Ein Brief an das Reich der Mitte

Janina kam nach einem Semester in Peking für ein Praktikum nach China zurück – und schreibt einen Abschiedsbrief an das ›Reich der Mitte‹

Hallo China, vielleicht wunderst du dich, wieso ich schreibe, aber meine Zeit hier ist bald vorbei und ich wollte dir unbedingt noch sagen, wie es mir hier erging, um meine Zeit noch einmal Revue passieren zu lassen.

Ich muss zugeben, du hast mich schon leicht schockiert als ich hier ankam. Deine Menschen, die Lautstärke und die hektische Lebensweise haben mir anfangs recht zugesetzt. Ich weiß, ich hätte mich vorher ein wenig mehr über dich informieren sollen, aber du hättest mir und meinen Mitreisenden die Einreise ruhig etwas einfacher machen können. Erst der Visumsantrag, der am liebsten den Ablauf meiner Reise auf die Minute genau gewusst hätte. Dann der Versuch, uns am Flughafen über den Tisch zu ziehen, als wir ein Taxi nutzen wollten. Und außerhalb des Flughafens war auch schon Schluss mit der Verständigung auf Englisch … Aber um es mal vorweg zu nehmen: Genau diese Erfahrungen werde ich wohl nie vergessen und diese haben mir auch gleichermaßen geholfen, nach dem Wurf ins kalte Wasser schnell wach zu werden, um nicht nur die Sprache, sondern auch das Handeln zu lernen.


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Wie schon erwähnt, war meine Einreise etwas holprig. Da ich nicht auf dem Uni-Gelände wohnen wollte, habe ich mich Mitstudenten angeschlossen, um eine Wohnung zu suchen. Aber du musst mir noch einmal erklären, wieso man sich hier polizeilich registrieren lassen muss. Hotels übernehmen das ja für Touristen, aber mit mittelmäßigen Chinesisch-Kenntnissen selbst zur Polizei zu müssen, um eine Aufenthaltsgenehmigung zu beantragen, war schon schwer.

Nachdem ich meinen Jetlag und den ersten Kulturschock überwunden hatte, konnte ich dann auch endlich anfangen, dich kennen und lieben zu lernen. Ich gebe zu, ich habe Zeit gebraucht dich zu mögen. Du bist anders und auch teilweise eigen- wie auch widersinnig. Es war mir neu, dass ständig auf den Boden gespuckt wird ohne mit der Wimper zu zucken oder dass deine kleinen Mitmenschen keine Pampers tragen, sondern einfach – für das schnelle Geschäft – einen Schlitz in der Hose haben. Ganz zu schweigen von den Blicken, die ich tagtäglich erfahren musste. Sind wir denn so unbekannt für euch? Zuerst war es etwas Neues, ständig fotografiert und angestarrt zu werden, es war lustig. Allerdings kennen deine Leute teilweise keine Privatsphäre und nachdem sie nicht aufhörten, fing es an, mich ein wenig zu stören. Aber auch das konnte ich akzeptieren und hat meine Meinung über dich nicht geändert.

Kulinarsche Highlights in Tokio

Meine zwei Masterkurse, die ich an der Universität für Außenwirtschaft und Handel (UIBE) wählte, waren im Gegensatz zu den Bachelorkursen recht anspruchsvoll. Aber am besten hat mir immer noch der Chinesisch-Sprachkurs gefallen. Wir haben dadurch so viel so schnell gelernt, dass wir schon bald auf die Straße gehen konnten, um unser Chinesisch unter Beweis zu stellen. Und siehe da, wir ernteten Respekt von euch und wurden sogar weniger über den Tisch gezogen, als wir mal wieder in einem Fake-Market unser Verhandlungsgeschick erprobten. Und im Gegensatz zur Mensa war das Essen außerhalb des Campus wirklich lecker. Da uns ein Mittagessen nie mehr als umgerechnet zwei Euro gekostet hat, haben wir da natürlich zugeschlagen. Ich kannte vorher nur deine gebratenen Nudeln, die es in Deutschland beim Chinesen gegenüber gibt, aber dass dein ›wahres‹ Essen so anders ist, hätte ich nicht gedacht. So viele Snacks und Kleinigkeiten für den schnellen Hunger kennen wir bei uns zuhause nicht. Ich mochte die kleinen mobilen Stände, die alles frisch und schnell zubereitet haben. Oder deine ›wahre‹ Peking-Ente, die mit unserer gar nichts mehr zu tun hat. Wie wir uns anfangs angestellt haben, das Fleisch mit dem Gemüse und der Soße in einen kleinen Wrap zu packen, werde ich nie vergessen …

