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David lernt ein Semester lang Tansania kennen

Randalierende Affen, zwei Mitbewohner pro Bett und Polizisten mit Wasserwerfern: Austauschstudenten in Tansania erwarten viele Überraschungen.

Plötzlich geht alles ganz schnell: Meine beiden Mitbewohner Daniel und Amrany räumen hektisch ihren Schrank leer, bauen die kleine Stereoanlage ab und stopfen Klamotten in ihre Koffer. Drei Stunden hat ihnen die Unileitung gegeben, das Studentenwohnheim und den Campus zu räumen. Polizisten mit Tränengas und Wasserwerfern verleihen der Forderung Nachdruck. Eine Machtdemonstration, eine Strafe für die Proteste und Streiks der letzten Tage, bei denen die Studenten für ein gerechteres Gebühren- und Stipendiensystem demonstriert hatten. Die gesamte Universität wird nun geschlossen, die Studenten müssen vorerst nach Hause – alle außer Master- und Austauschstudenten. Und so sitze ich mitten im Semester wieder alleine in meinem Zimmer und brauche vor allem eines: viel Geduld. Wie so oft während meines Auslandssemesters an der ‘University of Dar es Salaam’.


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Hamna shida. Kein Problem

Nach gut zwei Monaten habe ich mich in Tansania – berühmt für seinen Dreiklang aus Kilimandscharo, Serengeti und Sansibar und eines der ärmsten Länder der Welt – gut eingelebt, an die einfachen Lebensbedingungen und einen Alltag voller Überraschungen gewöhnt. Im Wohnheim, Stil sozialistischer Plattenbau, gibt es meist Strom, und auch das fließende Wasser kehrt nach jedem Ausfall irgendwann wieder zurück. Mein tansanianischer Freund Noah hat mir beigebracht, wie ich meine durchgeschwitzten T-Shirts und Hosen von Hand wasche – vor allem die dreckigen Stellen mit viel Seife kräftig aneinander reiben. Und wenn ich auf meinen Schreibtisch einen hohen Eimer stelle und darauf meinen Laptop, habe ich manchmal sogar Internet per Wireless Lan.

Mit den Geckos im Klo und den roten Ameisen in meinem Zimmer habe ich einen Waffenstillstand geschlossen und die Horde Meerkatzen, die über den weiten, grünen Campus zieht, ist sowieso total putzig – auch wenn die Affen regelmäßig den Inhalt unserer Mülleimer im ganzen Stockwerk verteilen. Die meisten Vorlesungen und Seminare – ich studiere in Tansania Journalistik und Politik – haben gut zwei Wochen nach dem offiziellen Semesterstart begonnen. Der Unterricht ist auf Englisch, für viele einheimische Studenten ist das nach der eigenen Stammessprache und der Landessprache Kisuaheli die dritte Sprache, die sie lernen.

Studieren in Tansania ist schwierig

Viele Bücher in der Bibliothek stammen aus den Anfangsjahren der Universität in den 1970er Jahren und ein Politik-Professor legt uns als gute Quelle Google ans Herz. Ein anderer Dozent erklärt, dass er sein Wissen vor allem aus kostenlosen Buchbesprechungen im Internet beziehe. Rund 80 Prozent der Bevölkerung in Tansania leben von der Landwirtschaft, Bildung ist ein wertvolles Gut. Doch die Studienbedingungen an der größten Universität des ostafrikanischen Landes sind schwierig.

Als kurz nach Semesterbeginn mein tansanianischer Mitbewohner Daniel in unser spartanisches Doppelzimmer einzieht, bringt er Amrany mit, einen Freund und Studienkollegen. Um eines der begehrten Betten in dem Wohnheim auf dem Campus zu bekommen, mussten die beiden ein Vielfaches der offiziellen Gebühren an den Wohnheimleiter zahlen. Für jeden alleine wäre das zu teuer, deshalb ziehen die Informatik-Studenten zusammen bei mir ein. Und schlafen jede Nacht zu zweit in dem quietschenden Metallbett.

Tansanianischer Alltag

Spannend ist neben den Uni-Veranstaltungen besonders der Alltag in dem afrikanischen Land, sind die Beobachtungen und Erfahrungen, die Gespräche und Diskussionen mit meinen tansanianischen Kommilitonen und Freunden. Leute kennen zu lernen, ist nicht schwer. Als Europäer falle ich auf, überall begleitet mich ein fröhlich-überraschtes »Hey Mzungu« – »Hey Weißer«.

