Berufsberater im Interview: Ausbildung nach dem Abitur

Unsicher im Berufswunsch? Das ist ganz normal. Andreas Sinzinger, Berufsberater bei der Agentur für Arbeit in Nürnberg, hat passende Tipps.

Herr Sinzinger, was sind aktuell die Top-Ausbildungsberufe für Abiturienten?

Sehr gefragt ist die Ausbildung zum Industriekaufmann oder -kauffrau. Klarer Vorteil für Azubis ist, dass sie während der Lehre in viele Bereiche reinschnuppern können. Auch technische Berufe wie der Fachinformatiker sind begehrt. Die Bereiche Systemintegration und Anwendungsentwicklung bieten hervorragende Berufschancen. Auch die Angebote für den Erzieherberuf und Tätigkeiten in der sozialen Arbeit steigen, genauso wie das Hotel- und Gaststättengewerbe traditionell viele Ausbildungsmöglichkeiten bietet.

Welche Nischenberufe sind einen Blick wert?

Eher ungewöhnlich, aber nicht weniger interessant ist die Ausbildung zum Konditor. Auch seltene Handwerksberufe wie Boots-, Holzinstrumente- oder Klavierbauer sowie der Fluggerätemechaniker sind hervorragende Nischen mit Zukunft. Manche entscheiden sich für den Beruf des Bürsten- und Pinselmachers oder arbeiten als Bestattungsfachkraft. Schreiner werden im Möbelbau immer benötigt. Es sind oft exotische Handwerksberufe, die eine lange Tradition haben.

Welche Ausbildungsberufe werden eher selten gewählt, obwohl sie interessant sind?

Da fällt mir als erstes der Glaser ein. Klassischer Handwerksberuf mit vielen Einsatzgebieten. Auch viele Angebote rund um die Holzindustrie werden oft außer Acht gelassen. Der Orgelbauer – meist weltweit im Einsatz – fällt ebenso in diese Nische. Leider gibt es immer wieder hartnäckige Vorurteile gegenüber Handwerksberufen: rauer Umgangston, wenig Geld, viele Überstunden. Das Bild ist natürlich schief. Und gerade Handwerker pflegen untereinander ein enges Netzwerk, um an Jobs zu kommen.

Wie schlimm ist es, wenn ich noch gar nicht genau weiß, was ich machen will?

Der Leidensdruck ist oft sehr groß. Schlimm ist das aber nicht. Als Studienberater habe ich eine bessere Sicht auf die Lage und kann etwas Luft rausnehmen. Im individuellen Gespräch merken viele Abiturienten, was sie alles schon können und wo ihre Interessen liegen. Das hilft bei der Berufsorientierung ungemein.

Worauf muss ein Abiturient bei der Bewerbung unbedingt achten?

Wichtig ist, sich das Basiswissen für Bewerbungsprozesse anzueignen. Die wenigsten Schulen bringen das bei. Die Arbeitsagentur bietet dafür kostenlose Workshops und persönliche Beratungen an. Als Faustregel gilt: Ein Jahr vor dem Abi damit anfangen und alle Fristen einhalten, dann läuft der Bewerbungsprozess ganz entspannt. Falls es doch eng wird: Mancherorts gibt es eine sogenannte Nachvermittlungsbörse der Industrie- und Handelskammer, die offene Lehrstellen auch nach dem offiziellen Ausbildungsbeginn besetzt.

Sollte ich mich auch auf Alternativen vorbereiten?

Unbedingt. Natürlich wollen die meisten Abiturienten in der Nähe des Elternhauses bleiben, das ist verständlich. Nur: Gerade Nischenangebote gibt es nicht überall. Deswegen sollte man sich immer auch bei Betrieben in anderen Regionen bewerben, um auf der sicheren Seite zu sein. Oft gibt es ganz woanders Betriebe, die viel besser zu den eigenen Berufsvorstellungen passen. Wichtig ist: Das Gesamtpaket muss stimmen.

Welchen Rat geben Sie Abiturienten?

Das ist so einfach wie eindeutig: unbedingt beraten lassen! Jede Arbeitsagentur hat ausgebildete Berufsberater, die sich den ganzen Tag mit diesem Thema beschäftigen und sich in allen Bereichen auskennen. Für die Erstinformation empfehle ich immer unsere Plattform BERUFENET und unsere Jobbörse. In den Agenturen selbst gibt es Hilfe beim Schreiben von Lebenslauf und Bewerbungen. Es gibt auch einen berufspsychologischen Service, der auf die individuellen Bedürfnisse der Abiturienten eingeht und mit hilfreichen Tests zur Seite steht, auf die unsere Beratung aufbauen kann.


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