Wahrscheinlich genauso wenig wie dein Nachtleben, das man als Europäer noch einmal ganz anders erlebt. Der erste Eindruck täuschte, als man dachte, dass es doch sehr den deutschen Clubs ähnelt. Sobald man jedoch in Clubs gewandert ist, die hauptsächlich von Chinesen besucht werden, wurde es richtig interessant. Wie fixiert deine Mitmenschen aber auch auf uns sind! Kaum waren wir drin, wurden wir von allen Seiten gefragt, ob wir an ihren Tisch wollen. Gute und teure Getränke gab es aufs Haus und dazu das ein oder andere Gespräch in gebrochenem Englisch. Das war immer ein Erlebnis, das ich ohne dich wohl nicht noch einmal erleben werde.

Reise ins Japans Landesinnere

Nach meinem Auslandssemester hatte ich zum Glück noch drei Wochen Zeit, bei einer Reise dein Landesinnere kennenzulernen. Da der Zugtransfer am günstigsten war, habe ich mich dafür entschieden. Wieder nicht mit Deutschland zu vergleichen! Die Zugwaggons waren je nach Preisklasse entweder mit zwei oder gleich Dutzend Hochbetten ausgestattet, wobei die günstigste Variante mit drei Betten übereinander à 15 Reihen schon ein Abenteuer war. Um 22 Uhr wurde das Licht ausgeschaltet, danach war nach einem hektischen und lauten Gewusel auch schnell Ruhe. Endlich angekommen, war ich schnell von deiner Landschaft begeistert. Berge, Täler, Felder – so eine Vielfalt innerhalb eines Landes! Dazu die berühmten Reisterrassen fernab vom stressigen Stadtalltag, einfach unbeschreiblich. Doch auch diese Zeit war schnell vorbei und ich muss dir leider sagen, ich war doch recht erschöpft und brauchte erst einmal eine Pause von dir. Weg von all den Menschen, um erst einmal frische Luft zu schnappen – im wahrsten Sinne des Wortes. Deine verschmutzte, dicke und graue Luft werde ich wohl am wenigstens vermissen. Aber dadurch, dass du so viel zu bieten hast, was ich in der kurzen Zeit nur wie im Zeitraffer aufnehmen konnte, wurde mir zurück in Deutschland schnell bewusst: Ich muss noch einmal zurück.

Also hieß es noch einmal einen Weg zu finden, um dich wieder zu besuchen. Ein Praktikum bot sich dafür am besten an, da ich so nicht nur das chinesische Studienleben kennenlernen durfte, sondern nun auch den Arbeitsalltag dazu. Hier bin ich nun, im Westen Chinas, in Chengdu. ›InternChina‹, wo ich nun momentan arbeite, ist eine Praktikumsvermittlung für internationale Studenten, die gerne Arbeitserfahrungen in einem internationalen Unternehmen in China sammeln möchten. Über InternChina wurde mir auch meine Gastfamilie vermittelt, die ein wahres Geschenk ist. Durch sie habe ich viele Einblicke in den chinesischen Alltag bekommen.

Abschied vom Reich der Mitte

Unvergesslich, wie meine Gastmutter mir das Handeln im Internet näher gebracht hat, gemeinsame Lacher über Kommunikationsprobleme oder Vergleiche über unsere Lebensweisen. Gespräche über deine Kultur, die Regierung und allgemeine Politik hätte ich nirgendwo sonst so authentisch erfahren können. Aber meine Zeit hier ist erneut bald zu Ende und ich muss mich von all dem hier verabschieden. Es war eine tolle Zeit und dich kennen gelernt zu haben, hat mir die Augen geöffnet, Vorurteile dir gegenüber vom Tisch zu räumen. Du hast mir die Chance gegeben, neue wertvolle Erfahrungen sammeln zu dürfen, die ich nun zurück mit nach Deutschland nehmen werde. Ich werde dich nicht vergessen und wir werden uns eines Tages wiedersehen. Versprochen!


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