Vincent, mit dem ich im Bus ein paar Minuten plaudere, lädt mich gleich fürs Wochenende zu sich nach Hause ein; und das, obwohl mein Kisuaheli aus dem Uni-Sprachkurs noch nicht für mehr als ein paar Minuten Smalltalk ausreicht. Mein altes Handy, für das ich an einem Stand an der Bushaltestelle für wenige Cents eine SIM-Karte gekauft habe, klingelt regelmäßig: Freunde und Kommilitonen erkundigen sich, wie es mir geht, geben mir noch einen netten Wunsch mit auf den Weg – und legen schon wieder auf. Tutaonana. Wir sehen uns.

Nicht schön, aber aufregend

Vom Wohnheimdach auf dem Campus reicht der Blick weit über Daressalam, der größten Stadt des Landes, Regierungssitz und Wirtschaftsmotor. Die Drei-Millionen-Metropole ist erstaunlich grün, die Straßen sind holprig und sandig, in der Luft liegt beißender Rauch von verbranntem Müll – ein funktionierendes Entsorgungssystem gibt es nicht. Chaotischer Verkehr, geschäftiges Treiben, wuselige Märkte: Eine schöne Stadt ist Daressalam nicht, aber aufregend. Mit den klapprigen Kleinbussen, den Dala-Dalas, durch die Stadt zu fahren, ist jedes Mal ein kleines Abenteuer.

Im wilden Gedränge auf den Märkten gibt es Lebensmittel und Gewürze, farbige Stoffe und Gewänder, Kunsthandwerk und Wundermittelchen aus Wurzeln und Kräutern. Dazwischen stapelweise Plastik-Utensilien aus China und Klamotten aus den Altkleidersammlungen Europas. Vor allem rund um den Hafen stehen noch etliche Kolonialhäuser; sie stammen aus der Zeit, als Tansania zu ‘Deutsch-Ostafrika’ gehörte und Daressalam die Hauptstadt der deutschen Kolonie war.

Tansania erkunden

Außerdem ist Dar, wie die Einheimischen sagen, ein guter Ausgangspunkt für Ausflüge. Nicht weit vom Stadtzentrum schlagen die Wellen des Indischen Ozeans auf kilometerlange, weiße Sandstrände. Nach Sansibar, der paradiesischen Gewürzinsel mit ihrer arabisch-charmanten Hauptstadt Stonetown, braucht die Fähre vier Stunden. Und direkt neben dem Campus liegt der zentrale Busbahnhof, von dem aus man das ganze Land bereisen kann: Die weltberühmten Nationalparks im Norden Tansanias, der schier unendliche Viktoriasee an der Grenze zu Uganda und Kenia, die grünen Berge im Süden des Landes. Safari njema. Gute Reise.

Doch zurück zur Uni: Eine Woche nach dem Streik gehen die Vorlesungen für uns Austauschstudenten weiter – den einheimischen Studenten aber werden ausgiebige Weihnachtsferien verordnet. Sie dürfen erst nach zwei Monaten wieder zurückkommen. Die Unileitung und der Bildungsminister wollen zeigen, wer am längeren Hebel sitzt. Offene Meinungsäußerungen und Proteste der Studenten scheinen nicht willkommen zu sein – obwohl Tansania immer wieder als eine der stabilsten Demokratien Afrikas gelobt wird. Mir beschert der rabiate Rauswurf erstmal wieder ein Einzelzimmer, auf dem Metallbett meiner Mitbewohner liegt nur noch ein Bügeleisen, darunter einzelne Socken. Geschafft von der schwülen Hitze lasse ich mich auf mein eigenes Bett fallen, genieße die plötzliche Ruhe und frage mich, welche Überraschungen mich in Tansania wohl noch erwarten.

Infos über Tansania

> Tansania ist ein Staat im Osten Afrikas und liegt am Indischen Ozean. In dem seit 1961 unabhängigen Land leben rund 41 Millionen Menschen.

> Hauptstadt Tansanias ist Dodoma, in der allerdings nur rund 180.000 Einwohner leben. Die größte Stadt ist mit 2,7 Millionen Einwohnern Daressalam.

> Die Lebenserwartung liegt bei circa 51 Jahren, mehr als sechs Prozent der Erwachsenen sind mit dem HI-Virus infiziert.

> Tansania ist berühmt für seine einmaligen Naturlandschaften: Im Nordosten befindet sich mit dem Kilimandscharo das höchste Bergmassiv des Kontinents (5.895 Meter Höhe). Im Norden Tansanias liegt mit dem Victoriasee der drittgrößte See der Erde, der mit einer Oberfläche von circa 70.000 Quadratkilometern etwa so groß ist wie der Freistaat Bayern. Zudem erstreckt sich die Serengeti mit dem gleichnamigen Nationalpark im Norden des Landes.


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