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Studieren anderswo: Grillen und Gewalt in Kapstadt

Patricia absolvierte ein viermonatiges Praktikum in Kapstadt. Dort erlebte sie einige Überraschungen und konnte fleißig Anfahren am Berg üben.

Da unten, da wo der Wind so viel geht, da wo sich das Wetter innerhalb von Minuten verändern kann, da wo man vom Wasser umzingelt ist, da wo der Unterschied zwischen arm und reich so groß ist wie der Äquator lang, da wo man in die Berge und auch an den Strand gehen kann, da wo man links fährt, aber überall überholt, da wo man Barbecue ›Braai‹ nennt – da ist Cape Town.

Pünktlich zum Einsetzen des deutschen Winters setzte ich mich in den Flieger und verschaffte mir einen zweiten Sommer. Zwölf Stunden Flugzeit auf die andere Welthalbkugel nimmt man bei den heutigen komfortablen Flügen dafür gerne in Kauf. Schon bei der Landung des Fliegers haben es alle Insassen bemerkt: Hier wird es windig! 25 bis 30 Grad? Der Temperaturangabe aus dem Internet sah man leider nicht an, dass das frische Lüftchen am Kap davon gefühlte fünf bis zehn Grad wegweht. Sämtliche Haarsprays waren vergebens, die Frisur hielt nicht. Man musste für alles gewappnet sein, ob für Sonnenschein oder Gewitter.

Der Grund warum ich überhaupt nach Kapstadt gekommen bin, war ein Praktikum

Mein Studium der Vergleichenden Sprach- und Literaturwissenschaft (Übersetzen und Dolmetschen) sah einen dreimonatigen Aufenthalt im englischsprachigen Ausland vor. Ich entschied mich für vier Monate inklusive Reisezeit. Von Dezember bis April entfloh ich also den Minusgraden und freute mich auf das große Unbekannte, das vor mir lag. Die Firma, in der ich das Praktikum machen wollte, suchte ich mir schon zu Hause aus, und ich organisierte auch alle anderen Dinge, wie Visum und Flüge. Da Kapstadt sehr viel relaxter ist als manch andere Stadt, war es auch nicht sehr schwierig eine Stelle zu finden. Im ersten Monat wohnte ich in einem Vorort, fünf Zugstationen vom Zentrum entfernt. Da Kapstadt als nicht allzu sicheres Pflaster gilt, versuchte ich mich in der Öffentlichkeit, wie es Reiseführer empfehlen, unauffällig und selbstsicher zu verhalten. Doch besonders die ersten zwei Wochen hatte ich ständig ein mulmiges, unwohles Gefühl. Denn in der Tat ist Kriminalität in Kapstadt ein großes Thema. Nach zwei Wochen wurden die Regeln doch bald zur Routine: keine wertvollen Gegenstände offen mit sich herumtragen, das Haus nach Dämmerung nicht alleine verlassen, besser auch für kurze Strecken ein Taxi rufen, niemals Gegenstände im Auto zurücklassen, bei Nachtfahrten immer das Knöpfchen runter! Ich merkte: Auch wenn einem lange Zeit nichts passiert: Der größte Fehler war es, sich zu sicher zu fühlen und plötzlich unbedacht und unaufmerksam zu sein. Die Verbrechen geschehen. Nicht umsonst verbarrikadieren viele Leute ihre Häuser mit Mauern, Stacheldraht und Alarmanlage.

