Nina Niedballa

Praktikum in China: Nina über ihre Zeit in Chengdun

Nina in China – so ulkig sich das anhört, war es nicht immer. Ein ungeschönter Erfahrungsbericht, der zeigt, dass es im Auslandspraktikum auch mal rau zugehen kann

  • Chengdu ist die Hauptstadt der Provinz Sichuan und seine talwärtige, von Bergen umringte Lage sorgt zusammen mit der subtropischen Luftfeuchtigkeit für ganzjährigen Nebel. Lieblingsessen des abgebrühten Sichuan-Chinesen: Hot Pot, ein scharfes Gericht, das sich die Einheimischen in die Augen schmieren können, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Löst bei Ausländern regelmäßig Schreikrämpfe aus.

»Wenn nicht für dein ausländisches Aussehen, wofür sollte ich dich sonst einstellen?« Ich konnte nicht glauben, dass er mir das ernsthaft so sagte. Wir hatten darüber gesprochen, nachdem ich dieses Mal, das vierte Mal, nicht auf irgendwelche Fake-Firmen und Ausbeuterchefs reinfallen wollte.

Der vermutliche Glückstreffer

Mit meinen Praktika erlebte ich drei Griffe ins Klo in nur drei Monaten. Und dann, als ich eigentlich schon aufgeben wollte, fand ich diese witzige kleine Firma am Po von Chengdu. Mitten in der staubigen Betonwüste der High-Tech-Zone. Mit Kollegen, die noch der pubertäre Bartflaum zierte, und einem kleinen Hund, der seinen Herrchen, meinen Chefs, treuer war als alles andere. Ein Glückstreffer! Dachte ich.

Praktika als generelles Übel?

Ich bin mir im Nachhinein immer noch nicht sicher, ob schlechte Praktika zu den lokalen Spezialitäten gehören, oder ob Praktika grundsätzlich eine üble Sache sind. Eine Wahl hatte ich aber auch nicht, denn das Praktikum ist fester Bestandteil meines Wirtschaftssinologiestudiums.

Ausländer als Exoten in China

Meiner Wahrnehmung nach werden Ausländer in China in der Regel nicht für ihre Fähigkeiten eingestellt, sondern für ihr exotisches Aussehen. Es gibt zwar mittlerweile viele ausländische Bewohner in China, verglichen mit der chinesischen Bevölkerungszahl sind diese aber immer noch Exoten (Anmerkung d. Red.: 0,05 Prozent beträgt der Ausländeranteil der Chinesischen Bevölkerung. Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung). Einen ›eigenen‹, weißen Ausländer zu haben, kam mir etwa vergleichbar damit vor, ein teures Auto oder ein Exemplar einer seltenen Hunderasse zu besitzen, das man vor Kollegen oder der Konkurrenz zur Schau stellen kann. Meiner Meinung nach irgendwie entwürdigend. Für jene, die ohne viel Talent trotzdem schnell und viel Geld machen wollen, kann das aber natürlich auch ein Vorteil sein. Denn das sogenannte ›White Monkey Business‹ wird in der Regel gut bezahlt. Für Praktikanten gilt dieser Deal meiner Erfahrung nach jedoch nicht.

Drei verschiedene Praktika - drei verschiedene Arbeitszeiten

Meine chinesischen Arbeitszeiten variierten stark, abhängig jeweils von Firma und Branche. Im ersten Praktikum erlebte ich zusammen mit einem deutschen Chef auch deutsche Arbeitszeiten und eine deutsche Arbeitsmoral – im zweiten Praktikum arbeitete ich fast ausschließlich von zu Hause und mit dem letzten Praktikum hätte ich im Prinzip meinen Mietvertrag kündigen können, denn ich wohnte nun nahezu in der Firma. Was ich dafür bekam? Nicht viel, außer der (Grenz-)Erfahrung und den wirklich großartigen Arbeitskollegen, ohne die ich die Arbeitszeiten hier gar nicht ausgehalten hätte. Dabei empfand ich das Leben in der Firma nicht einmal als besonders effektiv. Im Gegenteil. Oft wurde ich gefragt, wie das Leben und Arbeiten in Deutschland so ist. Wenn ich dann von Acht-Stunden-Arbeitstagen und einem freien Wochenende erzählte, staunten die chinesischen Kollegen nicht schlecht. Niemand konnte sich vorstellen, wie wir in Deutschland so ›wenig‹ arbeiten und dabei so eine gute und stabile Wirtschaft haben können. Ein wenig stolz erklärte ich dann, dass in Deutschland Arbeit und Privates strikt getrennt werden. Dass wir konzentriert sind und effizient. Eine solche Arbeitsmoral, so mein Eindruck, können sich in China wiederum die Wenigsten vorstellen.

