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Erfahrungsbericht: Praktikum in Vietnam

Maria hat sich in Hanoi von der Gastfreundschaft der Vietnamesen überzeugt und als Ex-DDRlerin die Überbleibsel des Sozialismus aufgetan.

»Wie war Hanoi?«, fragt mich meine Freundin Julia und mir fällt es schwer zu sagen: »Spitzenmäßig. Kann man nur empfehlen.« Denn vieles, was ich von einem Auslandspraktikum erwartet hatte, hat Vietnam nicht erfüllt. Drei Monate war ich bei der Deutschen Außenhandelskammer in Hanoi. Meine Aufgabe bestand darin, die Außenwirtschaftschancen Sachsen-Anhalts zu analysieren und zu bewerten. Im Delegiertenbüro war seit 2004 die Wirtschaftsrepräsentanz meines Heimatbundeslandes integriert. Umso erstaunlicher, dass ich zu diesem Zeitpunkt die einzige Landesvertreterin war.

Meine Recherchen waren schwierig. Zum einen durch die sprachlichen Hürden und zum anderen dadurch, dass ich manche Aussagen dort erst einmal richtig interpretieren musste. Denn viel und offen sprachen die Vietnamesen nicht. Aus Höflichkeitsgründen verhüllten sie häufig ihre Kritik. Ich hatte Probleme damit, mich als Europäerin zu integrieren – weniger dadurch, dass ich selbst nicht anpassungsfähig gewesen wäre: Vietnamesen wollen offenbar gar nicht, dass man sich anpasst.


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Vietnam scheint eines der europäisiertesten Länder Asiens zu sein, so dass der Lebensstil und das Essen mir nicht fremd vorkamen. Trotzdem fühlte ich mich ausgegrenzt. Als ich im Hanoier Zoo war, war ich wohl das Tier, das am meisten angestarrt wurde. Als Ausländerin wahrgenommen zu werden, bedeutete sowohl Vor- als auch Nachteile. Positiv war, dass man quasi gesetzlos leben konnte. Kein Verkehrspolizist hätte gewagt, mich anzuhalten, wenn ich mit meinem Moped entgegen der Fahrtrichtung in die Einbahnstraße gebogen oder zu früh über die noch rote Ampel gefahren bin.

Privilegiert behandelt wurde ich auch in jedem Restaurant oder Supermarkt, weil man immer davon ausging, ich wäre steinreich. Genau das war aber auch das Negative: Da ich für eine Touristin gehalten wurde, durfte ich auch immer kräftig zahlen. Zwar gehörte das Feilschen und Handeln zum guten Geschäftston, die Vietnamesen versuchten dabei aber oft auf unverschämte Weise, das Doppelte oder gar Dreifache herauszuholen. Für drei Bananen bezahlte ich anfangs umgerechnet einen Euro. Später gelang es mir, für den gleichen Betrag eine ganze Staude zu kaufen. Klar, vieles war billig: neben Obst etwa auch Klamotten oder Diesel. Allerdings sank mit dem niedrigen Preis auch die Qualität erheblich. Wollte ich einem westlichen Lebensstandard frönen, dann hatte ich dafür genauso viel wie zu Hause und manchmal sogar mehr zu zahlen – zum Beispiel vier Euro für einen Käse!

In der Bevölkerung gab es eine versteckte Armut, die ihrem Namen alle Ehre machte. Jeder Hanoier kleidete sich nach außen hin fein, besaß ein Motorrad und ein Mobiltelefon. Die schicke Fassade war vielen Vietnamesen wichtiger als ihre eigentlichen Lebensumstände. Und doch hatten diese sich in den letzten Jahren stark verbessert. Mit dem Mehr an Geld schienen die Menschen auch das sozialistische Credo der Konsumzurückhaltung vergessen zu haben. Neureiche Familien konnte man vor allem durch ihre dicken Kinder von anderen unterscheiden, denn die bekamen buchstäblich alles in den Hals gestopft, was sie sich wünschten.

Gastfreundlichkeit ohne Grenzen

Ein Charakteristikum traf auf wirklich jeden Vietnamesen zu: die Gastfreundlichkeit. Die bekam ich zum Beispiel auf einer Mopedtour zu spüren, die ich zusammen mit Alex, einem deutschen Freund, zum serpentinenumschlungenen Bergdorf Tam Dao unternahm. Die Vietnamesen sahen uns zwar zuerst so an, als ob sie noch nie Ausländer gesehen hätten. Als ich aber einen Platten hatte, boten sie mir an, meinen Reifen aufzupumpen.

