Bunte Reihenhäuser in vor Tafelberg mit Wolken

Freiwilligenarbeit in Südafrika

Das Leben in Kapstadt ist bunt und vielseitig. Während ihrer Zeit als freiwillige Entwicklungshelferin hat Kathrin die Licht- und Schattenseiten von Südafrika kennengelernt

»Woher kommt ihr?«, frage ich meine Schüler an meinem ersten Tag in Südafrika. Die Antworten sind bunt gemischt. »Aus dem Kongo.« »Somalia.« »Ich komme aus Swasiland.« »Namibia.« »Soweto.« Was sie alle gemeinsam haben? Sie wollen lernen, wie man einen Computer bedient – dafür sind sie ins Community Center von Vrygrond gekommen, ein Township etwa 25 Kilometer außerhalb von Kapstadt.

In meinem letzten Semester habe ich beschlossen, mein Vorhaben freiwillige Arbeit zu leisten, endlich in die Tat umzusetzen – und eine Bewerbung an initiAid e.V. geschickt. Die studentische Initiative der Hochschule Pforzheim wurde 2013 gegründet und in den vergangenen zwei Jahren bauten ihre Mitglieder in Zusammenarbeit mit der University of Cape Town (UCT) das Computer Lab im Vrygrond Community Center auf. Inzwischen ist es mit 20 Computern ausgestattet und bietet täglich IT-basierte Traininings- und Bildungsangebote. Ich unterrichte und gestalte den vierwöchigen Computerbasiskurs, in dem die Schüler den Umgang mit MS Office, dem Internet und Emailprogrammen lernen und erfahren, wie man eine gute Bewerbung schreibt. Außer ein paar Impfungen, einem internationalen Führerschein und einem Reisepass brauche ich nicht viel. Nur wer länger als 90 Tage in Südafrika bleibt, benötigt ein Visum, das für unbezahlte Arbeit oder Studium im Normalfall aber problemlos ausgestellt wird. Bei der Suche von Wohnung und Mietwagen unterstützt mich initiAid und dann steige ich einfach ins Flugzeug und es geht los.

Das Leben der Anderen: Arbeit im Township

Die ersten Tage ist die Fahrt durchs Township eine Herausforderung. Wellblechhütten, Müllberge, Kinder und Hunde, die gemeinsam auf der Straße spielen prägen das Bild vor der Windschutzscheibe. Alles sieht erschreckenderweise tatsächlich so aus wie in den Fernsehreportagen. Wir Freiwilligen sind vorsichtig – lassen Kreditkarten zu Hause, verteilen unser Bargeld auf Hosen-, Jacken- und Handtaschen und nehmen es mit der Zentralverriegelung sehr genau. Doch nach den ersten Wochen legt sich das komische Gefühl. Man gewöhnt sich daran, gewisse Vorsichtsmaßnahmen walten zu lassen und zu keinem Zeitpunkt fühle ich mich wirklich in Gefahr. Ganz im Gegenteil: Die Arbeit im Township macht großen Spaß. Das könnte aber auch an den Schülern liegen, die jedes Wort aufsaugen – was aber nicht bedeutet, dass typisch deutsche Pünktlichkeit und Kontinuität hier genauso groß geschrieben werden. Spätestens am ersten Regentag muss ich feststellen, dass jeder noch so motivierte Afrikaner lieber zu Hause bleibt, wenn sich die geschotterten Straßen von Vrygrond in kleine Seenlandschaften verwandeln.

Schatten der Vergangenheit: Ein Land der Gegensätze

Schlechtes Wetter ist in Kapstadt zum Glück eine Seltenheit. Meistens kann man bei strahlendem Sonnenschein die Gegend erkunden. Strände, Berge und unzählige Nationalparks machen die ›Mother City‹ zu einem vielseitigen, bunten Zielort, in dem jeder eine neue Lieblingsbeschäftigung findet. Der tollste Augenblick? Nach einem halsbrecherischen Aufstieg auf den Lion’s Head den atemberaubenden Ausblick über die Stadt genießen zu können. Auch eine Gondelfahrt auf den Tafelberg, einen Ausflug ans Kap der guten Hoffnung oder eine Wine-Tasting-Tour in den Weinbergen vor Kapstadt haben wir uns nicht entgehen lassen. Und natürlich geht es so oft wie möglich an den Strand: In Camps Bay, wo auch die Villen der Reichen und Schönen stehen – ein krasser Gegensatz zur Armut im Township.