Der chinesische Straßenverkehr

Weil man sich die morgendliche Rush Hour in einer chinesischen Großstadt etwa so unterhaltsam vorstellen muss, wie eine Wurzelbehandlung ohne Betäubung, legte ich mir für die etwa 16 Kilometer meines morgendlichen Arbeitsweges einen chinesischen Elektroroller zu. Ich erinnere mich noch sehr genau an die Worte meines Mitstudenten Salim, der mir folgenden nützlichen Tipp zusammen mit seinem Roller verkaufte: »Wenn irgendetwas klappert, einfach schneller fahren.«

Dieser Satz hatte den Kern des chinesischen Pragmatismus wie den Nagel auf den Kopf getroffen. Diese Einstellung war etwas, das ich in Deutschland sehr vermisse: Sich einfach mal keine Sorgen zu machen. Sorglosigkeit und eine ausgeprägte Ich-Mentalität führen auch zur wichtigstens Regel im chinesischen Straßenverkehr: Hupe kommt vor Bremse.

Die Kellerleute

Die ersten Menschen, denen ich morgens begegnete, waren die Kellerleute. Das Chengduener Paar mittleren Alters betriebt dort eine Art Tiefgarage mit 24-Stunden-Service. Die beiden waren sagenhaft freundlich und teilten mit mir ihr sprichwörtlich letztes Hemd. Ihre in der Nachbarschaft bekannte Lebendvogelendlagerung brachte ihnen einmal sogar einen echten Wanderfalken ein, der aber glücklicherweise ausgewildert werden konnte, bevor ihm anderes zustoßen sollte.

Die Bao'ans

Mein nächster Stop: die Bao’ans. Die Wachleute eines Wohnviertels sind wie ein organisches Messgerät zur Bestimmung des sozialen Status seiner Einwohner: Reiche Leute haben extrem freundliche und zuvorkommende Bao’ans, die ihren Job als Wachposten tatsächlich ernst nehmen. Wer in einer günstigen Wohnung lebt, hat die anderen. Wir hatten die anderen.

Die einfachen Arbeiter

Auf dem Weg zur Arbeit reihte ich mich dann ein in den Strom der beräderten Säulen des chinesischen Wirtschaftswunders: den einfachen Arbeitern. Klaglos tragen sie das ganze Land auf ihren staubigen Schultern und teilten jeden Morgen ein Stück des Arbeitsweges mit mir, um noch ein paar Lasten mehr zu stemmen. Schlecht gelaunt waren sie dabei nicht. Im Gegenteil. Meistens waren sie zu mehreren nebeneinander als mobile Straßenblockaden unterwegs, unterhielten sich, rauchten, waren laut und ausgelassen – wie unsereiner nach der Arbeit in der Kneipe. Nur dass sich diese Menschen das Bier in der Kneipe gar nicht leisten können. Ich beobachtete sie oft auf meinem Weg. Wenn ich an diese Menschen denke, traue ich mich nicht mehr, über meine Probleme zu klagen. Auf der Straße mochte ich aussehen wie eine von ihnen. Aber das war ich eben nicht. Ich bin privilegiert. Und das wurde mir in China jeden Tag aufs Neue bewusst.

Ninas Tipps

  • Unbedingt ausprobieren Trocken-snowboarden im American Extreme Sports Park: Winter-sport in subtropischer Hitze.
  • Besser nicht Die Pandaaufzuchtstation: Die Tiere sind in einem erbärmlichen Zustand.
  • Das wichtigste Reiseutensil Klopapier, das gibt es auf öffentlichen Toiletten nämlich nicht.
  • Einmaliges Erlebnis In einer Tiergarage mit einem Wanderfalken fernzusehen ist mit Worten nicht zu beschreiben.
  • Geheimtipp zum Ausgehen Die Wellnesshotels in Chengdu. Ein Tag wie eine ganze Woche Urlaub und dabei sagenhaft günstig.

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