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Aufbauhilfe in Tadschikistan

Paula Moor ist in Tadschikistan geboren. Dann brach die Sowjetunion zusammen und ihre Familie ist nach Deutschland gezogen. Sie ist zurückgekehrt – und hilft im Auftrag des DED beim Wirtschaftsaufbau.

Paula hat eine eckige Brille. Weder eckige Brillen noch Turnschuhe sind Mode, da, wo sie gerade ist. Im autonomen Gebiet Bergbadachschan, einem Teil von Tadschikistan. Tadschikistan ist Zentralasiens Land der Superlative. Es ist das zentralste, das kleinste, mit den höchsten Berggipfeln, den größten Wasservorräten, den buntesten Frauenkleidern, aber auch mit den ärmsten Bewohnern. 2007 hatte Paula die Wahl zwischen Chorog und München. Sie hatte sich beim Deutschen Entwicklungsdienst (DED) für eine Stelle innerhalb des Nachwuchsförderungsprogramms (NFP) beworben.

»Schon zwei Wochen nach der Bewerbung wurde ich nach Bonn eingeladen.« Dort hat sie dann die Auswahltagung erfolgreich durchlaufen. Dann ging es also nach Chorog, einer Stadt im Pamir-Gebirge, auf 2.000 Metern Höhe im Südosten von Tadschikistan an der afghanischen Grenze. Von der Hauptstadt Duschanbe mit dem Hubschrauber eineinhalb Stunden entfernt, mit den kleinen Taxen durch das Gebirge kann es auch mal 36 Stunden dauern. Paula lacht und sitzt im Büro des DED in Duschanbe, froh, mal wieder in der Hauptstadt zu sein. Es ist auch ihre Heimatstadt, hier wurde sie geboren. Ihre Großeltern haben sich verloren, als sie 1941 aus einem kleinen Ort in der Ukraine nach Deutschland deportiert worden sind und wiedergefunden, nach dem Krieg. An einem Bahnhof, irgendwo in Zentralasien. Ihre Eltern haben sich in Duschanbe kennen gelernt. Nach dem Zusammenfall der Sowjetunion und vor Tadschikistans Bürgerkrieg ist ihre Familie 1990 als eine der ersten nach Deutschland ausgereist. »Eigentlich konnte ich so gut wie kein Deutsch«, erinnert sich Paula. Heute ist das anders. Sie ist in Tübingen aufs Gymnasium gegangen und spricht fließend deutsch. »Jede Kindheit ist schön, wenn bei mir auch tragisch«, sagt Paula, die immer gute Erinnerungen an Tadschikistan hatte. Irgendwann wollte sie zurückkehren. »So sehr ich versuchte, mich von Tadschikistan zu distanzieren, irgendwie ist ein Teil der Wurzeln hier geblieben.«


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Als erste aus ihrer Familie ist sie 2005 zurückgekommen, um für ihre Diplomarbeit zu forschen: ‘Der Transformationsprozess in Tadschikistan. Aktueller Stand und Perspektiven.’ Erschrocken war sie vor allem vom Bildungsniveau in Tadschikistan. Es ist eines der wenigen Länder, in dem sich der Bildungsstandard nicht verbessert, sondern verschlechtert. Viele Kinder gehen arbeiten, viele Eltern haben kein Geld für die Schule oder für Schuhe, um die Kinder im Winter in die Schule zu schicken. Von fehlenden Lehrmaterialien ganz zu schweigen. Paula Moor hat in Dresden VWL mit den Schwerpunkten Internationale Wirtschaftsbeziehungen und Managerial Economics studiert. Der Traum »Tadschikistan mit aufzubauen« hat sie dabei begleitet. Paula ist sehr emotional, das passt zu den warmen Menschen in Tadschikistan.

Der Traum begleitet sie auch jetzt

An Tagen ohne Strom und ohne Heizung in Chorog.

»Ich hatte wahnsinniges Glück, dass ich im Pamir gelandet bin, der Entwicklungsstand ist höher, die Natur atemberaubend.«

Sie arbeitet hier für den DED in der Unterstützung von Kleinunternehmen und der wirtschaftlichen Förderung.

»Den Pamiris fehlt die Geschäftstüchtigkeit. Sie verschenken alles viel lieber, als dass sie es verkaufen.«

Sie arbeitet mit Handwerkern zusammen, zum Beispiel mit Kamol, dem Filzmeister. Tadschikistan ist kein tragisch armes Land, vieles liegt im Pamir auf der Straße. Etwa alte Felle, die nun zu Filz verarbeitet werden für Taschen, Kleidung, Schuhe und Spielzeug. Kamol hat Baumaterial für den Ausbau seiner Werkstatt bekommen, dafür hat er zwei Seminare gehalten, um andere in die Filzkunst einzuweisen. Und Paula ist mittendrin. Berät und entwickelt neue Geschäftsideen. Zum Beispiel werden jetzt kleine Filztiere hergestellt und auf den Märkten in Duschanbe verkauft. »Die haben meine Jungs gemacht und darauf bin ich unheimlich stolz.« Sie entwickelt auch Produkte, kocht neue Marmeladensorten aus den Früchten des Pamirs. Etwas distanziert und doch mit viel Nähe charakterisiert sie ihre Zusammenarbeit mit den Einheimischen. Einerseits ist sie ‘Duschanbinka’, eine Frau aus Duschanbe, andererseits ist sie Deutsche. Und zur Freundlichkeit und Emotionalität mischt sich Geschäftssinn. Den sie weitergeben möchte. Denn die Arbeitslosigkeit ist hoch im Pamir und die Menschen sind von einer gewissen Erwartungshaltung geprägt. Mit dem DED hat Paula eine Möglichkeit gefunden, theoretische Businesspläne aus dem Studium in der Praxis anzuwenden und junge Unternehmer zu beraten. Erholung findet Paula in den heißen, heilenden Quellen des Pamirs.

Ein dreiviertel Jahr ist sie nun schon hier und war noch nie krank.

»Ich habe gedacht ein Jahr reicht erst mal, aber jetzt denke ich, es ist verdammt kurz.«

Sie kann sich gut vorstellen, nach ihrem Einsatz noch einmal zurückzukehren nach Zentralasien. Denn sie hat viele Ideen:

»Es gibt Sanddorn im Pamir und Hagebutten. All das sind Ressourcen, die mit ein wenig Geschäftssinn nutzbar gemacht werden können und zusätzlich die verheerende Wüstenbildung einschränken könnten…«

Schon jetzt ist sie bekannt im Pamir. Mehrere Sendungen über ihre Projekte wurden schon im Fernsehen von Bergbadachschan gezeigt. Auf den holprigen Straßen von Chorog wird sie erkannt und angesprochen. Nicht nur wegen ihrer eckigen Brille und den Turnschuhen. Eventuell wird sie weiter für den DED arbeiten. 65 Prozent der Stipendiaten werden übernommen bzw. haben sich erfolgreich bei einer anderen Organisation der Entwicklungszusammenarbeit beworben. Nach einer Umfrage von 2005 sind 92 Prozent der Teilnehmer mit ihrer NFP-Zeit zufrieden oder sehr zufrieden.


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