Mädchen auf Boot mit vietnamesischer Flagge, im Hintergrund Wasser und Berge

Auslandssemester in Vietnam: Der Sprung ins kalte Wasser

Maria lernte in Vietnam nicht nur eine andere Kultur, sondern auch den Wert eines jeden einzelnen Tages schätzen

Einfach ins kalte Wasser geschmissen werden, nicht wissen was auf einen zukommt und noch nie dagewesene Situationen meistern, das war der Plan für mein Praxissemester. Hierfür kam das Praktikumsangebot in Ho Chi Minh City genau richtig. Als ich meiner Familie und Freunden von dem Plan erzählte, mein Praxissemester in Vietnam zu verbringen, kamen von einigen Seiten erst einmal Kommentare wie:

  • ›Was? Da herrscht doch noch Krieg!‹
  • ›Bist du dir sicher, dass du das Essen dort verträgst?‹
  • ›Du spinnst doch, was willst du denn da genau arbeiten?‹

Nach einiger Aufklärungsarbeit wurde jedoch der Zuspruch immer größer und ich bekam Unterstützung von allen Seiten – außer von meiner Oma, die hatte bis zuletzt Angst um mich. Ich dachte anfangs, dass es mit viel Aufwand verbunden sei, das Praxissemester im Ausland zu verbringen, aber eigentlich musste ich lediglich die Bewerbung schreiben, den Arbeitsvertrag abschließen und den Flug buchen. Was in einem Land wie Vietnam noch dazukommt, sind einige Impfungen und die Besorgung von Medikamenten.

Der erste Eindruck von Vietnam

Mein erster Eindruck von Vietnam war von großer Verwunderung geprägt, wie das dort alles funktionieren kann: Hunderte von Rollern wuseln durch die Straßen, an jeder Ecke gibt es Essen aus komischen Töpfen und der Himmel ist bedeckt von Kabelsträngen. Diese Eindrücke verflüchtigten sich jedoch von Tag zu Tag und ich lernte das Land lieben. Es war spannend durch die Straßen zu gehen und an jeder Ecke etwas Neues zu entdecken. Das Gefühl, ein Außerirdischer in einer fremden Welt zu sein, wurde mir von freundlichen Blicken meiner Nachbarn allmählich genommen.

Ich lebte zusammen mit einem Franzosen, Amerikaner und einem Deutschen in einem großen mehrstöckigem Haus direkt im Zentrum von Ho Chi Minh City. Für mich persönlich war es die beste Entscheidung in solch ein internationales Haus zu ziehen, da man dadurch schnell neue Kontakte knüpfen kann und seine Englischkenntnisse verbessert. Anfangs schwor ich mir, niemals in Vietnam Roller zu fahren – ich dachte da komme ich nie wieder lebend nach Hause. Aber was wäre dieses Land ohne Roller? Also nichts wie los, auf zur nächsten Vermietung und ab auf das Gefährt – nur keine Unsicherheit ausstrahlen, hupen und lächeln.

Vietnam: die Praktikumsstelle

Auf meiner Arbeitsstelle wurde ich gleich am ersten Tag von meinen Arbeitskollegen freundlich aufgenommen. Anfangs verbrachte ich die meiste Zeit im Büro der Zentrale in Ho Chi Minh City, zum Schluss meines Praktikums war ich mehr in der Werkstatt tätig. In Vietnam sieht der typische Arbeitstag etwas anders als in Deutschland aus. Nachdem alle eingetrudelt sind, wird erst einmal gefrühstückt und der neueste Klatsch und Tratsch ausgetauscht. Bis zum Mittagessen – immer Reis – wird wirklich gearbeitet. Aber ein kleines Mittagsnickerchen nach dem Essen darf nicht fehlen und zwar unter dem Schreibtisch mit Katalogen als Kissen.

