Freiwilligenarbeit in Indonesien: Linda in Jakarta

Duschen mit dem Eimer, balancieren auf dem Bürgersteig: In Jakarta gehen die Uhren Anders. Linda hat dort sechs Monate verbracht und sich in die Indonesische Vielfalt verliebt

Für mich stand schon vor meinem Abschluss fest, dass ich nicht direkt nach dem Bachelor mit meinem Masterstudium weitermachen möchte. Ich wollte die Zeit nutzen, um ins Ausland zu gehen oder ein bisschen Arbeitserfahrung zu sammeln. Am liebsten aber beides! Zufällig wurde ich auf den Freiwilligendienst ›kulturweit‹ der deutschen UNESCO-Kommission aufmerksam: Sechs bis zwölf Monate in einer Einsatzstelle der deutschen Kultur- und Bildungspolitik im Ausland arbeiten, samt umfassender finanzieller Unterstützung und Begleitseminaren? Perfekt! Spontan bewarb ich mich. Auf die Zusage folgte ein halbes Jahr Vorbereitungen, Impfungen, Kofferpacken und Verabschiedungen. Schließlich stieg ich in Jakarta, der indonesischen Hauptstadt, aus dem Flugzeug – bereit für sechs Monate im Goethe-Institut Indonesien.

Müll, Lärm, Stau – Jakarta ist nicht schön, aber liebenswert

Schon vor meiner Ausreise wurde ich gewarnt: Jakarta ist keine Schönheit! Eine Stadt, die mit der angrenzenden Metropolregion 30 Millionen Menschen beheimatet, ist ziemlich voll. Stau, hupende Autos und Motorräder auf den Straßen sind ein Dauerzustand, es gibt ein Abwasser- und Müllproblem, vom Lärm ganz zu schweigen. Viele Touristen haben jedoch nur eine Vorstellung von Indonesien: die Sandstrände von Bali, blumengeschmückte Tempel und Surfer in der Brandung – das Leben in Jakarta ist jedoch ein ganz anderes. Und trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen – waren die Monate, die ich dort verbrachte, so toll, dass ich beim Erzählen immer noch ins Schwärmen komme und mir die Stadt sehr fehlt.

Glücklicherweise fand ich durch Kontakte meiner Einsatzstelle eine Wohnung, die ich mir mit einem einheimischen Kollegen sowie meiner deutschen Mitfreiwilligen teilen konnte. Wohngemeinschaften sind in Indonesien nicht sehr verbreitet, typischerweise leben die Menschen entweder bei der Familie oder in einem ›Kost‹. Das ist eine Art Studentenwohnheim mit Gemeinschaftsküche, allerdings ist es nicht unüblich, dass dort Angestellte Mitte 30 leben. Die WG war eigentlich wie eine typische WG in Deutschland, nur mit ein paar Einschränkungen: Lebensmittel mussten immer verpackt werden, da sich sonst sehr schnell Ungeziefer breit machte. Das Leitungswasser konnten wir nicht trinken, außer wenn wir es abkochten. Die Klimaanlage ließen wir meist laufen, da der Luftzug die Moskitos vertreibt. Allerdings ist der ständige Luftzug nicht gut für die Atemwege. Duschen funktionierte nur mit kaltem Wasser und auf indonesische Art, dem ›Mandi‹. Das ist ein Eimer, der mit Wasser befüllt wird. Der Duschende gießt sich dieses dann mit einer kleinen Schöpfkelle über den Kopf. Hört sich abenteuerlich an, war für mich nach wenigen Tagen aber schon ganz normal und unproblematisch. Auch die Kakerlaken, die ab und an ihren Weg aus der Kanalisation in unser Badezimmer fanden, gehörten bald zum Alltag – nach sechs Monaten war ich Meisterin darin, die Tierchen mit dem Pümpel zu verjagen!

Einblicke in Indonesiens Haupstadt

Meine WG lag erfreulicherweise so nah am Goethe-Institut, dass ich jeden Morgen zur Arbeit laufen konnte – das konnten viele meiner indonesischen Kollegen nicht nachvollziehen. Wieso ich mir denn kein Taxi oder Motorrad-Taxi nähme? Der Transport ist sehr günstig: Für eine Taxifahrt von eineinhalb Stunden bezahlt man umgerechnet etwa sieben bis zehn Euro. Für kurze Stecken dann entsprechend weniger. Doch ich wollte den morgendlichen Stau umgehen und das Leben auf den Straßen der Hauptstadt erleben. Eine Sache erlebte ich dabei jeden Morgen aufs Neue: Den unglaublich schlechten Zustand der Bürgersteige! Nicht selten fiel ich fast hin, weil entweder ein Metallteil aus dem Boden ragte, plötzlich Blumenkübel im Weg standen oder sich ein Loch auftat, durch das ich hüfthoch in die Kanalisation gefallen wäre, wenn ich nicht aufgepasst hätte. Merke: Jakarta ist eigentlich keine gute Stadt zum Zu-Fuß-gehen!

Am Goethe-Institut arbeitete ich in der Bibliothek und Sprachabteilung und bekam so einen guten Einblick in die verschiedenen Bereiche. Dank eines tollen Teams aus Indonesiern und deutschen Kollegen fand ich mich schnell zurecht und durfte viele Aufgaben übernehmen, wie zum Beispiel Berichte schreiben, Workshops und Teilnahmen an Festivals organisieren, Teilnehmer betreuen, Bücher bestellen … Ein Highlight war auf jeden Fall die Reise, die meine Mitfreiwillige und ich gegen Ende unseres Aufenthaltes unternehmen durften: Als Repräsentantinnen des Instituts reisten wir zehn Tage lang auf drei verschiedene Inseln Indonesiens und stellten dort an Partnerschulen Deutschland und das Goethe-Institut vor, unterrichteten Deutsch, präsentierten aktuelle deutsche Musik und beantworteten alle möglichen Fragen der Schüler. Dabei kam es zu vielen Situationen, die ich bestimmt nicht so schnell vergessen werde: Man hört schließlich nicht jeden Tag die indonesische Nationalhymne um 6.30 Uhr auf einem Schulhof, singt mit indonesischen Schülern das Flieger-lied, trifft Lehrerinnen, deren Enkel die deutschen Namen ›rosarote Brille‹ und ›Sonnenallee‹ tragen oder übernachtet in einem Internat.

Indonesiens vielfältige Kultur erleben

Besonders beeindruckt hat mich die Vielfalt der indonesischen Kultur. Ein wichtiger Bestandteil ist hierbei die Religion: Indonesien ist das größte muslimische Land der Welt, doch manche Inseln sind rein christlich oder buddhistisch. Dank der Vielfalt des Landes konnte ich die unterschiedlichsten Erfahrungen machen: Shopping in einer der größten Malls Südostasiens, Surfen am Strand von Bali, Nasi-Goreng am Straßenrand essen, über den Dächern der Stadt in einer Rooftopbar die Aussicht auf Jakarta genießen, die größte Moschee in der Region besuchen, einen Vulkan besteigen, mit Schildkröten tauchen, auf Märkten mit Händlern feilschen oder durch die vom Regen überfluteten Straßen waten. Keine der 17.500 Inseln ist so wie die andere – und ich habe nur neun davon gesehen. Keine Frage, dass ich gerne nochmal zurückkomme, um mehr von dem Land zu sehen!


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