Ganz Kapstadt ist von diesen Gegensätzen geprägt. Die Häuser der wohlhabenden weißen Bevölkerung stehen auf der einen Straßenseite, die Wellblechhütten der dort arbeitenden schwarzen Hausmädchen auf der anderen. Das Erbe der Apartheid ist noch deutlich zu sehen – auch wenn alle Südafrikaner, die ich kennenlerne, sich unbedingt Änderungen im Land und eine bessere Politik wünschen. Ihnen allen ist außerdem eine Herzlichkeit und Freundlichkeit gemeinsam, die man in Deutschland oft vermisst. Wer nicht ›How are you?‹ fragt ist schlicht unhöflich. Wer als Antwort zu jammern anfängt, übrigens auch. Nur an ein paar Dinge kann ich mich einfach nicht gewöhnen: Daran, dass mir jemand das Auto bewacht oder betankt, mir die Einkäufe tragen möchte und mich um Geld anbettelt, weil ich ja ganz eindeutig reich sein muss.

Die Entdeckung der Langsamkeit: Leben in Südafrika

Auch am Campus der University of Cape Town (UCT) klafft die Schere zwischen arm und reich. Die Gebühren pro Semester liegen bei bis zu 64.000 Rand, umgerechnet etwa 4.250 Euro. Viele Studenten können sich das schlicht nicht leisten und ihre Eltern verschulden sich deshalb über Jahre, um ihren Kindern eine bessere Bildung zu ermöglichen. Das Department of Information Systems, wo wir uns mit Vertretern der UCT treffen, um über die Zukunft des Computer Labs zu sprechen, ist dagegen auf dem neuesten Stand der Technik: Per Chipkarte entriegelbare Türen, moderne Flachbildschirme und gläserne ›Think Tanks‹. Budget für das Lab ist trotzdem nicht übrig: Die wirtschaftliche Lage ist schließlich schlecht und die Studenten, die sich ehrenamtlich engagieren, haben wegen der Klausuren keine Zeit. Ich muss feststellen, dass man in Südafrika nicht mal schnell etwas ändern kann. Dinge passieren langsamer und überhaupt nur, wenn man sehr hartnäckig dranbleibt. Ich erfahre, was wohl viele freiwillige Entwicklungshelfer frustriert: Das Gefühl, mehr helfen zu wollen, aber einfach nicht zu können.

Und trotzdem hat mir Südafrika beigebracht, die Dinge gelassener zu sehen. Mehrstündige Stromausfälle, weil nicht genug Elektrizität für alle Stadtteile vorhanden ist, geklaute Autobatterien, Gitter vor dem Fenster oder Geckos im Schlafzimmer – nach einem Monat entlockt einem das nur noch ein müdes Lächeln. Abendessen bei Kerzenschein kann ja auch ganz romantisch sein. Und wer den Menschen, die er kennenlernt, offen entgegentritt und sich nicht von Vorurteilen verunsichern lässt, stellt immer wieder fest, dass die Negativklischees, so wie in jedem Land, auf ein paar Individuen leider zutreffen, aber eben längst nicht auf alle. Zum Abschluss meines zweimonatigen Aufenthalts gibt es noch ein ›Braai‹ für alle. Das südafrikanische Barbecue ist ein Event, zu dem nur echte Freunde eingeladen werden und genau das sind meine Schüler in der Zeit, die wir gemeinsam für ihre hoffentlich bessere Zukunft gearbeitet und gelernt haben, irgendwie auch geworden. 


Anzeige

Anzeige