Um 15 Uhr gibt es dann Geburtstagskuchen, denn irgendjemand hat immer Geburtstag. Meine erste Aufgabe im Unternehmen bestand darin, einen Rohbau in einen neuen Showroom zu verwandeln. Es hieß nur: ›Jetzt mach mal, Maria.‹ Kataloge auswendig lernen, Beschläge heraussuchen, Listen schreiben, Konzepte entwickeln, Konstruktionszeichnungen erstellen und Baustellenkoordination waren nun meine Aufgaben. Also grob gesagt: alles. Das hört sich zwar gut an, doch in Vietnam ist alles nicht so, wie man sich das vorstellt. Manchmal kosteten mich meine Kollegen den letzten Nerv. Ich fluchte circa zehn Mal täglich: ›Diese Vietnamesen.‹

Fragt man sie nach ihrer Meinung oder bittet sie eine Aufgabe zu übernehmen, kommt zu 99,9 Prozent die Antwort ›sure, sure, sure‹, ganz egal ob sie kapieren, was du von ihnen willst oder eben nicht. Parallel zum Ausbau des neuen stationären Showrooms durfte ich einen alten Bus zu einem mobilen Showroom ausbauen. Die Erfahrungen der letzten Monate ließen dieses Projekt Gott sei Dank etwas routinierter ablaufen. Beim Ausbau half ich selbst in der Werkstatt mit, die Ausstellungsmöbel zu fertigen. Wenn ich daran zurück denke könnte ich allerdings wieder heulen. Weiße Hochglanzfronten werden mit Maschinenöl von Klebstoff befreit und die Plattensäge ist ›no good, no good‹. Trotz dieser unfassbaren Erlebnisse war es aber eine richtig tolle Zeit in der Werkstatt. Ich lernte unseren Schreinern die Plattensäge zu bedienen und im Gegenzug brachten sie mir ein bisschen Vietnamesisch bei, so dass ich ihnen die Formate der Platten auf Vietnamesisch sagen konnte. Ach ja, das verriet ich ja noch gar nicht: Im Workshop konnte keiner Englisch. Die Verständigung passierte mit Händen, Füßen und einigen Zeichnungen. Seither bin ich immer im Siegerteam bei ›Activity‹.

Freizeit in Vietnam

Die Freizeitaktivitäten in Vietnam sind unendlich. Meine zweite Heimat wurden Stoffmärkte und Schneiderläden sowie Straßen voller Perlen. Man glaubt es kaum, aber die Vietnamesen können sogar ein Dirndl schneidern. Unter der Woche war es Pflicht nach der Arbeit noch etwas trinken zu gehen oder am besten eine Karaoke-Bar zu besuchen. Das Schlimme daran ist allerdings, dass im Karaoke-Repertoire ausschließlich Schnulzenlieder etwa von Celine Dion und Modern Talking vorhanden sind. Eine schöne Massage – eine halbe Stunde für drei Euro – durfte natürlich nach einem harten Arbeitstag auch nicht fehlen. Es ist es auf alle Fälle auch Wert, an den freien Wochenenden Ausflüge ans Meer zu machen. Gute Strände sind zum Beispiel in Mui Ne, Na Trang und ein Geheimtipp ist die Insel Phu Quoc. Essen ist in Vietnam die reine Lebensqualität.

Man sieht an jeder Ecke Straßenküchen und es ist zu empfehlen, auch jede davon auszuprobieren und sich nicht von der mangelnden Hygiene abhalten zu lassen. Die vietnamesische Küche ist hervorragend! Wenn ich so darüber schreibe, merke ich erst wieder, wie gut es mir eigentlich in diesem Land ging. Leider kann man nicht alle Erlebnisse in Worte fassen, manche laufen nur wie ein Film im Kopf ab. Ich kann nur jedem empfehlen, ein solches Abenteuer zu wagen. Man bekommt eine ganz andere Sicht auf das Weltgeschehen. Eher ungewollt, aber dennoch sicher, hat mich das halbe Jahr in Vietnam verändert. Man lernt die Einfachheit zu schätzen, begreift, dass es uns mehr als gut geht und realisiert, dass es jeder Tag wert ist, etwas Besonderes zu sein. 


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