Mongolei: Ein Semester in Ulan Bator

Im Land der Nomaden: Sarah verbrachte ein Semester in der Mongolei – eine Zeit voller Spontaneität, herzlichen Begegnungen und verrückten Wetterkapriolen

Warum Mongolei? Und wo liegt das noch einmal? An diese Fragen habe ich mich während meines Studiums der Mongolistik an der Uni Bonn gewöhnt. Hochgezogene Augenbrauen und große Augen sind die normale Reaktion, wenn ich meinen Studiengang erwähne. Ja, ich studiere tatsächlich die mongolische Sprache, Literatur, Kultur, Geschichte und vieles mehr. Und warum? Meine Gründe, dieses weit entfernte zentralasiatische Land zum Mittelpunkt meiner Ausbildung zu machen erscheinen vielen Fragenden trotzdem noch rätselhaft. Meistens antworte ich: die bis an den Horizont reichende Steppe, darüber himmlisches, wolkenloses Blau, die Vielfalt und Tiefe der mongolischen Sprache, die Herzlichkeit und Gastfreundschaft der Mongolen.


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Verliebt in die Mongolei

Erklärungsversuche gibt es viele für die Faszination, die dieses Land für mich bereithält. Wer mich über die Mongolei sprechen hört, dem wird schnell klar: Ich bin verliebt. Einfach verliebt! Seit meiner ersten Mongolei-Reise im Jahr 2010 kann ich einfach nicht genug bekommen von Land und Leuten, fühle mich damit verbunden, möchte mehr über Kultur und Traditionen erfahren und außerdem so viel Zeit wie möglich dort verbringen. »Nirgends kann es so schön sein wie hier«, schrieb der Mongolei-Reisende Fritz Mühlenweg im Jahr 1927. Und auch mich begleitet diese Vorstellung: Welche Weltgegend kann es schon mit der mongolischen Steppe aufnehmen? Von der erhabenen Schönheit ihres Landes sind nicht zuletzt die Mongolen selbst überzeugt. »Du hast Glück, dass du noch zu uns gefunden hast!«, sagen sie häufig zu Ausländern. In meinem Fall kann man sogar von doppeltem Glück sprechen. Ich hatte nicht nur das Glück den Weg zu den Mongolen zu finden, sondern konnte im Rahmen eines Auslandssemesters an der National University of Mongolia sogar ein ganzes Semester dort verbringen. Als Thema meiner Abschlussarbeit hatte ich deutsch-mongolische Beziehungen gewählt. Nun wollte ich dafür in der mongolischen Hauptstadt Ulan Bator gezielt die deutsche Auswanderer-Gemeinschaft untersuchen. Mich interessierte, was sie dorthin verschlagen hatte – welche persönlichen oder beruflichen Gründe – aber auch, inwiefern sich ihr Lebensstil dort ändert. Schließlich herrschen in der Mongolei ganz andere Bedingungen als in der deutschen Heimat.

Wetter und Klima in der Mongolei

Der offensichtlichste Unterschied ist wohl das Klima und die Landschaft. Sowohl in der Steppe als auch in der Stadt dominieren in der Mongolei Klimaextreme. Im Winter sinken die Temperaturen auf bis zu minus 40 Grad und im Sommer steigen sie auf bis zu plus 40 Grad. In den kurzen Übergangszeiten, Frühjahr und Herbst, wechselt das Wetter wild und wahllos zwischen beiden Extremen. Als ich anreiste, war es gerade April, der Beginn des Frühlings. Oft ging ich mit Sonnenbrille und Schal, T-Shirt und Winterstiefeln, sowie mehreren Schichten Kleidung, zum Schälen wie eine Zwiebel auf zwei Beinen, aus dem Haus. Ein typischer Tag sah zum Beispiel so aus: Erst sonnt man sich in kurzer Hose, dann regnet es in Strömen bei fünf Grad. Und weitere zehn Minuten später schneit es.