Auf einem Berg entdeckten wir dann eine Pagode, die einen ganz anderen Eindruck machte als die in der Stadt. Hier standen bunte Papp- Pferdchen herum. Im Inneren der Pagode saßen die Dorfbewohner, außen standen diejenigen, die keinen Platz mehr bekamen. Von der Seite schaute ich hinein: Eine Frau tanzte vor dem Altar mit Schwertern und Feuer. Ihre Helfer verteilten Süßes, Geld, Zigaretten und Bier – all das, was Vietnamesen zum Halb- und Vollmond ihren Ahnen in der Pagode überlassen. Selbst Alex und ich bekamen Geld und Essen geschenkt. Ich war sehr beschämt und wollte es gar nicht annehmen, aber es abzulehnen, das ließen die Dorfbewohner nicht zu. Das Wenige, das sie hatten, gaben sie an uns weiter. Hier hatten Alex und ich also eine Perle vietnamesischer Kultur, ein Stück echtes Vietnam gefunden, das in keinem Reisekatalog zu bestellen ist.

In jedem Dorf, das wir durchfuhren, winkten Kinder und riefen: »Hel - lo!«. Am 25. Dezember nahm mich Thanh, ein gleichaltriger Vietnamese aus Hue, mit zu seinen Freunden »to celebrate christmas«. Wir fingen an zu trinken. Die vietnamesische Art Bier zu trinken ist anders: Zuerst wurde das Glas voll gegossen, alle taten sich ein großes Stück Eis hinein und leerten es auf ex. Danach füllten sie wieder voll auf und tranken die Hälfte auf einmal. Anschließend gossen sie das Glas noch einmal bis zum Rand voll und leerten es nun zu einem Drittel.

Wenn das geschafft war, ging alles wieder von vorn los. Als der Kasten nach einer Stunde leer war, machte der selbstgebrannte Schnaps die Runde. Das Gute daran, dass man in Vietnam vor Zapfenstreich um 23 Uhr betrunken ist, ist die Tatsache, dass man am nächsten Morgen schon um acht Uhr wieder fit ist.

Alltag in Hanoi

»Hello! Moto?« In Hanoi hörte ich an jeder Ecke die so genannten Xeom-Fahrer hinter mir her rufen, ob ich nicht mit ihrem Motorrad irgendwohin gebracht werden wollte. Aber ihr englisches Vokabular erschöpfte sich meist in diesen zwei Wörtern, so dass man nur mit Stadtplan und bereitgehaltenen Geldscheinen sein Ziel erreichte.

Wollte man Hanois Alltag kennen lernen und dabei als vollwertiger Verkehrsteilnehmer gelten – und manchmal kam es mir so vor, als sei das auch Bedingung, um als Gesellschaftsmitglied anerkannt zu werden – , dann fuhr man Moped. Auch ich fuhr eines, obwohl ich tierische Angst hatte, denn ich hatte vorher noch nie ein Moped in den Händen und unter meinem Hintern gehabt. Und nun sollte ich damit im legendären Verkehr Vietnams beginnen? Wo sich keiner an die Regeln hält, mehr Mopeds fahren als Führerscheine vergeben werden und es Busse gibt, die nie bremsen oder hupen? Wo man sich dessen bewusst sein muss, dass man jeden Morgen potenziellen Selbstmord begeht, wenn man aufs Moped steigt? Aber ich setzte mich drauf und fuhr. Erst am zweiten Tag fiel ich hin und schrammte mir mein rechtes Knie – und sofort half mir ein freundlicher Vietnamese wieder auf. Was bleibt? Schlechte Erinnerungen an sputende und spuckende Vietnamesen. An die Jahrhundertflut, in der ich im 60 Zentimeter tiefen Wasser mein Moped schob. An die bunten, Bojen ähnelnden Regencapes der anderen Mopedfahrer. An schlechte Luft und die durch den Smog verdunkelten Tage. An die verkorkste Reise über Tokio. Schöne Erinnerungen an das Essen: Auch wenn es auf der Straße zubereitet und gegessen wurde, war es doch wirklich lecker. An laut und ausgelassen feiernde Vietnamesen nach dem Sieg des Asian Cups.

An das Baden im Pool der Deutschen Botschaft. Skurrile Erinnerungen an den vom Goethe-Institut eingeführten Döner, der an vielen Ecken zu finden war. An Hochzeitspärchen bei extrem stilisierten Fotoshootings. An die vielen Kabel, von denen nur wenige funktionierten, denn war eines kaputt, wurde das neue einfach darüber gehängt. An Plakate, die in jeder Straße aufgehängt waren und das sozialistische Vaterland auf eine Weise propagierten, die ich noch von der DDR her kannte: Ganz groß hing Onkel Ho mit einem Kind auf dem Arm vier mal fünf Meter hoch am Hoan Kiem See. Und was noch bleibt: ein etwas besseres Verständnis für die eigene sozialistische Geschichte.


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