Davon abgesehen ist Kapstadt ein wahnsinnig interessantes Fleckchen Erde mit wunderschönen Buchten, Sandstränden und Küstenabschnitten. Manchmal fühlte man sich irgendwie zurückversetzt in ein anderes Jahrhundert, da vieles noch nicht so fortschrittlich ist wie beispielsweise in Deutschland. Aber dennoch ist Kapstadt mit seiner Musik- und Modekultur auch trendy. Irgendwie eine Mischung aus alt und neu. Eine Eigenschaft, die uns mit den Kapstädtern verbindet, ist aber die Liebe zum Essen. Wer glaubt, Deutsche seien die Meister der Grillkunst, der sollte sich erst mal die dortige Konkurrenz anschauen. Denn Grillen, Barbecue oder wie man es auch immer nennen mag, hat in Südafrika einen wiederum anderen Namen, und zwar ›Braai‹. Gegrillt werden Maiskolben, Gemüse, Teigtaschen, Fleisch oder die beliebte Boerewors, eine Wurst, die im Supermarkt gerne als ein Meter lang gerolltes Etwas verkauft wird und bei Weitem besser schmeckt als sie auf den ersten Blick aussieht. Ein absolutes Highlight war dementsprechend auch ein Besuch bei ›Mzolis‹, einer Metzgerei in der Township Gugulethu, die auf Wunsch frisches Fleisch mit einer Geheimrezept-Soße auf den Braai wirft. Dann heißt es erst einmal warten und tanzen. Denn nebenan legt jedes Wochenende ein DJ Musik auf, zu der typisch südafrikanisch getanzt und gefeiert wird. Beste Taktik: Einfach mittanzen, auch wenn man neben den lokalen dunkelhäutigen Schönheiten oft alt aussieht, denn die haben den Rhythmus einfach im Blut. Ob 50 oder 100 Kilo auf den Rippen, man sieht Hüften schwingen und Brüste wackeln, Frauen tanzen, Männer tanzen, Kinder tanzen, Omis tanzen, mit allem was sie haben. Wenn das Essen dann bereit ist, bekommt man seine Plastikschüssel mit der Fleischportion, die man als Gruppe bestellt hat. Man könnte meinen, vor einem steht ein großer Hundefressnapf und plötzlich fühlt man sich ein bisschen wie ein wildes Tier. Dann sucht man nach dem Besteck, findet keines, schaut sich um und bemerkt, dass alle mit den Fingern essen. Wildes Tier. Also einfach zugreifen und sich ein Stück vom Schweinebauch mit den Zähnen abreißen. Früher war es ja auch nicht anders. Und immer schön weiter tanzen.

Sehr viel Spaß hatte ich außerdem mit meinem Mietauto, einem alten weißen VW Citi Golf

In den ersten zwei Wochen tat ich mir besonders schwer, den ersten Gang überhaupt mal zu finden. Nach einer Weile gewöhnte ich mich jedoch an das kleine Schrottkistchen und lernte es zu lieben. Denn ohne Auto kam ich aufgrund des unvollständigen öffentlichen Verkehrsnetzes in Südafrika nicht an alle Orte, die ich besichtigen wollte. Eine Lektion, die ich zur Genüge lernte: am Berg anfahren. Denn Stau am Berg ist in Kapstadt Alltag und absolut nichts Schönes, wenn man kein Automatikauto fährt. So trug mich das alte Klapperteil durch die City und die Townships, die Vororte, in denen die arme Bevölkerung in Wellblechhütten lebt. Highlights waren unter anderem: der Hallenmarkt und die Seehunde in Hout Bay, mit Pinguinen schwimmen am Boulders Beach, eine Wanderung auf dem weltberühmten Tafelberg, eine Graffiti-Tour durch Woodstock, trotz dem großen Haivorkommen nach Muizenberg zum Surfen. Und noch so viele Dinge mehr, die man einfach erlebt haben muss.

Doch wer länger in Kapstadt bleibt, erfährt nicht nur die schönen Seiten Südafrikas

Die Kriminalitäts-Gesamtbilanz meines Aufenthalts: ein geklautes Handy und ein Einbruch in mein Mietauto. Ich denke, damit kam ich noch ganz gut weg. Jedoch gab es auch andere Vorfälle. Eine Freundin wurde auf der Straße zusammengeschlagen und ausgeraubt, obwohl ein ›Security‹-Mann drei Meter entfernt stand und seelenruhig zuschaute. In einem Haus um die Ecke wurde nachts eingebrochen, weil ein Mädchen zum Schlafen ein Fenster offen gelassen hatte. Vom Balkon aus beobachtete ich eines Tages wie eine Gruppe von Leuten ein Auto stehlen wollte. Scheinbar schamlos wurde ich Zeuge davon, wie die arme Bevölkerung sich versucht das zurückzunehmen, was ihnen noch vor ein paar Jahren während der Apartheid genommen wurde. Es war durchaus erschreckend, ein Stückchen Geschichte so nah und präsent zu erleben. Irgendwie hat es mich wach gerüttelt und mir klar gemacht, wie gut es uns doch ins Deutschland geht.

Dennoch bietet Kapstadt so viel Schönes

Die wahnsinnig interessante Kultur und atemberaubende Natur sind wirklich unschlagbar. Zwischen unbändiger Lebensfreude der Bevölkerung und den traurigen Überbleibseln einer verkorksten ehemaligen Regierung habe ich vieles erlebt, das mich geprägt hat. Kapstadt, das ›uncomfortable paradise‹, wie es dort oft genannt wird, ist einfach unbeschreiblich unvorhersehbar. Jeden Tag heckt es neue Überraschungen aus.


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