Das wirklich Außergewöhnliche an diesem verrückten Wetter war für mich allerdings die bewundernswerte Gleichmut, mit der die Mongolen die Umschwünge hinnehmen. Während ich mir jedes Mal fluchend und schimpfend die Regelmäßigkeit der deutschen Jahreszeiten zurückwünschte, zuckten viele Mongolen nur gemütlich mit den Schulten oder schüttelten überrascht den Kopf über meine Wetterfühligkeit. Auch meine Versuche mit dem Wetter Small-Talk zu machen, ernteten viel Verblüffung. Ein typischer Dialog ging zum Beispiel so: »Mensch, das Wetter ist ja wieder unerträglich heute, oder? Was meinst du?« – »Aber warum redest du denn darüber? Was willst du mir damit sagen? Wir können das Wetter doch sowieso nicht verändern!« – »Äh, ja, schon, wir können uns doch trotzdem darüber unterhalten.« – »Das verstehe ich nicht! Das ist ja eine lustige Idee!«

Mongolisches Zeitmanagement

Viele Auswanderer erklären sich das leicht chaotische mongolische Zeit-Management anhand des Wetters. Wer eine Verabredung aufgrund eines spontanen Schneesturms nicht pünktlich einhalten kann, dem wird das in der Mongolei kaum jemand übel nehmen. Für mich persönlich war der gelockerte Pünktlichkeitsdruck wahnsinnig entspannend. Der lässige Umgang mit Terminen und Pflichten war eine erfrischende Abwechslung vom strikt durchstrukturierten deutschen Uni-Alltag. Ich habe im täglichen Leben eine viel größere Spontaneität und Flexibilität beobachten können. Manche behaupten das liege am kulturellen Erbe der Mongolen, von denen ein Drittel bis heute im traditionell nomadischen Rhythmus lebt und mehrmals im Jahr umzieht. Besonders bei Reisen lernt man viel Flexibilität und auch Geduld hinzu. Als ich während meiner kurzen Ferienzeit verreisen wollte, war es für mich selbstverständlich mich vorher über Distanzen, Touri-Attraktionen und Reisedauer zu informieren.

Auf meine Frage, wann wir in Kharkhorin ankommen werden, bekam ich einmal die Antwort »Wir kommen an, wenn wir ankommen.« Bei genauerem Nachhaken konnte ich auch nicht mehr als: »Wir fahren los, wenn wir losfahren. Wir kommen an, wenn wir ankommen.« aus dem mongolischen Busfahrer herausquetschen. Für mich war es unglaublich, sich vor einer Reise nicht zu überlegen, wann man ankommt. Für den mongolischen Busfahrer war es sicherlich genauso absurd, sich vor einer Reise schon über die Ankunfszeit Gedanken zu machen. Schließlich weiß man doch noch gar nicht, was auf dem Weg alles passieren kann.

Das Gleiche gilt auch für den gemeinsamen Weg, den die Mongolen und ich vielleicht noch vor uns haben. Sicher ist, dass ich durch die Gespräche im Rahmen meiner Abschlussarbeit viele Ideen bekommen habe, wie das Leben als deutscher Auswanderer in der Mongolei aussehen könnte. Ob ich den endgültigen Absprung ins Land der Steppenstrolche eines Tages wage oder nicht, kann ich im Moment noch nicht einschätzen. In der Zwischenzeit werde ich immer gerne an mein Semester in Ulan Bator zurückdenken und mich vielleicht ein bisschen zurücksehnen. Ich werde den Geruch von Hammel vermissen, der mich jedes Mal ein kleines bisschen Mongolei schnuppern lässt. Ich werde die singenden, stoischen, herzlichen Mongolen vermissen, die ich während der Zeit dort ins Herz geschlossen habe. Und ich werde die Steppe vermissen, den Wind, den wolkenlosen, blauen Himmel und die Freiheit. Doch als ich nach einem Semester am Chingis Khan Flughafen den Heimweg antrat, fühlte ich mich nicht traurig, nicht mal ein bisschen wehmütig. Denn ich weiß: Ich werde wiederkommen. Und nirgends kann es so schön sein wie hier. Bis bald, wir sehen uns in Ulan Bator!


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