die manchmal etwas spaßbefreiten und spießigen Studenten, die jedes Problem mit Mathematik lösen – Kreativität und Fantasie kennt ein Maschinenbaustudent nicht. Deshalb sind auch keine Frauen in den Hörsälen zu finden.

Wahrheit: Sebastian (25), 3. Semester Maschinenbau

»Wir tragen gerne Karohemden, weil sie der Spagat zwischen einfarbigen Hemden, die over-dressed wirken, und schlichten T- Shirts sind. Allgemein ist der typische Maschinenbauer eher pragmatisch aber keinesfalls fantasielos, da die Lösung mechanischer Aufgaben einiges an Kreativität erfordert. Ein Hang zur Technikverliebtheit lässt sich nicht bestreiten. Wer sich auf die große Liebe allein im Hörsaal verlässt, ist bei dem sehr kleinen Frauenanteil relativ bald verlassen.«

Jura studieren

Klischee: Das Jurastudium besteht vor allem aus: lernen, lernen, lernen. Die Studenten sitzen den ganzen Tag in langen Vorlesungen und müssen den Monologen der Professoren lauschen. Und obwohl es so viel zu lernen gibt, fangen doch alle erst kurz vor dem Examen damit an – was den hohen Erfolgsdruck nicht leichter zu ertragen macht.

Wahrheit: Lisa Kohn (24), 9. Semester Jura

»Es stimmt, ich muss viel lernen, lernen, lernen und am Ende ist es doch nicht genug. Deshalb sollte man wirklich von Anfang an mitlernen, denn man ist am effektivsten, wenn man die Vorlesungen direkt nacharbeitet. Aufgrund des Erfolgsdrucks sind manche Kommilitonen nicht sehr kollegial. Was ich aber wirklich schätze, ist, dass ich meine Zeit flexibel einteilen und vieles selbstständig erarbeiten kann.«


Anzeige

Anzeige